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21.08.2015

10:21 Uhr

Eon-Chef Teyssen provoziert

„Hat der Staat nicht selbst die AKWs gebaut?“

VonJürgen Flauger

Die Politik stört den Eon-Umbau mit Plänen für eine neue Haftung für die Atomkraftwerk-Risiken. Konzernchef Johannes Teyssen hält mit einer provokanten Frage dagegen: Hat der Staat nicht selbst die AKWs gebaut?

Der Eon-Chef ist um direkte Worte nie verlegen. dpa

Johannes Teyssen

Der Eon-Chef ist um direkte Worte nie verlegen.

DüsseldorfKeine Frage, Johannes Teyssen ist keiner dieser aalglatten Manager, die sich jedes Wort zweimal überlegen, um es dann doch nicht auszusprechen. Wenn ihn etwas stört, spricht er es offen an. Häufig wird er emotional, manchmal sogar richtig provokant.

Aktuell verfolgt die Politik mal wieder Pläne, die Teyssen in Rage bringen. Das Bundeswirtschaftsministerium arbeitet an einem Gesetz, das die Haftung für die Risiken aus der Kernenergie verlängern würde. Für Eon könnte das dramatische Folgen haben: Der Konzern müsste auch nach der geplanten Abspaltung der Kernkraftwerke in die neue Gesellschaft Uniper faktisch unbegrenzt für Rückbau und Entsorgung haften. Von einer „Ewigkeitshaftung“ ist schon die Rede. Aktuell beträgt die Nachhaftung nur wenige Jahre.

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Zum Jahreswechsel spaltet sich Eon auf. Die Stromproduktion und der Großhandel werden in die neue Gesellschaft Uniper ausgegliedert. Doch noch reißen die Bereiche Löcher in die Quartalsbilanz des Energiekonzerns.

Teyssen konterte den Angriff jetzt mit einer provokanten These: „Ist es denn richtig, dass derjenige für alle Ewigkeit haftet, der die Kernkraftwerke derzeit besitzt, oder derjenige, der sie gebaut hat?“, fragte er am Donnerstag bei einem Auftritt vor der Wirtschaftspublizistischen Vereinigung Düsseldorf. Letzteres wäre in manchen Fällen nämlich der Staat selbst. Wer habe denn die Kraftwerke bei Hamburg gebaut? Die damalige HEW. Und wem habe der Versorger damals gehört? Der Freien und Hansestadt Hamburg. Und wer habe die Reaktoren in Bayern gebaut? Das Bayernwerk. Und wem habe das damals gehört? Dem Freistaat Bayern. Vor einem guten Jahrzehnt habe Hamburg HEW an Vattenfall verkauft und gutes Geld dafür bekommen. „Ist es seriös, dass die Schweden jetzt für immer haften sollen?“

Vattenfall steht genauso wie Eon im Fokus des geplanten Gesetzes. Die Schweden hatten vor Jahren die deutschen Kernkraftwerke in eine GmbH ausgegliedert und sind in Deutschland auf dem Rückzug. Teyssen hatte Ende 2014 mit einem radikalen Strategiewechsel überrascht. Deutschlands größter Energiekonzern will sich in zwei Teile aufspalten. Während sich die Eon SE komplett dem Geschäft mit der Energiewende verschreiben will, sich um Vertrieb, Netze und erneuerbare kümmern will, soll das bisherige Kerngeschäft, der Betrieb von großen Kraftwerken, an Uniper gehen. Kritiker sehen darin vor allem den Versuch, die Risiken für die Atomkraft abzugeben. Sie fürchten, dass die 36 Milliarden Euro, die die deutschen Konzerne für Rückbau und Entsorgung zurück gestellt haben, nicht reichen.

Energiekonzerne im Umbruch

Zwei Wege, ein Ziel

Der Strom- und Gasversorger Eon, der einst seine Stärke aus Kohle, Gas und Atomkraft bezog, mutiert nach seinem eigenen Bestreben zu einem lupenreinen „grünen Versorger“. Und verheißen die Pläne zur Abspaltung des konventionellen Kraftwerksgeschäfts in den Eon-Mutanten Uniper einen Ausweg aus der Krise? Oder führt am Ende doch der Weg, den die Essener Konkurrenten RWE einschlagen wollen, indem sie den Konzern radikal vereinfachen und mehr Macht in der Zentrale konzentrieren, am schnellsten raus aus der Krise?

Was ist der Grund für die Zerschlagung von Eon?

Der Branchenprimus auf dem deutschen Strom- und Gasmarkt war wie alle großen Mitspieler durch die Energiewende in die Bredouille geraten. Zuvor waren Eon & Co durch die Ausweitung des Wettbewerbs auf den Märkten bereits Macht genommen worden. Unter anderem trennten sie sich von den Höchstspannungsnetzen. Mit der Entscheidung zum Ausstieg aus der Atomenergie aber erfolgte der entscheidende Schnitt – das Ende für die herkömmlichen Kohle- und Atomriesen war eingeläutet. Strom aus Wind und Sonne erhielt Vorfahrt.

Was erhofft sich Eon von der Abspaltung?

Jahrelang hatte der Konzern enorme Gewinne aus dem Strom- und Gasgeschäft gescheffelt und Aktionäre mit steigenden Dividenden verwöhnt. Das ist seit ein paar Jahren vorbei. Dabei steht der Konzern unter einem hohen Druck durch die Kapitalmärkte. Durch die Abtrennung erhofft sich die neue Eon, die sich künftig ganz auf Ökostrom, Energienetze und Kundenlösungen konzentriert, Rückenwind: Das Unternehmen ist frei von Altlasten - nur noch der Name erinnert an seine Herkunft.

Warum entschied sich RWE gegen die Aufspaltung?

Bei dem Konkurrenten aus Essen sind die Eigentümerverhältnisse anders gelagert. Während Eon eine börsennotierte Publikumsgesellschaft mit zahlreichen Anlegern ist, haben bei RWE die Kommunen noch ein entscheidendes Wörtchen mitzureden. Auch die waren jahrelang durch üppige Dividenden verwöhnt worden. Eine Zerschlagung des Konzerns in zwei Teile wäre vor dem Hintergrund kaum durchsetzbar gewesen. RWE-Chef Peter Terium bezeichnete einen solchen Schritt auch als nicht „wünschenswert“. Hinzu kommt, dass bei RWE das Geschäft mit regenerativen Energien noch nicht so weit entwickelt ist wie bei Eon.

Was bedeutet die Abspaltung bei Eon für die Atomrückstellungen?

Darüber ist in den vergangenen Monaten viel berichtet und spekuliert worden. Eon-Chef Johannes Teyssen nannte diese Rückstellungen, die für den Rückbau der Atomanlagen vorgesehen sind und in der Eon-Bilanz 2014 eine Summe von mehr als 16 Milliarden Euro ausmachten, bei der Vorlage der Halbjahreszahlen als „sicher“. Die Summe wird vollständig Uniper zugeschlagen. Und Teyssen beteuert, dass das Unternehmen seinen Verpflichtungen voll und ganz nachkommen werde. Kritik kommt von Tobias Riedl von der Umweltschutzorganisation Greenpeace: „Die geplante Aufspaltung von Eon in eine „Good“ und eine „Bad Bank“ ist der dreiste Versuch des Konzerns, sich der Haftung für den selbst produzierten Atommüll zu entziehen.“ Eon strebe an, dass künftige Milliardenkosten für die Entsorgung des verstrahlten Abfalls möglichst die Bürger tragen sollten, sagt Riedl.

Welche Perspektiven hat Uniper?

Auf dem deutschen Strom- und Gasmarkt wird es Uniper schwer haben. Auch wenn Eon den Bereich heute als einen für Jahrzehnte wichtigen Baustein beim Umbau des Energiesystems sieht - nämlich durch seine absichernde Funktion für die erneuerbaren Energien - wird das Unternehmen nach Ansicht von Branchenbeobachtern noch lange an seinem Image als Auslaufmodell zu tragen haben.

Welche Lichtblicke sind beim Umbau der Konzerne zu erkennen?

Mit dem massiven Ausbau der Erzeugung von Windkraft und Solarenergien und dem Anschluss der Parks an die Stromnetze ernten die Unternehmen allmählich die ersten Früchte ihrer Investitionen. Mittlerweile ist Eon an 10 Windparks auf See in Europa beteiligt und kommt weltweit auf eine Kapazität von 4000 Megawatt. Der Anteil der erneuerbaren Energien an der gesamten Stromerzeugung liegt derzeit bei rund 14 Prozent, bei RWE sind es mit 5 Prozent deutlich weniger.

Quelle: dpa

Teyssen hält den Vorschlag weder für „fachlich fundiert“, noch sei er „verfassungsrechtlich machbar“. „Solch ein Sonderrecht gibt es für kein anderes Risiko – nicht in Deutschland und nirgendwo auf der Welt“, schimpfte Teyssen. Es wäre ein unzulässiger Eingriff in das Kapitalrecht. Warum würden dann nicht auch Chemiekonzerne und Banken in die Haftung genommen.? „Es gibt Banken, die haben einen höheren Schaden angerichtet – und das innerhalb weniger Tage.“ Und überhaupt: „In der Geschichte der Bundesregierung ist kein Atomkraftwerk gebaut worden, das nicht vom Staat bestellt wurde.“

Auch die Bedenken an der Höhe der Rückstellungen  kann er nicht nachvollziehen. „Früher hieß es immer, die seien überhöht“, sagte Teyssen. Bei allen Betriebsprüfungen, die er in den 25 Jahren, die er in der Branche arbeitet, erlebt habe, hätten die Finanzbehörden eher gedrängt, sie aufzulösen. Und überhaupt: Neben der Schweiz gebe es kein Land in der Welt, in dem die Rückstellungen für die Kernenergie so hoch seien. „Da gehört viel dazu, um zu glauben, das reicht nicht.“ Das hieße ja, dass alle anderen noch mehr irren.

Kommentare (19)

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Claus H.

21.08.2015, 11:39 Uhr

Man fragt sich echt, wes Geistes Kind manche Manager sind...
Erst lässt man sich mit staatlichen Milliarden-Subventionen die AKWs bauen, dann kassiert man gerne 40 Jahre lang die fetten Gewinne, und wenn's ans Aufräumen geht, soll wieder der Staat zuständig sein.
Herr Teyssen gehört echt auf der Stelle wegen Dummheit (oder Dummdreistigkeit) seines Postens enthoben.

aza azaziel

21.08.2015, 12:04 Uhr

Es gibt Unternehmen die haben ein kristallklares Konzept, wie etwa die deutsche Post oder McDonalds. Die Energiekonzerne sind riesige Gemischtwarenlaeden und ich kann einfach kein Konzept erkennen. Ein bisschen Oel, ein bisschen Gas, ein bisschen Elektrizitaet. Erzeugung, Transport, Handel, Beratung, alles, was man halt so machen kann. Und das auf allen Kontinenten. Keine Schwerpunkte, keine Bundelung wirtschaftlicher Resourcen.

Eine Vision fuer Eon oder RWE koennte etwas so aussehen: Wir wollen der groesste und effizienteste Elektrizitaetskonzern in Deutschland oder in Westeuropa werden. Wir erzeugen Strom aus konventionellen und erneuerbaren Quellen. Wir entwickeln integrierte Systeme, die den Strom effizient dorthin transportieren, wo er gebraucht wird und gleichen Ueberschuss und Mangel besser aus. Wir handeln mit Strom, verkaufen unsere Ueberschuesse und kaufen bei Mangel hinzu. Wir investieren in wirtschaftlich lebensfaehige Speichersysteme, wenn sie unser Unternehmenskonzept sichern.

Ob Teyssen oder Terium das schaffen koennen? Ob die Entwicklung eines solchen Konzepts angesichts irrationaler politischer Eingriffe ueberhaupt moeglich sind, ist die Frage.

Herr Holger Narrog

21.08.2015, 12:07 Uhr

Wenn man die Thematik des abgebrannten Kernbrennstoffs und des Abbruchs der modernen, umweltfreundlichen Kernkraftwerke sachlich betrachtet....

Das Einrichten eines Bergwerks in knapp 1000m Tiefe kostet 700 Mio. $(Glencore Ernest Henry). Damit liesse sich der abgebrannte Kernbrennstoff für ca. 2 Mrd. € in einem geologisch stabilem Salzstock endlagern. Der Abbruch voll funktionsfähiger Kernkraftwerke ist in etwa so sinnvoll wie das Entsorgen eines 4 Jahre alten PKW.

Das bedeutet, es werden 34 Mrd. von 36 Mrd. € aus meist staatlichen Versorgern* für ein sinnloses (öko)religiöses Spektakel verprasst.


*RWE gehört zu erheblichen Teilen den NRW Kommunen, ENBW BaWü und Kommunen, EON privat, ................

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