Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

09.10.2013

10:36 Uhr

Braunkohlebergbau

Apocalypse Now

VonAlexander Möthe

Garzweiler steht für Braunkohleabbau im ganz großen Stil. Straßen, Dörfer und ihre Bewohner müssen weichen. Wie lange geht dieses Konzept in Zeiten der Energiewende noch auf? Eine Ortsbesichtigung.

Leere Straßen, gespenstische Stille: Immerath im Kreis Heinsberg wird in den kommenden Jahren abgerissen. Alexander Möthe

Leere Straßen, gespenstische Stille: Immerath im Kreis Heinsberg wird in den kommenden Jahren abgerissen.

Immerath„Sie kommen 20 Jahre zu spät.“ Hans-Walter Corsten spricht diese Worte ohne Bitterkeit, aber mit ernüchternder Endgültigkeit aus. Corsten lebt in Neu-Immerath, nur wenige Kilometer von Alt-Immerath entfernt. Er hat vor wenigen Jahren dort gebaut, ist Mitglied im Bürgerbeirat des Orts.

Unter normalen Umständen gäbe es weder neu noch alt, sondern einfach Immerath. Erst der Braunkohletagebau vom Energieriesen RWE und seiner Tochter Rheinbraun machten diese Unterscheidung notwendig: Alt-Immerath wird wahrscheinlich im Laufe des Jahres 2016 von den riesigen Schaufeln der Bagger verschluckt. Schon jetzt gleicht der Ort einer Geisterstadt. Die Straßen sind leergefegt, gefangen in einer gespenstischen Stille. 1970 gab es hier 1537 Einwohner. 2010 waren es noch 401. Jetzt sind es zwischen 40 und 100.

Schon die Anfahrt über die A61 hat etwas Beunruhigendes. Nicht wegen des Verkehrs, es ist die Gewissheit, dass der Asphalt unter den Rädern in wenigen Jahren nicht mehr da sein wird – und dass es dann nichts mehr geben wird, wohin eine Autobahn führen könnte. Wer nicht schon einmal an einem der Aussichtspunkte am Rande der gigantischen Kohlelöcher gestanden hat, kann sich die Dimensionen nur schwerlich vorstellen.

Die Historie des Tagebaus Garzweiler II

August 1987

Das Bergbauunternehmen Rheinbraun AG beantragt den Tagebau Garzweiler II mit einer Fläche von 66 Quadratkilometern.

September 1991

Die NRW-Landesregierung begrenzt aus ökologischen Gründen das Abbaufeld auf 48 Quadratkilometer.

April 1997

Der NRW-Verfassungsgerichtshof weist eine Klage der Grünen-Landtagsfraktion gegen die Genehmigung des Tagebaus ab. Auch mehrere Kommunen scheitern mit ihren Klagen.

Dezember 1997

Das Bergamt Düren genehmigt den Rahmenbetriebsplan. Die rot-grüne Koalition in NRW, die seit Jahren heftig über Garzweiler II streitet, steht deshalb kurz vor den Aus.

Juni 2006

Der Tagebau geht in Betrieb. Rund 40 Jahre lang könnten sechs Prozent des deutschen Strombedarfs aus Garzweiler II gedeckt werden, teilt RWE Power mit. Rund 30 Prozent der 7600 Menschen, die ihre Dörfer verlassen müssen, sind zu diesem Zeitpunkt umgesiedelt.

August 2012

RWE nimmt ein 2,6 Milliarden Euro teures Braunkohle- Kraftwerk in Grevenbroich-Neurath in Betrieb. Dort wird auch Kohle aus Garzweiler verbrannt.

Juni 2013

Das Bundesverfassungsgericht verhandelt über Rechtmäßigkeit von Enteignungen für den Tagebau. Dabei geht es auch um eine Obstwiese des Umweltverbandes BUND.

Dezember 2013

Das Bundesverfassungsgericht winkt den Braunkohletagebau Garzweiler II durch. Für zukünftige Projekte werden die Rechte von Anwohnern jedoch gestärkt.

Die hausgroßen Bagger wirken fast wie Spielzeug, fräsen sich durch zahllose Tonnen Erdreich und Gestein. Im Gegensatz zur Steinkohleförderung hat der Braunkohletagebau in Deutschland überlebt, weil der weite Transport bei Braunkohle nicht wirtschaftlich wäre. Der Energieträger wird direkt vor Ort in Strom umgewandelt. Meist geht es per Zug oder Förderband direkt in die Kraftwerke entlang der Außenränder der Fördergebiete. „Irgendwo muss der Strom doch herkommen“, erklärt Corsten. Der Mann, der wegen der Bagger in Diensten von RWE sein Heimatdorf verloren hat.

Es ist ein gespaltenes Verhältnis, das die Menschen in der Region zum Energiekonzern haben. Die Essener machen faktisch gesehen nur ihren Job: Sie erzeugen Strom. Und das sichert Zehntausende Arbeitsplätze. Der Widerstand gegen die Erweiterung der Abbaugebiete hält sich dennoch seit Jahrzehnten – und ist völlig verständlich. Immer wieder lodern die Diskussionen um den Tagebergbau auf.

Das Hauptargument: Es ist ökologischer Wahnsinn, in vielerlei Hinsicht. Zum einen der Kohlendioxid-Ausstoß der Kraftwerke selbst, dem auch moderne Filter und der Handel mit Emissionszertifikaten kaum beikommen. Aber auch die bloße Zerstörung der Landschaft ist ein gravierendes Problem. So werden aus den Gruben jährlich etwa 100 Millionen Kubikmeter Grundwasser in den Rhein gepumpt.

Gleichzeitig wird wieder Wasser in die umgebenden Ökosysteme geleitet, damit Seen, Teiche und Moorlandschaften nicht austrocknen. Bis zum geplanten Förderstopp im Jahr 2045 soll der Ausstoß auf bis zu 145 Millionen Kubikmeter pro Jahr ansteigen, sagt der Naturschutzbund BUND. Nach Ende der Förderzeit wiederum werden über vier Jahrzehnte Jahr für Jahr etwa 60 Millionen Kubikmeter Wasser aus dem Rhein zum Verfüllen der Löcher eingeleitet.

Mammutprojekte, Jahrhundertprojekte, mit großem Nutzen, aber unübersehbaren Konsequenzen. Und jetzt, nachdem fortwährender Widerstand die Bagger nicht stoppen konnte, macht ein Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ die Runde, demnach RWE den Ausbau unter dem Projektnamen Garzweiler II stoppt, da Preisdruck und Öko-Alternativen die Braunkohle unrentabel gemacht haben. Das Dementi des Konzerns ließ nicht lange auf sich warten. Es bleibt, wie so oft, die Unsicherheit, wie es wirklich im Revier weitergeht.

Kommentare (21)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

DEUFRA2011

09.10.2013, 11:16 Uhr

Das liest sich spektakulär, verläuft aber viel grausamer und ungerechter in der Umgebung unserer Flughäfen, zum Beispiel Frankfurt. Wertvolles Wohnumfeld wird vernichtet, Sozialgefüge werden zerstört. NUR: RWE entschädigt die Eigentümer,Flughafenbetreiber nicht.

vandale

09.10.2013, 11:18 Uhr

Grosse Braunkohletagebaue mit Kraftwerken sind Projekte mit jahrzehntelangem Vorlauf und Gesamtprojektkosten in 2-stelliger Milliardenhöhe.

Die Braunkohle ist der preiswerteste heimische Energierohstoff. Zum Vergleich, Braunkohle kostet ca. 40 €/to SKE*, 1 to SKE Kesselkohle kostet in Südafrika 40$/to, Grenzübergangspreis knapp 100 €/to, Ruhrkohle ca. 280€/to SKE. Mit der heimischen Braunkohle lassen sich nach der umweltfreundlichen Kernenergie die niedrigsten Brennstoffkosten realisieren.

Der preiswerte Strom aus Braunkohle ist die Grundlage für die energieintensiven Betriebe, Elektrostahlwerke, Basischemie, teils Giessereien.

Ein Ende der Braunkohleförderung und Verstromung hätte mittelfristig den Verlust zahlreicher Industriebranchen zur Konsequenz.

Es wäre der Anfang einer Deindustrialisierung im Zuge des steinzeitlichen Oekoglaubens.

Vandale

*Kg SKE (Steinkohleeinheit) entspricht 29,3 MJ Energie

vandale

09.10.2013, 11:32 Uhr

Es ist natürlich für die Umwelt nicht vorteilhaft wenn Quadratkilometer wertvolles Ackerland weggebaggert werden und dann jahrzehnte später der Oeffentlichkeit als See zurückgegeben werden. Erst eine grosse Eiszeit wird diese wieder einebnen.

Wenn man dies jedoch mit den umweltschädlichen Windmühlen vergleicht, ist der Braunkohlebergbau eher vorteilhaft. Für eine vergleichbare Stromerzeugung mittels Windmühlen muss ein erheblicher Teil Deutschlands, mehr als 100.000Km2, mit solchen Monumenten bedeckt werden**. Auch die Fundamente der Windmühlen werden erst mit der nächsten grossen Eiszeit beseitigt*.

Vandale

*Je nach Bundesland müssen die Fundamente der Windmühlen
beim Rückbau der Anlagen z.B. bis zu einer gewissen Tiefe beseitigt werden.
**Windstrom ist als wetterabhängiger Zufallsstrom weitgehend wertlos. Zur Vergleichbarkeit müsste man Speicher hinzurechnen.
ges

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×