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11.06.2013

11:13 Uhr

Gebeutelter Stahlkonzern

Die Dauerbaustelle Thyssen-Krupp

Vorstandschef Hiesinger krempelt den angeschlagenen Stahlriesen um. Doch die Krise von Thyssen-Krupp ist noch lange nicht ausgestanden. Hiesinger sucht etwa händeringend einen Käufer für das Pleitewerk in den USA.

Der Stahlkonzern Thyssen-Krupp steckt in einem umfassenden Umbau. dpa

Der Stahlkonzern Thyssen-Krupp steckt in einem umfassenden Umbau.

DüsseldorfBeim krisengeschüttelten Industriekonzern Thyssen-Krupp wird auch nach einem Verkauf des verlustreichen Übersee-Stahlgeschäfts keine Ruhe einkehren. Zwar dürfte Vorstandschef Heinrich Hiesinger Insidern zufolge zumindest das Werk in Brasilien bald an den heimischen Stahlkocher CSN abstoßen. Aufatmen kann der von Milliardenverlusten, Kartellverstößen und Korruptionsvorwürfen erschütterte Konzern aber noch lange nicht.

Für das zweite Werk, die Anlage im US-Bundesstaat Alabama, muss Hiesinger noch einen Käufer finden. Zudem muss der Manager weitere Baustellen beseitigen: Den Konzern drücken hohe Schulden, er hat nur begrenzte Mittel für Wachstumsinvestitionen, die Frage einer Kapitalerhöhung ist nicht geklärt und auch das europäische Stahlgeschäft schwächelt.

„Wir haben noch einen langen Weg vor uns, um den Konzern stabil und nachhaltig erfolgreich zu machen“, schrieb Hiesinger kürzlich den Beschäftigten. Auch nach den Verkäufen der Edelstahltochter Inoxum und der Stahlwerke in Amerika lebe der Konzern von der Substanz. „Unsere Strukturen sind nicht bezahlbar, unsere Geschäfte bringen nicht die Ergebnisse, die wir brauchen, um uns selbst zu finanzieren, geschweige denn Geld zu verdienen“, heißt es in dem Reuters vorliegenden Papier.

Die größten Baustellen von Thyssen-Krupp

Einleitung

Im Geschäftsjahr 2012/13 fuhr Thyssen-Krupp das dritte Mal in Folge einen Nettoverlust ein. Mit einem Fehlbetrag von 1,5 Milliarden Euro fiel dieser zwar niedriger aus als die fünf Milliarden Euro Miese im Jahr zuvor. Die Aktionäre müssen jedoch erneut auf eine Dividende verzichten. Das könnte auch im neuen Geschäftsjahr 2013/14 der Fall sein. Thyssen-Krupp will zwar operativ zulegen, für einen Nettogewinn könnte es aber erneut nicht reichen. Zudem schwächelt nicht nur die amerikanische Stahlsparte, sondern auch das Geschäft mit dem Werkstoff in Europa und mit Teilen für die Automobilindustrie.

Ertragsschwäche

Thyssen-Krupp fuhr im Geschäftsjahr 2011/12 einen Nettoverlust von fast fünf Milliarden Euro ein. In den ersten neun Monaten des Ende September abgelaufenen Geschäftsjahres 2012/13 waren es rund 1,2 Milliarden Euro. Analysten zufolge schwächelt nicht nur die amerikanische Stahlsparte. Auch das europäische Stahlgeschäft, der Großanlagenbau, der Verkauf von Autoteilen und die Aufzugssparte hätten im Geschäftsjahr weniger verdient. Der Handel mit Werkstoffen und das Dienstleistungsgeschäft habe hingegen zugelegt.

Stellenabbau

Für Unruhe im Konzern sorgen auch die Pläne zum Abbau tausender Arbeitsplätze. In der Verwaltung sollen 3000 Jobs wegfallen. In der Stahlsparte will Thyssen-Krupp 2000 Arbeitsplätze abbauen. Weitere 1800 Stellen könnten durch Beteiligungsverkäufe aus dem Konzern fallen. „Wir bügeln damit auch die Managementfehler der Vergangenheit aus“, hatte Konzernbetriebsratschef Wilhelm Segerath in einem Reuters-Interview gesagt. Thyssen-Krupp will damit die Kosten um 500 Millionen Euro senken. Die Summe ist Teil der insgesamt geplanten Einsparungen des Konzerns bis 2014/15 von nun 2,3 Milliarden Euro. Das Unternehmen beschäftigt rund 156.000 Mitarbeiter, davon etwa 58.000 in Deutschland. Ein weiterer Stellenabbau ist nach den Worten von Personalvorstand Oliver Burkhard derzeit nicht geplant.

Fehlinvestitionen in Übersee

Nach einer langen Hängepartie konnte Thyssen-Krupp das Weiterverarbeitungswerk in den USA verkaufen. Das verlustreiche Rohstahlwerk in Brasilien hängt dem Konzern immer noch wie ein Klotz am Bein. Thyssen-Krupp muss neue Abnehmer für den Werkstoff in Nord- und Südamerika finden, da das US-Werk künftig weniger abnimmt. Die Kosten für beide Werke waren auf fast 13 Milliarden Euro explodiert, mehr als acht Milliarden entfielen auf Brasilien. Das US-Werk bleibt bis zu der erhofften Freigabe des Deals durch die Regulierungsbehörden noch für Monate in den Büchern. Thyssen-Krupp erwartet in der Sparte weitere Verluste - wenn auch niedrigere als bislang.

Schulden

Dem Konzern sitzen die Ratingagenturen im Nacken. Thyssen-Krupp drücken Schulden von fünf Milliarden Euro. Das Eigenkapital schmolz zwischenzeitlich von 4,5 Milliarden auf 2,5 Milliarden Euro zusammen, durch eine im Dezember 2013 durchgezogene Kapitalerhöhung konnte es inzwischen auf 3,3 Milliarden Euro aufgebessert werden. Die Eigenkapitalquote ist einer der niedrigsten Werte eines Dax-Konzerns. Gespräche mit Banken sorgten Ende September für Erleichterung, nachdem dieser Wert über die Marke von 150 Prozent gestiegen war.

Kartellverstöße und Korruptionsvorwürfe

Der Mischkonzern wird immer wieder von Kartellverstößen und Korruptionsvorwürfen erschüttert. Vorstandschef Heinrich Hiesinger will eine neue Unternehmenskultur, in der für krumme Geschäfte kein Platz ist. Bei illegalen Preisabsprachen war Thyssen-Krupp ein Wiederholungstäter. Einem Aufzugskartell folgten Kungeleien mit Schienenherstellern. Hier einigte sich Thyssen-Krupp nun mit der Deutschen Bahn auf Schadensersatz. Wie ein Damoklesschwert hängt zudem der Verdacht über dem Konzern, sich auch an einem möglichen Kartell von Herstellern von Blechen für die Automobilindustrie beteiligt zu haben. Ob sich dieser Verdacht bestätigt, ist offen. Sollte dies aber der Fall sein, wären die Konsequenzen nicht abzuschätzen - die Autoindustrie gehört zu den größten Kunden von Thyssen-Krupp. Welchen Stellenwert die Aufarbeitung der Verstöße hat, zeigte sich auch auf der Hauptversammlung im Januar 2014: Dort schuf Thyssen-Krupp für den ehemaligen Metro-Manager Donatus Kaufmann einen neuen Vorstandsposten für Compliance.

Ramponierter Ruf

Der Ruf des einst stolzen Unternehmens ist durch Pleiten, Pech und Pannen und die Korruptionsvorwürfe ramponiert. „Es herrschte offenbar bei einigen die Ansicht vor, dass Regeln, Vorschriften und Gesetze nicht für alle gelten“, hat Konzernchef Hiesinger beklagt. Er will aufräumen und eine neue Unternehmenskultur einführen, in der Seilschaften und blinde Loyalität nicht wichtiger sind als unternehmerischer Erfolg. Dafür braucht er die volle Rückendeckung vom Aufsichtsrat.

Hiesinger hat Thyssen-Krupp seit seinem Amtsantritt Anfang 2011 umgekrempelt. Er hat Geschäfte mit einem Umsatz von zehn Milliarden Euro abgestoßen, den Vorstand neu aufgestellt und die Mitarbeiter zu Kritik statt Duckmäusertum aufgerufen.

Ins Visier genommen hat Hiesinger nun auch das Herzstück des Traditionskonzern mit weltweit rund 150.000 Beschäftigten: die europäische Stahlsparte mit den weithin sichtbaren Hochöfen im Ruhrgebiet. Die gesamte Schwerindustrie mit Größen wie Arcelor-Mittal und Salzgitter ächzt seit über zwei Jahren unter der schwachen Nachfrage, Überkapazitäten und dem Preisdruck. Hiesinger will bei Steel Europe tausende Jobs streichen.

Der Betriebsrat zieht mit, zumal das Management auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten will. Doch der Frieden ist auf Dauer nicht garantiert. Schon setzt Hiesinger die Axt auch bei den Schreibtisch-Jobs an. 3000 der rund 15.000 Stellen in der Verwaltung sollen binnen drei Jahren wegfallen.

Zwei Milliarden Euro will Thyssen-Krupp bis 2015 einsparen. Das Desaster in Amerika, wo der Stahlkocher zwölf Milliarden Euro in den Bau neuer Werke in Brasilien und den USA versenkte, hat den Konzern in eine Existenzkrise gebracht. Das machen die nackten Zahlen deutlich: Die Anlagen stehen nach mehreren Abschreibungen nur noch mit 3,4 Milliarden Euro in den Büchern. Im vergangenen Geschäftsjahr fuhr Thyssen-Krupp einen Verlust von fünf Milliarden Euro ein. Zudem drücken Schulden in der gleichen Höhe.

Kommentare (1)

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Account gelöscht!

11.06.2013, 13:40 Uhr

TK hat zu lange auf Cromme gesetzt. Dessen Bilanz ist - auch wenn man bis in die 80iger zurückgeht - mitnichten gut, wie man so häufig hört (und es Cromme wohl gefallen würde). Er hat die Konsolidierung nicht zu Ende gedacht, sondern mittendrin in den Rückwärtsgang gewechselt. Zähneklappern war das Ergebnis.

Hiesinger darf nun aufräumen. Schlimm, daß er mehr Getriebener ist als selber das Heft in der Hand zu halten. Und das geht noch einige Zeit so.

Ich glaube, daß TK noch runde 3 Jahr benötigt, um auf die Beine zu kommen. Die Börse wird sich vorher darauf stürzen, da stehen alle für eine (Zwischen) Rallye in den Startlöchern. Für eine Kapitalerhöhung wird man das im Blick habe - von beiden Seiten.

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