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10.11.2016

18:08 Uhr

Europäische Stahlindustrie

Das Schreckgespenst China

VonMartin Wocher

Auf Druck der europäischen Stahlhersteller hat die EU-Kommission zuletzt ihre Anti-Dumping-Maßnahmen verschärft. Doch die Befürchtung wächst, dass die Probleme auch langfristig nicht gelöst werden können.

Die Maßnahmen der EU gegen chinesische Dumpingpreise haben bislang nicht zum Erfolg geführt. dpa

Streitfall Stahl

Die Maßnahmen der EU gegen chinesische Dumpingpreise haben bislang nicht zum Erfolg geführt.

DüsseldorfAllein die Zahl klingt schon gigantisch: 660 Millionen Tonne. So viel Stahl könnten die Hütten weltweit zusätzlich produzieren, wenn sie ihre Anlagen bis zum Anschlag hochfahren. Doch gebraucht werden diese Mengen nicht. Auf den weltweiten Stahlmärkten herrscht schon jetzt ein gewaltiges Überangebot. Das kommt vor allem aus China, wo zwei Drittel der weltweiten Überkapazitäten stehen – rund 390 Millionen Tonnen. „Auf China entfallen 75 Prozent des gesamten Kapazitätsausbaus, der seit 2011 weltweit stattgefunden hat“, sagte der Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, Hans Jürgen Kerkhoff, am Donnerstag auf dem Stahlgipfel in Düsseldorf. „Zudem kommt jede dritte Tonne Stahl, die weltweit exportiert wurde, aus China.“

China, immer wieder China. Das Reich der Mitte und seine Geschäftspraktiken sind für die Stahlmanager schon lange ein Albtraum. Mehr als die Hälfte der weltweiten Stahlproduktion kommt aus dortigen Hütten. Was nicht im eigenen Land gebraucht wird, landet auf den internationalen Stahlmärkten – und verdirbt dort die Preise.

Diese deutschen Firmen gehören jetzt Chinesen

Putzmeister

Der Betonpumpen-Weltmarktführer Sany Heavy Industry übernimmt im Januar 2012 das schwäbische Unternehmen für gut 320 Millionen Euro.

Kiekert

Der Pekinger Automobilzulieferer Lingyun übernimmt 2012 den Weltmarktführer für Pkw-Schließsysteme aus Heiligenhaus (NRW).

Schwing

Die Xuzhou Construction Machinery Group (XCMG) wird im April 2012 Mehrheitseigener des westfälischen Betonpumpenherstellers. Der Verkaufspreis des Herner Unternehmens soll bei rund 300 Millionen Euro liegen.

Kion

2012 steigt der chinesische Nutzfahrzeugproduzent Weichai Power beim Gabelstaplerhersteller Kion ein. Die Chinesen kaufen zunächst für 467 Millionen Euro 25 Prozent an Kion und steigern 2015 ihren Anteil auf 38,25 Prozent. Außerdem erhält der Investor für 271 Millionen Euro eine Mehrheitsbeteiligung von 70 Prozent an der Hydrauliksparte Kions.

Solibro

Das insolvente Solarunternehmen Q-Cells vereinbart im Juni 2012 den Verkauf seiner Tochterfirma mit Sitz in Bitterfeld-Wolfen an die Pekinger Hanergy Holding Group.

Sunways

Der Konstanzer Photovoltaik-Konzern ging 2012 zum Schnäppchenpreis an den chinesischen Solarriesen LDK Solar. Doch 2013 und 2014 reichte Sunways jeweils einen Insolvenzantrag ein. Teile des Unternehmens wurden in der Folge an den chinesischen Solarkonzerns Shunfeng verkauft.

Tailored Blanks

Der Industriegüterkonzern Thyssen-Krupp schließt 2013 den Verkauf seiner Tochter an den chinesischen Stahlkonzern Wuhan Iron and Steel (Wisco) ab. Zum Preis machen beide Seiten keine Angaben.

Koki Technik Transmission Systems

Das chinesische Unternehmen Avic Electromechanical Systems (Avicem) – eine Tochter der staatlichen Unternehmensgruppe Aviation Industry Corporation of China (Avic) – übernimmt 2014 den sächsischen Autozulieferer. Ein Kaufpreis wird nicht genannt.

Hilite

Avic übernimmt 2014 für 473 Millionen Euro den deutschen Autozulieferer.

Krauss-Maffei

Im Januar 2016 verkauft Onex den Münchener Spezialmaschinenbauer Krauss-Maffei an ein Konsortium um die staatliche National Chemical Corporation (Chemchina). Der größte Chemiekonzern des Landes zahlt 925 Millionen Euro für den traditionsreichen Hersteller von Spritzgießmaschinen für die Kunststoff- und Gummi-Verarbeitung.

EEW

Die chinesische Holding Beijing Enterprises kauft im Februar 2016 den Abfallkonzern EEW Energy from Waste aus Helmstedt für 1,438 Milliarden Euro. Verkäufer ist der schwedische Investor EQT. EEW hat nach eigenen Angaben 1050 Mitarbeiter. Die 18 Anlagen der Gruppe können jährlich rund 4,7 Millionen Tonnen Abfall zu Energie machen und umweltschonend beseitigen. Die Fabriken erzeugen Prozessdampf für Industriebetriebe, Fernwärme für Wohngebiete und Strom für umgerechnet rund 700.000 Haushalte.

Manz

Die Shanghai Electric Group steigt im Frühjahr mit Anteilen von etwa 20 Prozent bei dem angeschlagenen Maschinenbauer ein.

Kuka

Das Augsburger Unternehmen Kuka baut nicht nur Roboter, sondern ist auch Systemanbieter rund um die digital vernetzte Industrie. Der chinesische Midea-Konzern hat Kuka ein Übernahmeangebot im Umfang von 4,5 Milliarden Euro gemacht und mit dessen Hilfe knapp 95 Prozent der Kuka-Anteile übernommen.

Schon vor Monaten hat die EU-Kommission ihre Anti-Dumping-Regeln verschärft und brummt fast im Wochentakt den Billigimporten vor allem aus Asien hohe Strafzölle auf. Fast 40 entsprechende Verfahren hat die EU inzwischen in Kraft gesetzt, 17 allein nur gegen China. Weitere werden folgen. Ob solche rechtlichen Hürden allerdings ausreichen, das Problem wirklich in den Griff zu kriegen?

Manchen Stahlmanager beschleicht ein schlechtes Gefühl: „Von einer nachhaltigen Lösung sind wir weit entfernt“, sagte der Chef der Stahlsparte von Thyssen-Krupp, Andreas Goss. Ihm macht vor allem die zunehmende Flut von Handelsklagen Sorge, die überall auf der Welt erhoben werden. „Die Gefahr besteht, dass dies nur zu einer Verzerrung von Handelsströmen führt.“

US-Importzölle für Voestalpine und Dillinger Hütte: USA ermitteln gegen europäische Stahlhersteller

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Mehrere Stahlhersteller – darunter Voestalpine und die Dillinger Hüttenwerke – werden in den USA mit vorläufigen Importzöllen belegt. US-Behörden werfen den Unternehmen bei bestimmten Blechen Dumpingpreise vor.

Verbandspräsident Kerkhoff verlangte vor allem von der Politik ein stärkeres Eingreifen. „Die Stahlindustrie ist nicht protektionistisch“, sagte er. Aber ohne den Einfluss der Politik sei nicht damit zu rechnen, dass die Kapazitäten angepasst würden. „Wir müssen darauf achten, dass sich die Politik dieser Verantwortung nicht entzieht.“ Vor allem China müsse alte Anlagen stilllegen.

Auch wenn die direkten Importe aus dem Reich der Mitte als Folge der Strafzölle in den vergangenen Monaten leicht zurückgegangen seien – China exportiere deswegen inzwischen stärker in asiatische Länder, diese würden wiederum ihren Stahl nach Europa liefern. Eine Lösung sei das nicht.

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