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06.03.2013

11:42 Uhr

Christiansen im Aufsichtsrat

Durchsuchung bei Windreich

VonOliver Stock

ExklusivErst im Januar war Sabine Christiansen als Kontrolleurin in den Aufsichtsrat des Windparkbauers Windreich eingezogen. Jetzt durchsuchen Ermittler die Firma wegen des Verdachts der Bilanzmanipulation.

Die ehemalige Talkmasterin Sabine Christiansen hat einen neuen Job und ist in den Aufsichtsrat des Offshore-Windpark-Entwicklers eingezogen. dpa

Die ehemalige Talkmasterin Sabine Christiansen hat einen neuen Job und ist in den Aufsichtsrat des Offshore-Windpark-Entwicklers eingezogen.

DüsseldorfDie Staatsanwaltschaft Stuttgart hat die Büroräume von Deutschlands größtem Windparkbauer Windreich im baden-württembergischen Wolfschlugen durchsucht. Diese Informationen von Handelsblatt Online bestätigte nun auch die Staatsanwaltschaft.

Rund 35 Einsatzkräfte des Landeskriminalamtes und vier Vertreter der Staatsanwaltschaft Stuttgart hätten die Windreich Hauptverwaltung sowie vier Privatwohnungen unter anderem wegen des Verdachts der Bilanzmanipulation durchsucht, hieß es in einer Mitteilung. Es seien zahlreiche Unterlagen - rund 1.200 Stehordner - und große Mengen digitaler Daten sichergestellt worden. Die Auswertung des Materials werde „einen erheblichen Zeitraum in Anspruch nehmen“. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart wirft fünf amtierenden und ehemaligen Vorstandsmitgliedern des Unternehmens Bilanzmanipulation vor. Durch Überbewertung von Vermögenspositionen sollen sie die Jahres- und Konzernabschlüsse sowie Konzernlageberichte geschönt haben.

Konkret bestehe der Verdacht, dass die Beschuldigten in den Jahren 2010 und 2011 Forderungen und Umsätze in Millionenhöhe auswiesen, denen entweder keine effektiven Geschäfte zugrunde lagen oder aber Geschäfte mit einem deutlich niedrigeren Gegenwert, oder aber Forderungen, bei denen mit einer Tilgung nicht mehr ernsthaft zu rechnen war.

Die Ermittler gehen dem Verdacht des Kapitalanlagebetrugs, der Marktpreismanipulation und des Kreditbetrugs nach.

Das Unternehmen selbst ist bisher nicht zu einer Stellungnahme zu erreichen. Auf ihrer Homepage hat sich die Firma aber in einem offiziellen Brief an die Anleihezeichner gewandt und die Durchsuchungen eingeräumt. „Wir kooperieren vollumfänglich mit der Staatsanwaltschaft Stuttgart, da uns an einer schnellen Ausräumung der Vorwürfe gelegen ist." Die Anschuldigungen werden sich als haltlos erweisen. "Wegen des laufenden Ermittlungsverfahrens nehmen wir in der Sache selbst derzeit keine Stellung.“

So notierte die Windreich-Anleihe in den vergangenen drei Jahren. Stand: 5. März 2013. Aktuelle Kurse gibt es hier: http://finanzen.handelsblatt.com/kurse_einzelkurs_uebersicht.htn?i=9571497

So notierte die Windreich-Anleihe in den vergangenen drei Jahren. Stand: 5. März 2013. Aktuelle Kurse gibt es hier: http://finanzen.handelsblatt.com/kurse_einzelkurs_uebersicht.htn?i=9571497

Die 130 Mitarbeiter von Windreich sind ein wichtiges Rädchen in der Energiewende. Das Unternehmen bereitet den Bau der Offshore-Windanlagen in Nord- und Ostsee vor. Es prüft die Machbarkeit, holt Genehmigungen ein und entwickelt Windparks soweit, dass sie anschließend an Betreiber verkauft werden. Mehr als ein Drittel der bislang zur Verfügung stehenden Fläche für Windparks im deutschen Meer werden von Windreich entwickelt. Das Unternehmen steckt allerdings in den roten Zahlen. Kürzlich verließ Ex-Telekom-Vorstand Karl-Gerhard Eick das Unternehmen, das er eigentlich als Finanzvorstand an die Börse bringen sollte. Mit Sabine Christiansen als stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender holte sich Firmenchef Willi Balz jüngst wieder ein prominentes Gesicht in sein Gremium. Der ehemalige FDP-Landeswirtschaftsminister Walter Döring gehörte ebenfalls zeitweise zum Führungspersonal der Firma. Auch gegen ihn sollen Ermittlungen laufen.

Fragen zum Netzausbau

Wie groß ist der Ausbaubedarf?

Der von den Netzbetreibern vorgestellte Entwicklungsplan sieht bis 2022 insgesamt 3.800 Kilometer neue Stromtrassen vor, dazu den Ausbau von 4.400 Kilometern bereits bestehender Leitungen. Das soll rund 20 Milliarden Euro kosten.

Um welche Leitungen geht es?

Es gibt zwei Arten von Stromleitungen: Übertragungsnetze und Verteilnetze. Das Übertragungsnetz verhält sich zum Verteilernetz in etwa so wie eine Autobahn zu einer Landstraße oder innerstädtischen Straße. Beim Ausbau der Netze geht es vor allem um die Übertragungsnetze, die den Strom etwa vom windreichen Norden in den Rest der Republik transportieren sollen.

Das Übertragungsnetz

Das Übertragungsnetz in Deutschland ist rund 35.000 km lang und wird von den vier Übertragungsnetzbetreibern Tennet, 50Hertz, Amprion und Transnet BW betrieben.

Das Verteilnetz

Das Verteilnetz in Deutschland ist hingegen rund 1,7 Millionen Kilometer lang und wird von etwa 900 Unternehmen, darunter viele Stadtwerke, betrieben.

Wer bezahlt den Ausbau?

In letzter Instanz zahlt der Stromverbraucher über eine Umlage auf den Strompreis den Netzausbau. Diese Umlage nennt sich Netzentgelt, also eine Gebühr dafür, dass der Strom der Verbraucher über die Leitungen der Netzbetreiber geschickt werden darf. Die Gebühr macht derzeit 23 Prozent des Strompreises aus.

Über diese Umlage finanziert der Staat den Netzausbau: Die Netzbetreiber erhalten von der Bundesnetzagentur auf ihre Investitionskosten 9,5 Prozent Eigenkapitalverzinsung garantiert. Sie müssen lediglich dafür sorgen, das nötige Kapital für den Ausbau aufzutreiben.

Balz selbst, ein begeisterter Oldtimerfahrer und Segelflieger, gilt als visionärer Ingenieur - bei der Finanzierung seines Unternehmens steckt er jedoch seit Monaten in der Krise. Er hatte in den vergangenen Jahren versucht, über Unternehmensanleihen an frisches Geld für seine Firma zu kommen. Die Kurse der beiden Windreich-Anleihen sind jedoch in dieser Woche so tief abgestürzt wie nie zuvor: Bei rund einem Viertel des Nennwerts wurden die Firmenbonds am Dienstag an der Stuttgarter Börse zeitweise gehandelt. Insgesamt 125 Millionen Euro hat sich der der Windparkbauer bei den Anlegern geliehen.

Die Anleger sorgen sich um die Rückzahlung. Denn die Zinsen für die erste Windreich-Anleihe über 50 Millionen Euro, die 2015 fällig wird, bediente Firmenchef Balz erst mit zweitägiger Verspätung. „Wir bitten unsere Anleihezeichner für die entstandene Verzögerung von zwei Bankarbeitstagen um Verständnis“, schreibt Willi Balz in der Presseerklärung.

Am Montag setzte die Börse Stuttgart den Handel der beiden Windreich-Papiere daraufhin aus. „Aus Anlegerschutzgründen“, wie es in Stuttgart heißt. Nachdem Windreich die Zahlung der fälligen Zinskupons bekanntgab, nahm die Börse den Handel wieder auf. Doch da waren die Kurse der beiden Anleihen bereits abgestürzt. Zuletzt rangierten sie bei 36 und 32 Prozent ihres Nennwerts.

Von dem Mittelstandssegment BondM der Stuttgarter Börse hat sich das Unternehmen inzwischen ganz verabschiedet, laut Unternehmensangaben, weil man die Kosten für das verpflichtende Rating sparen will. Auch damit hatte es in Stuttgart Ärger gegeben: Windreich war laut einem Bericht der "Börsenzeitung" der Pflicht nicht nachgegangen, ein Folgerating zu veröffentlichen, obwohl ein gültiges Rating laut der zuständigen Agentur Creditreform bereits vorlag. Von Seiten des Emittenten sei eine Veröffentlichung nicht erwünscht gewesen, hieß es von Creditreform.

Ein Grund für die Abwertung sind ungeplante Abschreibungen auf die Windreich-Beteiligung am inzwischen insolventen Windanlagenbauer Fuhrländer. Beim Verkauf der letzten Tranche der Windreich-Anleihe im Frühjahr 2012 rührte Balz die Werbetrommel und verwies auch auf die Beteiligung an Fuhrländer, die er in höchsten Tönen lobte.

Offshore-Windenergieleistung 2011 weltweit

Platz 1: Vereinigtes Königreich

Offshore-Nennleistung 2011: 1.525 Megawatt

2. Platz: Dänemark

Offshore-Nennleistung 2011: 858 Megawatt

3. Platz: Niederlande

Offshore-Nennleistung 2011: 249 Megawatt

4. Platz: China

Offshore-Nennleistung 2011: 222 Megawatt

5. Platz: Deutschland

Offshore-Nennleistung 2011: 215 Megawatt

6. Platz: Belgien

Offshore-Nennleistung 2011: 195 Megawatt

7. Platz: Schweden

Offshore-Nennleistung 2011: 164 Megawatt

8. Platz: Finnland

Offshore-Nennleistung 2011: 30 Megawatt

9. Platz: Japan

Offshore-Nennleistung 2011: 25,3 Megawatt

10. Platz: Irland

Offshore-Nennleistung 2011: 25 Megawatt

Was Balz nicht erwähnte: Fuhrländer stand zu dieser Zeit mit dem Rücken an der Wand. Das Unternehmen war überschuldet. Im Januar 2012 war mit Werner Heer ein neuer Vorstandsvorsitzender bei Fuhrländer installiert worden. Heer berichtete später auf einer Pressekonferenz, dass bereits Anfang des Jahres 2012 „die Banken wegen des Liquiditätsproblems der Firma nicht mehr mitmachen wollten“. Schon drei Monate vorher im Herbst 2011 seien fest eingeplante Projekte weggebrochen und der Umsatz um bis zu 60 Prozent gesunken.

Die größten Windkraftanlagenhersteller weltweit

Platz 1

Der Markt für Windkraftanlagen ist weltweit sehr zerstückelt. So kommt der größte Windkraftanlagenhersteller Vestas aus Dänemark laut Marktforscher IHS weltweit gerade einmal auf einen Anteil von 12,7 Prozent.

Platz 2

Nicht nur in der Solaranlagen- sondern auch in der Windkraftbranche sind die Chinesen stark vertreten. Auf dem zweiten Platz der größten Windanlagenhersteller liegt das Unternehmen Sinovel mit einem Marktanteil von neun Prozent.

Platz 3

Auch der dritte Platz ist in chinesischer Hand. Goldwind kommt auf einen Marktanteil von 8,7 Prozent.

Platz 4

Auf dem vierten Platz findet sich das spanische Unternehmen Gamesa wieder, mit einem Marktanteil von acht Prozent. Der spanische Markt für Windkraft ist nach Deutschland der zweitgrößte in Europa.

Platz 5

Erst auf dem fünften Platz ist eine deutsche Firma: Enercon. Das Familienunternehmen aus Aurich hat einen Anteil am Weltmarkt von 7,8 Prozent.

Platz 6

Den sechsten Platz belegen die US-Amerikaner GE Energy mit 7,7 Prozent Marktanteil.

Platz 7

Suzlon aus Indien belegt mit einem Marktanteil von 7,6 Prozent den siebten Platz weltweit. Der Windkraftanlagenbauer steckt jedoch bereits seit einiger Zeit in den roten Zahlen.

Platz 8

Auf dem achten Platz findet sich wieder ein chinesischer Anlagenbauer: Guodian United Power hat einen Anteil am Weltmarkt von 7,4 Prozent.

Platz 9

Auf Platz neun findet sich wieder ein deutsches Unternehmen. Siemens hat einen weltweiten Marktanteil von 6,3 Prozent - und damit nicht einmal die Hälfte des Anteils von Marktführer Vestas.

Platz 10

Platz 10 der größten Windkraftanlagenhersteller weltweit belegt das Unternehmen Mingyang mit einem Marktanteil von 3,6 Prozent.

Balz saß als zweitgrößter Aktionär im Aufsichtsrat bei Fuhrländer. Er hätte in dieser Funktion über die heikle Lage bei Fuhrländer Bescheid wissen und die Interessenten für seine eigene Anleihe darüber unterrichten müssen. So steht es jedenfalls in den Geschäftsbedingungen der Börse Stuttgart, wo die Anleihe gehandelt wird. Dort heißt es: Der Emittent verpflichte sich „unverzüglich konkrete Informationen zu veröffentlichen, die geeignet sind, im Falle eines öffentlichen Bekanntwerdens den Börsenpreis der ausgegebenen Wertpapiere erheblich zu beeinflussen.“ Balz war bis Redaktionsschluss nicht für eine Stellungnahme hierzu zu erreichen. Er selbst sieht sich als Opfer einer Kampagne. Niemand treibe die Energiewende so stark voran wie sein Unternehmen hatte er Handelsblatt Online gesagt - bevor die Ermittler angeblich anrückten. Seither herrscht Funkstille.

Kommentare (29)

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Account gelöscht!

06.03.2013, 08:42 Uhr

Wenn das nächste Mal wieder versprochen wird, dass die Erneuerbaren Energien in Deutschland innovative Arbeitsplätze schaffen, sollte man sich an nicht nur an die insolventen Solarfirmen sondern auch an die angeschlagenen Windparkbauer erinnern. Dabei stecken wir jedes Jahr einen zweistelliger Milliardenbetrag an Subventionen in Erneuerbare Energien. Sonne und Wind schicken keine Rechnung, oder?

Stromer

06.03.2013, 08:52 Uhr

Im Prinzip haben wir hier nichts anderes als eine innovative, staatlich geförderte Geldverbrennungsmaschine.
Aber wichtig und beruhigend:
Unsere Regierungschefin, Frau Merkel beobachtet die Vorgänge gewiss aufmerksam!

Schlaumeier

06.03.2013, 09:01 Uhr

Dummköpfe in Aufsichtsräte + Politik. Kein Fachwissen, nur studiert, keine Praxis. Das zeichnet diese Dummenrepublik aus. Welches Fachwissen hat die Christiansen - nur Dauergequatsche -. Wir haben 30 jährige Studenten, die noch keinen Euro verdient haben usw. Aber liebe Medien, wir haben ja keine Jugendarbeitslosigkeit usw. - wir sind auf einem guten Weg (könnte von Schäuble sein, wg. der Realitätsferne + dummen Sprüche).

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