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18.02.2013

15:56 Uhr

Buch zum „Kampf um Strom“

Eine Lanze für die Energiewende

VonDana Heide

Die Energieexpertin Claudia Kemfert will in ihrem Buch „Kampf um Strom“ mit einigen Mythen aufräumen. Besonders ärgert sie sich über den Begriff „Kostentsunami“ – der sei Panikmache.

Will mit „Öko-Mythen“ aufräumen: Energieexpertin Claudia Kemfert. dapd

Will mit „Öko-Mythen“ aufräumen: Energieexpertin Claudia Kemfert.

Düsseldorf „Es ist erschütternd, mit anzusehen, wie sich Missverständnisse, Irrtümer und Fehlinformationen über den Strompreis in den Köpfen der Bevölkerung festgesetzt haben“, findet Claudia Kemfert. Die Energieexpertin hat deswegen das Buch „Kampf um Strom“ geschrieben, um mit einigen „Öko-Mythen und Energie-Irrtümern“ aufzuräumen. Das gelingt ihr auch oft – mit überraschend einfachen Rechnungen.

Kemfert ist eine ausgewiesene Expertin: Sie leitet seit 2004 die Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Bei den Wahlen in Nordrhein Westfalen war sie als Ministerin für Energie und Klima im Gespräch.

Die Ökonomin warnt zum Beispiel vor Panikmache vor steigenden Strompreisen. Eine der „verbalen Keulen, die im Kampf gegen den Strom aus erneuerbaren Energien häufig zum Einsatz kommt“, sei die Wortneuschöpfung „Kostentsunami“, schreibt sie. „Sie soll eine Riesenwelle monetärer Belastungen beschreiben, die angeblich infolge des Erneuerbare-Energien-Gesetz auf uns zurollt und sich anschickt, unsere wirtschaftliche Existenz fortzuspülen.“ Auch im Zuge der Berichterstattung über den Anstieg der EEG-Umlage zum Jahreswechsel wurde stets die Betonung auf die damit verbundene, angeblich horrende Mehrbelastung der Verbraucher gelegt.

Fragen zum Netzausbau

Wie groß ist der Ausbaubedarf?

Der von den Netzbetreibern vorgestellte Entwicklungsplan sieht bis 2022 insgesamt 3.800 Kilometer neue Stromtrassen vor, dazu den Ausbau von 4.400 Kilometern bereits bestehender Leitungen. Das soll rund 20 Milliarden Euro kosten.

Um welche Leitungen geht es?

Es gibt zwei Arten von Stromleitungen: Übertragungsnetze und Verteilnetze. Das Übertragungsnetz verhält sich zum Verteilernetz in etwa so wie eine Autobahn zu einer Landstraße oder innerstädtischen Straße. Beim Ausbau der Netze geht es vor allem um die Übertragungsnetze, die den Strom etwa vom windreichen Norden in den Rest der Republik transportieren sollen.

Das Übertragungsnetz

Das Übertragungsnetz in Deutschland ist rund 35.000 km lang und wird von den vier Übertragungsnetzbetreibern Tennet, 50Hertz, Amprion und Transnet BW betrieben.

Das Verteilnetz

Das Verteilnetz in Deutschland ist hingegen rund 1,7 Millionen Kilometer lang und wird von etwa 900 Unternehmen, darunter viele Stadtwerke, betrieben.

Wer bezahlt den Ausbau?

In letzter Instanz zahlt der Stromverbraucher über eine Umlage auf den Strompreis den Netzausbau. Diese Umlage nennt sich Netzentgelt, also eine Gebühr dafür, dass der Strom der Verbraucher über die Leitungen der Netzbetreiber geschickt werden darf. Die Gebühr macht derzeit 23 Prozent des Strompreises aus.

Über diese Umlage finanziert der Staat den Netzausbau: Die Netzbetreiber erhalten von der Bundesnetzagentur auf ihre Investitionskosten 9,5 Prozent Eigenkapitalverzinsung garantiert. Sie müssen lediglich dafür sorgen, das nötige Kapital für den Ausbau aufzutreiben.

Aber ist die Belastung tatsächlich so hoch? Kemfert hat nachgerechnet. Das Ergebnis: Der Anteil der Stromkosten macht derzeit 2,3 Prozent der Konsumausgaben eines Durchschnittshaushaltes aus, er steigt auf 2,5 Prozent(Kemfert bezieht sich hier wohl auf die Stromkosten nach Anhebung der EEG-Umlage Anfang 2013). „Die meisten Menschen wissen weder, wie viel Strom sie verbrauchen, noch, was sie bezahlen. Existenzielle Angst sieht anders aus“, schreibt sie.

Doch auch Kemfert muss zugeben, dass das EEG in seiner aktuellen Ausgestaltung Privathaushalte sowie kleine und mittlere Unternehmen belastet. Das bringe die erneuerbaren Energien in Misskredit. Wenn sich die Regierung jedoch tatsächlich Sorgen um die einkommensschwächeren Haushalte machen würde, könne sie an einer anderen Preisschraube drehen: der Mehrwertsteuer. Denn auf alle Komponenten, aus denen sich der Strompreis zusammen setzt, zahlt der Verbraucher zusätzlich 19 Prozent Steuern.

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Und ein weiteres – in diesem Zusammenhang allerdings oft vorgetragenes – Argument führt die Energieexpertin an. Auch „in den Ausbau der Atomenergie flossen staatliche Mittel“, auch die Stromgewinnung aus Kohle sei stets indirekt durch die Förderung des Kohlebergbaus subventioniert worden. Für den grünen Strom zahle dagegen der Stromkunde direkt.

Und Kemfert will noch ein weiteres Argument der Energiewende-Kritiker widerlegen. Die hohen Strompreise sorgen dafür, dass die Unternehmen ihre Standorte ins Ausland verlagern, so das Argument einiger Politiker und Industrievertreter. Kemferts Gegenargument: Bei der Entscheidung zu einer Produktionsverlagerung ins Ausland spielten die Energiekosten „meist nur eine untergeordnete Rolle, da sie bei der Mehrheit der Betriebe nur einen kleinen Teil der Gesamtkosten ausmachen – der Durchschnitt liegt bei 3 Prozent.“

Kommentare (43)

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ubjay

18.02.2013, 16:10 Uhr

Ein Tsunami besteht ja nur aus einer Welle, aber hier wird der Verbraucher mit mehreren, immer größeren Wellen in die Pleite getrieben.
Was hier passiert, ist Kommandowirtschaft in Reinform mit dem Ziel der Armut für alle.

vandale

18.02.2013, 16:24 Uhr

Es ist sicherlich peinlich wenn eine Zeitung die den Anspruch hat seriös zu sein eine Oekoaktivistin wie Claudia Kempfert als "Energieexpertin" zu bezeichnen.

Rein inhaltlich ist der Artikel eine nahezu faktenfreie Oekolegende, anders ausgedrückt eine Phantasiegeschichte.

Wenn man die Kosten der "Energiewende" betrachtet, 20 Mrd. € 2012 für Einspeisevergütungen, Netzausbau, weitere Subventionen, so kann man diese, da letzlich alle Kosten von der Bevölkerung getragen werden, durch die ca. 40 Mio. Haushlte dividieren und erhält 50€/Monat. Das Gewerbe, die Stromversorger addieren Gemeinkosten, Steuern und so dürfte dies etwa 100€/Monat und Haushalt ausmachen.

Im Gegensatz zur Phantasiebehauptung der Oekoaktivistin hat die kommerzielle Kernenergie nie nennenswerte Unterstützung erhalten. Im Gegenteil durch sinnlose Auflagen, politischen Aktivismus wurde ein 2-stelliger Milliardenbetrag an sinnlosen Kosten generiert.

Mit der "Energiewende" wurden mehrere Kernkraftwerke mi gültigen Betriebsgenehmigungen entschädigungslos stillgelegt. Sofern es noch einen Rest an Rechtsstaatlichkeit in D gibt, wird das Bundesverfassungsgericht den Betreibern, nach der BT Wahl, eine möglicherweise 2-stellige Milliardenentschädigung zusprechen.

Vandale

Euroaus

18.02.2013, 16:50 Uhr

Schon wieder eine Expertin.
Oje, oje!
Dann wird es wieder sehr teuer für den Verbraucher, Steuerzahler ...

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