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11.12.2015

19:04 Uhr

Gold, Tantal, Wolfram

Streit um die Blutrohstoffe

VonRegine Palm

Die Europäische Union ringt um eine Regelung zu Rohstoffen aus Konfliktregionen. Doch die gute Absicht könnte deutsche Unternehmen viel Geld kosten. Schätzungen reichen bis zu einer halben Million Euro.

Die EU will die Einfuhr von Konfliktrohstoffen begrenzen. ap

Kobalt-Mine im Kongo

Die EU will die Einfuhr von Konfliktrohstoffen begrenzen.

DüsseldorfRohstoffe wie Metalle oder Rohöl sind inzwischen so billig wie seit Jahren nicht mehr. Das ist für die meisten Unternehmen eine gute Nachricht. Sie haben zeitweise stark unter dem steilen Preisanstieg gelitten, der zur Jahrtausendwende vor allem durch die unerwartet hohe Nachfrage Chinas ausgelöst worden war. Doch nun treiben viele Unternehmen neue Sorgen um: die sogenannten Konfliktrohstoffe, die in Krisengebieten wie der Demokratischen Republik Kongo gefördert werden. Während viele Staaten in Europa einen freiwilligen Ansatz bei dem Herkunftsnachweis unterstützen, setzen sich Deutschland und Schweden zumindest bei Schmelzen und Raffinerien dezidiert für eine verpflichtende Regelung ein.

Zu den Konfliktrohstoffen zählen neben eher unbekannten Rohstoffen wie Wolfram und Tantal, die etwa für Mobiltelefone gebraucht werden, auch bekannte Materialien wie Zinn und Gold. Oft bereichern sich Milizen in den Konfliktregionen durch den illegalen Abbau dieser Grundstoffe. Das EU-Parlament will daher den Einsatz dieser Rohstoffe streng kontrollieren. Doch das könnte für die Unternehmen mit hohen Kosten verbunden sein. Nach einer Umfrage der Wirtschaftsvereinigung Metalle (WVM) und des Verbands der Metallhändler (VDM) rechnen 90 Prozent der befragten Unternehmen mit Mehrkosten von 25.000 bis zu 500.000 Euro pro Jahr. Verursacht würden die meisten Kosten durch die Verwaltung sowie durch Personal- und Informationsbeschaffung.

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Geplant ist zurzeit, die Konflikt- und Hochrisikogebiete anhand von drei standardisierten Kriterien festzulegen. Die Unternehmen müssten dabei den Angaben zufolge aufwendig und von Fall zu Fall selbst bestimmen, auf welche Handelsregion welche Kriterien zutreffen. Die Firmen müssten also selbst eine Bewertung vornehmen. Dagegen wehren sich die Verbände, zumal der Mehraufwand von bis zu einer halben Million Euro im Jahr ein zusätzlicher Nachteil im weltweiten Wettbewerb bedeute. „Gerade kleinere Unternehmen wären durch solche Kosten überfordert“, warnt zudem Lars-Peter Häfele, Rohstoffexperte der Kölner Unternehmensberatung Inverto.

Kritisch wird auch die Verlagerung der Verantwortung zu den Unternehmen gesehen. „Die Politik muss ausdrücklich festlegen, wie eine Region einzuordnen ist. Diese politische Entscheidung kann nicht auf die Unternehmen verlagert werden“, fordert Franziska Erdle, Hauptgeschäftsführerin der WV-Metalle. Abhilfe könnten etwa die bestehenden staatlichen Embargolisten schaffen. „Diese könnten nach Bedarf aktuell ergänzt werden“, sagt Erdle. Der bisherige Verordnungsentwurf sieht vor, dass sich europäische Importeure von den entsprechenden Rohstoffen wie Zinn, Tantal, Wolfram und Gold als „verantwortungsvolle Einführer“ zertifizieren lassen. Dabei soll die gesamte Lieferkette berücksichtigt werden (Down- und Upstreamindustrie). Ziel sei es, „Querfinanzierungen von Rebellengruppen und Konflikten bei der Rohstoffgewinnung zu unterbinden“.

Die Europäische Union arbeitet schon seit geraumer Zeit an einem eigenen Vorschlag. Die USA haben dagegen mit dem Dodd-Frank Act schon Fakten geschaffen. Seit Juni 2014 verlangt die US-Finanzaufsicht SEC von börsennotierten Unternehmen den Nachweis, dass die von ihnen eingesetzten Rohstoffe nicht aus einer Krisenregion kommen. Das kann indirekt in Deutschland auch Zulieferunternehmen treffen, beispielsweise aus der Automobil- und der Elektrobranche.

Doch in Deutschland sind ohnehin noch weitere Fragen rund um die Konfliktrohstoffe unklar – etwa, wie weit davon Sekundärrohstoffe wie Metallschrott betroffen sind. „Ursprünglich sollte Schrott nicht in den Anwendungsbereich fallen“, sagt Ralf Schmitz, Hauptgeschäftsführer vom Verband Deutscher Metallhändler. Das werde aber durch den jüngsten Entwurf ausgehöhlt. Dabei sei der Nachweis über die Herkunft der Sekundärrohstoffe de facto gar nicht möglich. „Was bereits mehrfach in den Werkstoffkreislauf zurückgeführt wurde, finanziert keine Konflikte und sollte deshalb auch nicht in der Verordnung enthalten sein“, sagt Schmitz. Präferiert werde daher im Nichteisen-Bereich ein freiwilliger Ansatz.

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