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21.12.2012

11:28 Uhr

Ende der Kohle am Niederrhein

Der letzte Kumpel macht das Licht aus

Mit dem Ende der Zeche Kamp-Lintfort wird die Steinkohleförderung am Niederrhein eingestellt. Der Ausstieg ist sozial abgefedert, doch für viele Kumpel beginnt heute der letzte Arbeitstag.

Die Bergmänner in Kamp-Lintfort fahren heute das letzte Mal in die Grube ein. dpa

Die Bergmänner in Kamp-Lintfort fahren heute das letzte Mal in die Grube ein.

Kamp-LintfortNoch einmal kommt die Ministerpräsidentin nach Kamp-Lintfort, noch einmal singt der Bergmannschor - dann ist Schluss. Mit der letzten Förderung endet heute nach 100 Jahren der Steinkohlebergbau am Niederrhein. Endgültig Schluss ist erst am 31. Dezember - dann werden auch die Werkstore der letzten Zeche am Niederrhein, dem Bergwerk West, geschlossen. Nach dem Saarland in diesem Sommer stellt damit die zweite Region innerhalb von Monaten den Bergbau ein. Zwei Jahre zuvor hatten bereits die Bergleute auf Walsum in Duisburg die letzte Schicht gefahren. Dann wird Steinkohle in Deutschland nur noch im Ruhrgebiet und im nördlichen Münsterland gefördert.

Einheimische Steinkohle ist seit vielen Jahren international nicht mehr konkurrenzfähig. Weil sie oft über 1000 Meter unter der Erde liegt und die Sicherheitsstandards beim Abbau weitaus höher sind als im Ausland, kann die Region auf dem Weltmarkt nicht mehr mithalten. Und die milliardenschweren Subventionen für die deutschen Zechen müssen nach EU-Recht Ende 2018 eingestellt werden. Derzeit wird nur noch rund ein Fünftel der in Deutschland verbrauchten Steinkohle im Land gefördert. Tief unter der Erde schlummern aber in allen jetzt geschlossenen Zechen - auch in Kamp-Lintfort - nicht gehobene Steinkohlevorräte für Jahrzehnte.

Die Kumpel vom Niederrhein wechseln auf die verbleibenden drei Zechen Prosper Haniel in Bottrop, Auguste Victoria in Marl und auf die Anthrazit-Zeche in Ibbenbüren am Rande zu Niedersachsen. Wer alt genug ist, geht in den Vorruhestand, die sogenannte Anpassung, die im Bergbau frühestens mit 50 Jahren möglich ist. Der Prozess hat bereits begonnen. Am Ende werden 890 Bergleute dieses Vorruhestandsangebot nutzen, 1600 wechseln auf andere Zechen.

Begeistert ist vom vorzeitigen Arbeitsende niemand so richtig. „Man muss noch nebenbei ein bisschen arbeiten gehen“, meint Betriebsrat Christian Brettschneider, der gerade mit Jörg Nieswand unter Tage die Bewetterung überprüft. „Man muss noch etwas anderes machen. Man kann ja nicht jeden Tag in die Wirtschaft gehen.“

Wo die Kohlereserven schlummern

Rang 10

Auf Rang zehn landet Indonesien. Die dort nachgewiesenen Kohlereserven beliefen sich 2014 auf 28 Milliarden Tonnen.

Quelle: BP

Rang 9

Auf dem neunten Platz landet Südafrika. Der Staat verfügt über Kohlevorkommen von 30,16 Milliarden Tonnen.

Rang 8

Kasachstan verfügt über Kohlereserven von 33,6 Milliarden Tonnen. Das langt für Platz acht im Ranking.

Rang 7

Die Ukraine rangiert mit Kohlereserven von 33,9 Milliarden Tonnen auf Platz sieben.

Rang 6

Deutschland besitzt noch immer 40,5 Milliarden Tonnen Reserven an Kohle.

Rang 5

Der Subkontinent Indien verfügt über Kohlereserven von 60,6 Milliarden Tonnen.

Rang 4

Mit 76,4 Milliarden Tonnen landet Australien auf Platz vier der Kohle-Länder. Außerdem verfügt das Land über große Ressourcen an Eisenerz oder Uran.

Rang 3

China erreicht den dritten Platz der Top-10 Kohlestaaten. In der Tiefe lagern 114,5 Milliarden Tonnen.

Rang 2

An zweiter Stelle der Kohle-Staaten liegt Russland. Das Land verfügt über Ressourcen von 157 Milliarden Tonnen Steinkohle.

Rang 1

Mit 237,295 Milliarden Tonnen an Kohlereserven setzen sich die USA an die Spitze der Top-10.

Bis zu 400 Euro dürfen die Bergleute in der Anpassungsphase nebenbei verdienen. 400 bis 600 Euro habe man etwa weniger in der Tasche, meint Betriebsschlosser Jürgen Kinscher. Er ist auf 880 Meter Tiefe damit beschäftigt, Material zu bergen, das noch auf anderen Zechen gebraucht oder ins Ausland verkauft werden kann. Den Pütt ausrauben nennen das die Bergleute. Kinscher will später Taxi fahren. Um nichts zu tun, fühlt er sich zu jung. Jetzt ist er 49. Wenn das Bergwerk West unter Tage leergeräumt ist, wird er 50 sein.

Kommentare (5)

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gujori

21.12.2012, 11:56 Uhr

"Mit der letzten Förderung entet heute nach 100 Jahren der Steinkohlebergbau am Niederrhein."
Ein sehr informativer Artikel. Nur blieb mir verborgen, was Enten damit zu tun haben.

Mit freundlichen Grüßen
G. Heidbreder

Account gelöscht!

21.12.2012, 12:07 Uhr

"weil sie mehrere 1000 Meter in der Tiefe liegt" - na, na, das ist aber etwas übertrieben. da hätte man vorher auch mal wiki konsultieren können:

"Ibbenbüren ist momentan mit 1545 m Tiefe das tiefste deutsche Steinkohlenbergwerk"

KumpelAnton

21.12.2012, 12:12 Uhr

Jahrzehntelang wurde subventioniert (für die Jüngeren unter uns: draufgelegt mit anderer Leute Geld), und wenn die Steinkohle Höchstpreise erzielen könnte - wird geschlossen.
Aber auch hier wird uns die Hohepriesterkaste der Politiker das sicher noch als Erfolg verkaufen.

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