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18.08.2015

08:21 Uhr

Energiewende

Der Stromspeicher-Irrglaube

VonFranz Hubik

Nach Audi und Siemens lässt jetzt auch RWE Strom aus Wind- und Sonnenkraft in Gas umwandeln. Die Konzerne preisen die Speichermethode als Rettung der Energiewende. Dabei ist die Technologie womöglich völlig überflüssig.

Nahmen die Power-to-Gas-Anlage von RWE offiziell in Betrieb: Heinrich Dornbusch, Vorsitzender Geschäftsführer der Landesinitiative KlimaExpo.NRW, Garrelt Duin, Minister für Wirtschaft, Energie, Industrie, Mittelstand und Handwerk des Landes Nordrhein-Westfalen, Arndt Neuhaus, Vorstandsvorsitzender der RWE Deutschland, Heinz Steingröver, Bürgermeister der Stadt Ibbenbüren und Joachim Schneider, Technikvorstand der RWE Deutschland (v.l.n.r.). obs

RWE testet innovativen Energiespeicher

Nahmen die Power-to-Gas-Anlage von RWE offiziell in Betrieb: Heinrich Dornbusch, Vorsitzender Geschäftsführer der Landesinitiative KlimaExpo.NRW, Garrelt Duin, Minister für Wirtschaft, Energie, Industrie, Mittelstand und Handwerk des Landes Nordrhein-Westfalen, Arndt Neuhaus, Vorstandsvorsitzender der RWE Deutschland, Heinz Steingröver, Bürgermeister der Stadt Ibbenbüren und Joachim Schneider, Technikvorstand der RWE Deutschland (v.l.n.r.).

DüsseldorfWer hätte gedacht, dass ausgerechnet das Wetter Deutschlands Energiekonzerne mitsamt dem Stromnetz ins Wanken bringen würde. Egal ob es stürmte, regnete oder schneite – jahrelang galt: Die Atom- und Kohlekraftwerke von RWE und Eon liefern zuverlässig so viel Energie wie eben gerade in der Bundesrepublik gebraucht wird. Starke Schwankungen im Stromnetz kannten die beiden Elektrizitäts-Schwergewichte ebenso wenig wie rote Zahlen. Das ist heute ganz anders.

Seitdem Bundeskanzlerin Angela Merkel die Energiewende eingeläutet hat, genießen Strom aus Wasser-, Wind- und Sonnenkraft sowie Energie aus Biomasse und Erdwärme Vorfahrt im deutschen Stromnetz. Die Folge: Einerseits verlieren RWE und Eon ihre Geschäftsbasis. Andererseits passen Energieverbrauch und Produktion immer seltener zusammen. Denn die Erzeugung von Grünstrom ist stark witterungsabhängig.

An warmen Sommer- und Frühlingstagen, wenn die Sonne scheint und parallel der Wind über der Nordsee eifrig bläst, liefern die erneuerbaren Energien mehr Strom als die Deutschen benötigen. An kalten Wintertagen ist es umgekehrt: Solar- und Windkraftwerke erzeugen kaum Elektrizität, weil der Himmel bewölkt ist und Flaute herrscht. Just in dieser Jahreszeit ist aber der Strombedarf am höchsten. Die Lösung für das Problem? Energiespeicher.

Gas aus Strom: ein Durchbruch für die Energiewende?

Wie funktioniert „Power to gas“?

Das Verfahren ist simpel und Manchem vielleicht noch aus dem Physik- oder Chemieunterricht in Erinnerung: Mit Strom lässt sich in einer Lösung per Elektrolyse Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff trennen. Der Wasserstoff kann in einem zweiten Schritt mit CO2 zu Methan weiterverarbeitet werden, das sich kaum von natürlichem Erdgas unterscheidet. Modernere Elektrolyse-Verfahren wie das in der RWE-Anlage funktionieren mit einer Membran aus einem Material ähnlich wie Teflon.

Was ist der Vorteil?

Gas lässt sich problemlos speichern und transportieren: Theoretisch stünde dafür das gesamte deutsche Gasnetz von rund 400.000 Kilometern Leitung mit zahlreichen unterirdischen Gasspeichern bereit. Laut dem Gasfachverband DVGW könnte allein in den Speichern der deutsche Strombedarf für 2000 Stunden, also fast drei Monate, in Gasform gelagert werden. Bei Bedarf lässt sich das Gas mit bewährter Technik wieder zu Strom umwandeln. In der RWE-Anlage treibt der Wasserstoff ein Blockheizkraftwerk für das Ibbenbürener Strom- und Fernwärmenetz an. Außerdem kann man den Wasserstoff direkt verbrauchen, um mit Brennstoffzellen Autos anzutreiben, oder in geringerer Menge dem Gasnetz beimischen.

Wo liegen die Probleme?

Bisher ist die Technik nicht effizient genug. Bei einem Elektrolyse-Wirkungsgrad von rund 70 Prozent ist nach einer anschließenden Rückverstromung schon rund die Hälfte der Energie verloren. Eine weitere Umwandlung in Methan würde noch deutlich mehr Energie schlucken. Außerdem rechnen sich derzeit schon Kraftwerke mit natürlichem Gas nicht - künstlich erzeugtes Gas habe da erst recht keine Chance, sagen Kritiker. Wirtschaftlich arbeitet auch die Anlage des RWE-Konkurrenten Eon im brandenburgischen Falkenhagen nicht.

Was sagen die Befürworter?

Der Kostenvergleich führt aus ihrer Sicht in die Irre, da für „Power to gas“ überschüssiger Strom verwendet werden soll - also vor allem die mehreren hundert Gigawatt Windkraft pro Jahr, die derzeit mangels Speicher gar nicht erst gewonnen werden. Wenn Deutschland 2050 seinen Energiebedarf zu 80 Prozent aus regenerativen Quellen deckt, gehe an den Gasspeichern ohnehin kein Weg vorbei. Deshalb solle die Politik die Speicheranlagen zumindest als Startanreiz finanziell fördern, sagt der DVGW. Das lehnen Kritiker als Doppelsubventionierung ab, da schon der Strom aus Windkraft und Photovoltaik subventioniert wird.

Und was ist mit den Kunden?

Umweltbewusste Kunden unterstützen die Technik. Der Energieversorger Greenpeace Energy, der im Dezember 2014 einen „Pro-Windgas“-Gastarif an den Markt brachte, fand in der kurzen Zeit laut einem Sprecher bereits 10 500 Kunden - trotz eines Preises über Marktniveau mit einem „Innovationsaufschlag“ von 0,4 Cent pro Kilowattstunde für die Weiterentwicklung der Technik.

Quelle: dpa

Eine der vielversprechendsten Methoden, um Strom aus Wind und Sonnenkraft langfristig zu bunkern, besteht darin, überschüssige Elektrizität in Wasserstoff und Sauerstoff aufzuspalten. Der Clou dabei: Wasserstoff lässt sich ins Gasnetz einspeisen und kann später verbrannt und so wieder in Strom verwandelt werden. Nach Audi, Linde und Siemens treibt mit RWE jetzt ein weiteres Milliardenunternehmen die Methode voran. Der angeschlagene Essener Energieriese startete Montag, den Betrieb seiner ersten Power-to-Gas-Anlage in Ibbenbüren, einer Kleinstadt in der Nähe von Münster.

Die Konzerne wollen mit dem Ausbau und der Weiterentwicklung der Speichertechnologie nichts weniger, als die verkorkste Energiewende retten. „Der Einsatz von Power-to-Gas-Anlagen wird langfristig unverzichtbar“, sagte Arndt Neuhaus dem Handelsblatt. Der Chef von RWE Deutschland ist überzeugt, dass nur das Erdgasnetz ausreichend große Kapazitäten bietet, um riesige Mengen an Energie zu speichern.

Kommentare (63)

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Herr Fred Meisenkaiser

18.08.2015, 08:37 Uhr

Mittels der powertogas-Technik wird Gas zum energieträger. Die Speichermöglichkeiten sind bereits vorhanden, die Übertragung über große Strecken ist verlustarm und die Rückverwandlung in BHKW recht effektiv (Kraft-Wärmekopplung).

Allerdings wird wohl das dezentrale Gas- und Stromerzeugen das Problem der Lobbyisten der Energiekonzerne sein. Das Monopol der Energieversorger würde gebrochen!

Nicht umsonst haben die derzeitigen Machthaber den privaten BHKW den Kampf angesagt. Strom erzeugen und die Abwärme zur Beheizung zu nutzen ist zu effektiv und wird deshalb mit einer Strafsteuer belegt!

Herr Fred Meisenkaiser

18.08.2015, 08:39 Uhr

Ach so, das Frauenhofer Institut sah im Nov.2013 die Speicherung in Gas auch als Lösung in der Energiewende (Energiesystem Deutschland 2050). Natürlich betrachteten sie das Ganze wissenschaftlich:

Die Interessen des Energiekartells blieben außen vor!

Account gelöscht!

18.08.2015, 08:56 Uhr

Und man lügt sich weiter bei den Energiewendlern = Erneuerbare Energiemafia in das eigene Hemd. Man verdreht die Wahrheit, erzählt den Bürgern weiter das Märchen von den bösen Energiekonzern und vernichtet nebenbei eine stabile und billige Stromerzeugung auf Basis eines Kraftwerkmixpark von Kohle, Gas und Kernkraft!!!!
Nicht EON, RWE oder ENBW werden in Zukunft ein Problem mit der Aufrechterhaltung der Stromversorgung in Deutschland bekommen, sondern die Netzbetreiber Tennet, Amprion, 50Hertz usw. inkl. den Bürgern, die ja unter der staatlich diktierten Energiewende die neuen Stromerzeugungskonzerne sein sollen. Bürger die nur auf Grund eines Gesetzes = EEG und somit als Marktfeind als Energieerzeuger auftreten. Für diese neuen Erneuerbaren Energiebürger gibt es weder Gesetze noch Pflichten für die zuverlässige Erzeugung und Bereitstellung des Strom um das Stromnetz in Zukunft überhaupt stabil halten zu können. Die Speicher können auch nicht das Problem lösen, weil genau unwirtschaftlich und unbezahlbar.
Energiewende/EEG = erst kommt die Lüge, dann der Betrug/Selbstbetrug, danach der Mangel und zum Schluss die Armut!

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