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12.11.2013

14:05 Uhr

Durch Fracking-Boom

Ölquellen im Nahen Osten droht das Ende

VonSebastian Ertinger

Die Schieferöl-Revolution in den USA hat eine Kehrseite: Die klassischen Förderländer am Golf fahren Investitionen zurück. Damit droht der Nachschub des Energieträgers zu schwinden. Der Ölpreis könnte massiv steigen.

Ölförderung im US-Bundesstaat Nord Dakota: Fracking verändert die weltweite Energiegewinnung. Reuters

Ölförderung im US-Bundesstaat Nord Dakota: Fracking verändert die weltweite Energiegewinnung.

DüsseldorfDie Internationale Energieagentur (IEA) warnt vor einem drohenden Engpass bei der Ölversorgung und höheren Preisen. Denn wegen der wachsenden Erdölförderung der USA aus Schiefervorkommen streichen die klassischen Produzenten am Persischen Golf ihre Investitionen zusammen. Die herkömmlichen Exporteure wie Saudi Arabien oder Kuwait würden angesichts der neuen Vorkommen in Nordamerika erst einmal abwarten.

Die Exploration von Erdölfeldern und der Bau neuer Förderanlagen gerate damit ins Stocken. Die bislang erschlossenen Ölfelder am Golf sind zunehmend erschöpft. Wenn aber die Suche nach neuen Vorkommen bei global stetig steigendem Bedarf ausbleibt, versiegt allmählich der Nachschub des Energieträgers. Der Preis für den Schmierstoff der Weltwirtschaft könnte langfristig dramatisch steigen, warnt die Agentur.

„Ich bin wirklich besorgt, dass wir dem Nahen Osten die falschen Signale senden“, sagt IEA-Chefvolkswirt Fatih Birol bei der Präsentation des jährlichen Energiemarktausblicks der Organisation. Die abwartende Haltung der Ölproduzenten sei definitiv nicht im Interesse der Energieverbraucher oder der Erdölmärkte, da die Preise deutlich steigen könnten. „Es kann auf uns zurückschlagen, wenn Investitionen zur rechten Zeit ausbleiben.“

Fracking: Segen oder Umweltverbrechen?

Erbitterter Streit

Neue Technologien sind oft umstritten. Doch beim Fracking geht der Streit weit über das normale Maß hinaus. Ist die Fördertechnik für Erdgas der Umweltfeind Nummer eins seit der Atomkraft? Oder doch nur eine missverstandene, aber vielversprechende Technologie?

Die Technik

Beim Fracking wird kilometertief in die Erde gebohrt - und dann noch einmal horizontal, zuweilen sechs Kilometer weit. In die Kanäle wird ein Chemiecocktail gepresst, der den Boden aufreißt. Sand in der Flüssigkeit sorgt dafür, dass sich die Risse nicht wieder schließen. Durch sie treten das Erdgas - oder andere Rohstoffe - aus, die dann wie üblich gefördert werden können.

Die Szenerie

Im kanadischen Dawson Creek stand erst ein Bohrturm, 50 Meter hoch. Danach kam das eigentliche Fracking: Sechs gewaltige Trucks stehen dicht nebeneinander und pumpen die Lauge in die Bohrlöcher, 100.000 Kubikmeter pro Bohrfeld. Man versteht sein eigenes Wort nicht, aber die Arbeiter schauen fast gelangweilt auf die Messinstrumente. Ihre Schichten sind hart, der Lohn sind 70.000 bis 140.000 Euro im Jahr. Sind sie weg, ist auch der Lärm weg. Dann soll das Gas 20, 30 Jahre leise aus der Erde in die Pipelines steigen.

Die Gegner

Don Vander Velde ist 68 Jahre alt. Sein ganzes Leben hat er auf dem Land in Alberta, Kanada, gelebt, das seiner Familie seit 1904 gehört. Seit einem Jahrzehnt wird in der Nähe gefrackt. „Manchmal bebt der Boden“, sagt der Farmer. „Und was für Chemikalien kommen da rein?“ Don ist beunruhigt, weil er Kinder, Enkelkinder und eine Urenkelin hat. Die kleine Aspen ist zehn Monate. „Ich bin alt, aber ich möchte nicht ihre Zukunft verspielen.“ Dabei habe er nichts gegen die Förderung. „Ich will auch Energie. Alberta braucht das Gas, so wie es uns Farmer braucht. Also fördert! Aber macht es sicher!“

Das Unternehmen

Encana ist ein Fracking-Riese und Kellen Foreman ist seit elf Jahren dabei. „Wir wollen Transparenz“, beteuert der 29-Jährige. Deshalb würden für Millionen Dollar Zehntausende Wasserproben untersucht. „Und bei nicht einer einzigen ist irgendwo in Kanada eine Verunreinigung des Trinkwassers nachgewiesen worden.“ Und die Erschütterungen? Nur mit feinen Instrumenten messbar. Er könne die Sorgen der Menschen völlig verstehen. „Aber es steckt eine Menge Wissenschaft hinter Fracking. Wir sind keine Cowboys, die da rausgehen und die Erde aufwühlen. Das ist Hochtechnologie.“

Die Politikerin

Hannelore Kraft ist 8000 Kilometer weit gereist, um sich selbst ein Bild zu machen. Mit rotem Overall und weißem Helm steht die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen im Matsch von Dawson Creek in der Wildnis Kanadas, spricht mit den Arbeitern, untersucht die Bohrköpfe und befühlt die Chemielauge, die verpresst wird. „Ich kann mir das im Münsterland nicht so recht vorstellen“, sagt sie. Kraft ist beeindruckt, das merkt man ihr an. Auch von der Offenheit der Arbeiter und der Bohrfirma - in den Augen vieler doch „die Bösen“. Aber kann die Technik auch in Deutschland eingesetzt werden, einem Land das mehr als doppelt so viele Einwohner wie Amerika auf einem Dreißigstel der Fläche hat? „Es ist noch nicht reif, das zu entscheiden. Aber ich kann mir das im dicht besiedelten NRW kaum vorstellen.“

Der Wissenschaftler

Uwe Schneidewind ist einer der wenigen Fracking-Experten in Deutschland. Der Professor und Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie sieht vier Punkte zur Beurteilung von Fracking: klimapolitisch („Unkonventionelle Kohlenstoffvorkommen möglichst nicht anrühren“), volkswirtschaftlich („Arbeitsplatzeffekt ist vorhanden, aber beschränkt“; „Gaspreis sinkt, aber in Europa nicht nachhaltig“), geostrategisch („Abhängigkeit von anderen sinkt, bleibt aber bestehen“) und ökologisch („selbst bei Lösung vieler Probleme in Europa nicht wirklich attraktiv“).

Die Filme

„Gasland“ war ein Welterfolg. Der Dokumentarfilm von Josh Fox aus dem Jahr 2010 wurde nicht nur für den Oscar nominiert, sondern er hat das Thema Fracking auch für die breite Öffentlichkeit erst auf die Tagesordnung gesetzt. In der Schlüsselszene wird ein Wasserhahn aufgedreht und das Wasser angezündet – es brennt. Scharfe Kritik kam von der Branche, aber auch durch einen Kollegen: In „FrackNation“ bezichtigt Filmemacher Phelim McAleer seinen Kollegen Fox, wissentlich ungenau gewesen zu sein. So habe es Berichte über entzündetes Leitungswasser lange vor Fracking gegeben. Inzwischen gibt es „Gasland II“. Als die Dokumentation im April auf dem New Yorker Tribeca-Filmfestival gezeigt wurde, wurden Fans von „FrackNation“, trotz Karten, nicht eingelassen.

Die IEA wurde 1973 von mehreren Industrienationen gegründet. Mittlerweile gehören ihr 28 Länder an. Die Agentur mit Sitz in Paris soll die Regierungen der Mitgliedsstaaten in Energiefragen beraten und dabei Tendenzen und Entwicklungen an den Märkten sowie neue Forschungsergebnisse und Technologien aufzeigen.

Im vergangenen Jahr hatte die IEA mit ihrer Prognose für Aufsehen gesorgt, dass die USA bis 2017 klassische Förderländer wie Saudi Arabien bei der Ölproduktion überholen werden. Bis zum Jahr 2017 werden sich die USA vom weltgrößten Energieverbraucher zum größten Produzenten wandeln, prognostizierten die IEA-Experten damals. Als Grund nannten sie die umfangreichen Vorkommen an Schiefergas und –öl. Dieses Jahr rechnen die IEA-Experten damit, dass die USA sogar schon 2015 Saudi Arabien als größten Ölexporteur ablösen werden.

Doch die Bedeutung der Schieferölfunde spielen die Experten nun herunter. Die Förderung der USA werde bereits 2020 ihren Höhepunkt erreichen und danach wieder abnehmen. Die Ölfelder des Nahen Ostens gewinnen dann wieder an Bedeutung. Die ausbleibenden Investitionen der Golfstaaten gefährden aber den Nachschub, warnen nun die IEA-Experten. „Der Nahe Osten wird entscheidend sein – heute und morgen“, sagt Birol. Lediglich Brasilien mit seinen Tiefsee-Bohrungen wird seine Bedeutung als Energielieferant bis 2035 steigern.

Kommentare (29)

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vandale

12.11.2013, 14:39 Uhr

Die Möglichkeit des Fracking von Erdgas und Erdöl steht erst am Anfang. Die Frackingtechnologie entwickelt sich weiter und der Grad der Nutzung solcher Vorkommen erhöht sich. Fracking beschränkt sich nicht auf die USA. Auch andere Länder wie Argentinien, China... sind mit ähnlichen geologischen Formationen gesegnet. Insofern kann man hoffen, dass das Fracking eher am Anfang steht.

Für die Menschheit eine grosse Perspektive!

Vandale

Gast

12.11.2013, 14:45 Uhr

Die EIA der US Regierung geht bis 2040 von einer Steigerung der Ölproduktion aus und für 2020 wieder von Spritpreisen von 50ct pro Gallone.
Alleine in COlorad wurde ein Ölfeld mit 3 Billionen Barrel gefunden. Um sich die ZAhl man zu verdeutlichen. die gesamte Menschheit hat in den letzten 100 Jahren eine Billion Barrel verbraucht.
ICh denke die USA werden schon genau aufpassen wieviel Öl die im LAnd haben.

Karlaugust

12.11.2013, 14:54 Uhr

Na dann ist doch wieder alles in Butter und die Automobilindustrie kann wieder aufatmen und weiter die absurden Benzinfresser bauen. Wenn es so kommt, daß wieder Öl im Überfluß vorhanden sein sollte, dann wird kein Schwein mehr in alternative Energiegewinnung investieren und alles wird so sein, wie in den Zeiten, als der Strom munter aus der Steckdose kam. Dann Gnade uns Gott....

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