Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

27.10.2015

10:39 Uhr

Gewinneinbruch bei BP

Ratlose Ölmultis kämpfen gegen den Preisverfall

VonCarsten Herz

Der britische Ölkonzern BP gibt die Hoffnung auf eine schnelle Erholung des Ölpreises auf – und streicht seine Investitionen zusammen. Die dramatischen Zahlen sind auch ein schlechtes Omen für die Konkurrenten.

Der britische Energiekonzern leidet unter dem niedrigen Rohölpreis. dpa

BP-Tankstelle

Der britische Energiekonzern leidet unter dem niedrigen Rohölpreis.

LondonBob Dudley hat sich sicher andere Neuigkeiten gewünscht. Doch der drastische Ölpreisverfall hat dem BP-Boss erneut die Bilanz verhagelt. Der um Sondereffekte bereinigte Gewinn des britischen Ölmultis brach im dritten Quartal um 40 Prozent auf 1,8 Milliarden Dollar ein. Die kürzlich erzielte Einigung auf eine Schadensersatzzahlung an die USA in Rekordhöhe schlug sich dabei noch einmal mit einer Sonderbelastung von 426 Millionen Dollar nieder, wie der Konzern am Dienstag mitteilte.

Der einzige Lichtblick: Analysten hatten mit einem noch stärkeren Ergebnisrückgang gerechnet. Die Investoren konnte BP mit den Zahlen trotzdem nicht überzeugen: Die BP-Aktie rutschte im frühen Handel zeitweise um ein Prozent ins Minus. Denn der Ölpreisverfall setzt BP immer stärker zu. Bereits zum dritten Mal senkte der britische Konzern in diesem Jahr seine Investitionspläne für 2015. Geplant seien nun noch 19 Milliarden Dollar. Zuletzt waren noch knapp 20 Milliarden Dollar angepeilt worden. Bis 2017 wird inzwischen nur mit 17 bis 19 Milliarden Dollar pro Jahr kalkuliert.

Britischer Ölkonzern BP: „Deepwater Horizon“-Explosion kostet 20,8 Milliarden Dollar

Britischer Ölkonzern BP

„Deepwater Horizon“-Explosion kostet 20,8 Milliarden Dollar

BP muss für die Folgen der Explosion seiner Ölplattform „Deepwater Horizon“ im Golf von Mexiko 20,8 Milliarden Dollar zahlen. Mit der Einigung sind offene Forderungen der US-Regierung und der Bundesstaaten beigelegt.

BP ist in der Defensive. „Im vergangenen Jahr haben wir entscheidende Maßnahmen getroffen, um BP auf eine vorübergehende Schwäche des Marktes einzustellen“, erklärte Dudley in London. „Nun sind wir dabei, unseren finanziellen Rahmen auf das niedrige Preisumfeld auszurichten.“ Die Branche gibt damit ihre Hoffnungen auf eine rasche Erholung des Ölpreises auf.

Keiner könne wissen, wie lange der Preisverfall noch anhalte, klagte Rex Tillerson, der Vorstandschef von Exxon-Mobil, dem größten privaten Ölkonzern der Welt, kürzlich auf einer Konferenz in London. Seit dem Sommer 2014 hat sich der Ölpreis mehr als halbiert und der unerwartete Absturz hat die meisten Ölmanager auf dem falschen Fuß erwischt. Nach BP-Angaben betrug der Preis der Öl-Nordseesorte Brent im abgelaufenen Quartal durchschnittlich 50 Dollar. Im Vorjahreszeitraum waren es noch 102 Dollar.

Der Branche steht die Schwemme des Billigöls bis zum Hals: Der globale Ölverbrauch steigt zwar, aber das Angebot hat eben noch deutlich stärker zugelegt. In den vergangenen Jahren ist vor allem die amerikanische Schieferölförderung stark gestiegen. Doch das Ölstaaten-Kartell Opec hat seine Förderung als Reaktion ebenfalls ausgeweitet.

Die größten Öl- und Gaskonzerne der Welt

Platz 1

Exxon Mobil (USA)

Jahresumsatz: 356,6 Milliarden Dollar

Platz 2

PetroChina (China)

Umsatz 2015: 329,7 Milliarden Dollar

Platz 3

Chevron (USA)

Jahresumsatz: 197,4 Milliarden Dollar

Platz 4

Royal Dutch Shell (Großbritannien)

Jahresumsatz: 192,1 Milliarden Dollar

Platz 5

Sinopec (China)

Jahresumsatz: 119,1 Milliarden Dollar

Platz 6

Total (Frankreich)

Jahresumsatz: 118,5 Milliarden Dollar

Platz 7

BP (Großbritannien)

Jahresumsatz: 118,35 Milliarden Dollar

Platz 8

ConocoPhillips (USA)

Jahresumsatz: 76,67 Milliarden Dollar

Platz 9

Cnooc (Hongkong)

Jahresumsatz: 63,12 Milliarden Dollar

Platz 10

Eni (Italien)

Jahresumsatz: 63 Milliarden Dollar

Quelle

Thomson Reuters/Unternehmensangaben

Es ist ein Machtkampf, auf den die Ölmultis immer verzweifelter so reagieren, wie sie immer auf Krisen reagiert haben: mit Stellenabbau und Investitionsdrosselungen. So will der Energieriese Royal Dutch Shell im laufenden Jahr 6500 Arbeitsplätze streichen, die Investitionen um sieben Milliarden Dollar verringern und Unternehmenswerte in Milliardenhöhe verkaufen. Auch der Energieriese BP legte bereits den Rotstift an die Zahl seiner 84.000 Mitarbeiter an und kappte dabei vor allem im Bereich der Nordsee, wo sich zu derzeitigen Preisen kaum profitabel fördern lässt, weitere Stellen.

Kommentare (15)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr stefan kinlel

27.10.2015, 11:06 Uhr

Und das Allerbeste kommt für BP & Co. zum Schluß: die Dekarbonisierung unserer Welt.
Alles rund um Öl und Gas ist derzeit gnadenlos überbewertet. Auch dank der Analysten. Und dank der fehlenden Weitsicht der geldgierigen Kurzsicht-Aktionäre.

Frau Annette Bollmohr

27.10.2015, 11:39 Uhr

Suchen Sie Streit?

Mit mir werden Sie den aber nicht kriegen. Stimme Ihnen vollkommen zu.
Die Zeiten ändern sich, und "wer zu spät kommt, den bestraft das Leben" (M. Gorbatschow). Gilt auch für kurzsichtige Analysten und Aktionäre.

Wär' ja auch alles kein Problem, wenn unter den Folgen der Kurzsichtigkeit (und Lernunwilligkeit) nicht immer erstmal in erster Linie die Falschen zu leiden hätten...

Herr Helmut Metz

27.10.2015, 11:42 Uhr

Ja, was wurde alles über die Ursache des Ölpreisverfalls geschrieben.
Das ging sogar bis hin zu Spekulationen, der Ölpreis-Einbruch würde als "Waffe" benutzt, um Russland finanziell in die Knie zu zwingen.
Mit Verlaub, aber das ist natürlich kompletter Bullshit. Zwar hat es diese Art der Kriegesführung in der Tat gegeben, nämlich unter Ronald Reagan, und vermutlich war sie auch wesentlich effektiver als das Wettrüsten, um die Sowjetunion an den Rande des Bankrotts zu bringen:
"Aber der eigentliche Punkt war: zu diesem Zeitpunkt war die Sowjetische Militär-Wirtschaft abhängig von harten Dollarwährungseinkünften. Und der einzige Weg, den sie hatten, oder für den größten Teil von bis rund 70 Prozent, den sie hatten, um diese harten Dollar zu verdienen, war durch Exporte in die westlichen Märkte von Öl und in geringerem Maße von Erdgas. Also wurde die russische Wirtschaft durch die einstürzenden Ölpreise von den niedrigen 30ern Dollarständen – es waren 32 oder 33 USD, glaube ich, am Anfang – auf 9 Dollar während der Tiefe der Operation Mitte 1986, plötzlich zum Zerreißen gedehnt . Gorbatschow musste an diesem Punkt einfach den letzten Tropfen Blut aus den Satelliten-Volkswirtschaften Ost-Deutschlands, Polens, der Tschecheslowakei und so weiter saugen, um verzweifelt zu versuchen, Schritt zu halten mit dem Wettrüsten beim „Star Wars“ mit Washington, denn wenn Washington das Wettrüsten gewonnen hätte, und sei es nur halbwegs gewesen, und Russland lag zurück, hätten sie einfach auf die Knie fallen und aufgeben müssen. Daher war es das, laut russischen Ökonomen mit denen ich nach dem Zusammenbruch im Jahre 1994 in Moskau gesprochen habe, was wirklich die Sowjetunion 1988-1989 brach."
http://www.larsschall.com/2011/03/27/wir-sind-inmitten-einer-epochalen-tektonischen-verschiebung-%E2%80%93-teil-1/
Heute trifft ein Einbruch des Ölpreises aber nicht Russland am härtesten, sondern die Länder mit besonders hohen Förderkosten.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×