Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

20.01.2016

12:03 Uhr

Handelsblatt Energietagung

Ölmanager glauben an die Preiswende

VonJürgen Flauger

Der Ölpreis ist im Keller. Für die Chefs der deutschen Ölförderer Wintershall und Dea kann das auf Dauer aber nicht so bleiben – weil sonst nicht in neue Felder investiert wird. Sie üben sich im Zweckoptimismus.

Der deutsche Ölförderer hofft auf ein Ende der Niedrigpreise. PR

Wintershall-Gasprojekt in Russland

Der deutsche Ölförderer hofft auf ein Ende der Niedrigpreise.

BerlinDer Ölpreis ist im freien Fall. Die Verbraucher jubeln. Tanken ist so günstig wie seit langem nicht mehr. Bei Mario Mehren sieht die Gefühlslage etwas anders aus: „Mir fällt es schwer, als Chef eines Öl- und Gasunternehmens von Freude zu sprechen“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Wintershall AG am Mittwoch auf der Handelsblatt-Energietagung in Berlin. „Öl ist derzeit günstiger als Mineralwasser.“

Wintershall ist neben der DEA Deutsche Erdöl AG der einzige nennenswerte deutsche Öl- und Gasproduzent und leidet wie der Konkurrent unter den niedrigen Preisen. In dieser Woche ist der Ölpreis je Barrel (159 Liter) unter die Marke von 30 Dollar gefallen und kostete damit so wenig wie seit 13 Jahren nicht mehr. Mitte 2014 hatte das Barrel noch mehr als 100 Dollar gekostet.

Energiebranche im Umbruch: Neue Geschäfte – verzweifelt gesucht

Energiebranche im Umbruch

Premium Neue Geschäfte – verzweifelt gesucht

Die strauchelnden Energieversorger suchen ihr Heil in der Digitalisierung. Im Überlebenskampf müssen sie sich dabei gegen neue Konkurrenten behaupten: wendige Start-ups und Weltkonzerne wie Google oder Apple.

Mehren glaubt zwar nicht, dass der Ölpreis dieses Niveau bald wieder erreichen wird. Er ist aber überzeugt, dass er wieder ansteigen wird. „In absehbarer Zeit werden wir wieder einen höheren Preis sehen. Der Angebotsüberhang bei Öl ist sehr knapp“, sagte Mehren. Gleichzeitig müsse sich der Markt an Schwankungen gewöhnen. „Der Öl- und Gasmarkt ist sehr turbulent“, sagte Mehren – und der Markt werde auf niedrigerem Niveau volatil bleiben.

Den Kursrutsch erklärte er vor allem mit der aktuell niedrigen Nachfrage. Vor allem das gedämpfte Wirtschaftswachstum in China wirke sich aus. Gleichzeitig würden aber wegen der niedrigen Ölpreise Investitionen in Exploration und Entwicklung von Ölfeldern verschoben. „In zwei, drei, vier Jahren wird sich das auf den Preis auswirken“, ist Mehren überzeugt.

Die Chronik des Ölpreisverfalls

Der Verfall

Ein weltweites Überangebot bei schwächelnder Nachfrage setzt dem Ölpreis immer stärker zu. Noch im Juni 2014 kostete ein Barrel (Fass zu je 159 Liter) Nordseeöl der Sorte Brent 115,7 Dollar. Derzeit kostet ein Fass Öl aus der Nordsee weniger als 33 Dollar.

Die Gründe

Ein Grund für das Überangebot ist der Schieferölboom in den USA. Ein anderer ist die Förderpolitik der Opec, die anders als in früheren Jahren den Preis nicht durch die Senkung von Fördermengen stützen will oder kann. Stattdessen kämpfen die Kartellmitglieder mit Rabatten um ihre Marktanteile. Diese Preis-Meilensteine durchschritt die Ölsorte Brent seit Anfang 2015:

7. Januar 2015

Der Brent-Preis fällt zum ersten Mal seit Mai 2009 unter 50 Dollar je Fass.

13. Januar 2015

Mit 45,19 Dollar erreicht Brent den niedrigsten Stand seit März 2009.

3. Februar 2015

Spekulationen auf einen deutlichen Rückgang des Überangebots treiben den Preis für Brent wieder über 55 Dollar.

6. Mai 2015

Export-Ausfälle in Libyen schüren Spekulationen auf einen Versorgungsengpass: Der Ölpreis steigt bis auf 69,63 Dollar.

3. August 2015

Erstmals seit Januar rutscht Brent wieder unter die 50-Dollar-Marke. Auslöser ist ein Rekordanstieg der Ölproduktion der Opec-Länder im Juli.

24. August 2015

Aus Sorgen vor einer deutlichen Abkühlung der chinesischen Wirtschaft machen Anleger einen großen Bogen um Öl. Brent verbilligt sich um bis zu 6,5 Prozent auf 42,51 Dollar. Damit kostet das Nordsee-Öl so wenig wie zuletzt im März 2009.

8. Dezember 2015

Nachdem die Opec ihre Förderpolitik bestätigt hat und in der Abschlusserklärung nicht einmal mehr eine Zahl für die Obergrenze der Produktion auftaucht, gehen die Notierungen erneut in die Knie: Brent fällt auf bis zu 39,81 Dollar und ist damit so billig wie zuletzt im Februar 2009.

21. Dezember 2015

Brent kostet mit rund 36 Dollar so wenig wie zuletzt im Juli 2004.

4. Januar 2016

Nach der Hinrichtung eines schiitischen Geistlichen im sunnitischen Saudi-Arabien eskaliert der seit langem schwelende Konflikt zwischen dem Iran und dem Königreich. Dies macht eine gemeinsame Linie der beiden Opec-Mitglieder in der Ölpolitik unwahrscheinlich. Die Preise nehmen ihre Talfahrt wieder auf.

7. Januar 2016

Brent stürzt um sechs Prozent auf 32,16 Dollar ab und notiert damit so niedrig wie zuletzt im April 2004. Damals hatte der Preis zuletzt die 30-Dollar-Marke unterschritten.

„Bei einem Preis von 28 Dollar rechnen sich Investitionen nicht“, ist auch Klaus Schäfer, Chef des neuen Unternehmens Uniper, in das Eon seine konventionellen Kraftwerke, den Energiegroßhandel sowie die Gasproduktion ausgelagert hat. „Das wird nicht ewig so bleiben können – die Frage ist nur, wie lange wird das dauern.“ Schäfer erinnerte daran, dass es erst zwei Jahre her sei, dass die Preise auf einem ganz anderen Niveau waren und der Ölpreis nur eine Richtung kannte – nach oben: „Das kann sehr schnell gehen – und nicht nur nach unten, sondern auch nach oben.“

„Ich gehe davon aus, dass der Ölpreis wieder steigen wird“, sagte Dea-Chef Thomas Rappuhn. Derzeit würden Projekte zur Exploration und Entwicklung von Ölfeldern im Volumen „von mehreren hundert Milliarden Euro“ gestoppt. Die können auch nicht schnell wieder aufgenommen werden. „Die Produktion wird sinken“, ist er überzeugt.

Rappuhn glaubt aber, dass die Preise nicht wieder das Niveau von 2014 erreichen können. Das liegt nach seinen Worten an der Produktion von Schiefer-Öl, der Erschließung neuer Lagerstätten in Schiefergestein. Hier lägen die Grenzkosten bei 40 bis 60 US-Dollar und die Lagerstätten könnten auch vergleichsweise schnell erschlossen werden. Dadurch gebe es eine niedrige Barriere, ab der bei steigenden Preisen wieder neues Öl auf den Markt komme.

Mehr als 1.200 Entscheider aus der Energiebranche treffen sich ab Dienstag, 19. Januar, in Berlin zur dreitägigen „Handelsblatt Jahrestagung Energiewirtschaft“. Die Eröffnungsrede hält Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel. Mit dabei sind auch Frank Mastiaux (EnBW), Klaus Schäfer (Uniper) und Umweltministerin Barbara Hendricks.

Im Gegensatz zu Wintershall-Chef Mehren und seinen Kollegen kann sich Utz Tillmann aber sehr wohl über den Status quo freuen: „Ich weine nicht über den niedrigen Ölpreis“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie, „der niedrige Ölpreis in Verbindung mit dem schwachen Euro hilft uns.“ Allerdings gelte das zwar für den internationalen Wettbewerb, nicht aber für die Gewinnentwicklung. Die Branche könne sich nicht über „hohe Margen“ freuen: „Unsere Kunden wollen Preisnachlässe.“

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×