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15.09.2016

15:36 Uhr

Hinkley Point

Briten genehmigen ersten AKW-Bau in der EU seit Fukushima

Die britische Regierung hat grünes Licht für den neuen Atomreaktor Hinkley Point gegeben. Damit kann das über 20 Milliarden Euro schwere Projekt von EDF umgesetzt werden. Allerdings hat London die Auflagen verschärft.

Das Projekt in der Nähe von Bristol im Südwesten Englands war wegen der finanziellen Risiken höchst umstritten. Reuters

Baustelle für Hinkley Point C

Das Projekt in der Nähe von Bristol im Südwesten Englands war wegen der finanziellen Risiken höchst umstritten.

London, ParisGroßbritannien hat grünes Licht für den ersten Atomkraftwerks-Bau in der Europäischen Union (EU) seit der Katastrophe im japanischen Fukushima vor fünf Jahren gegeben. Nach einem Rückzieher im Juli genehmigte die Regierung am Donnerstag das umgerechnet gut 21 Milliarden Euro teure Projekt Hinkley Point C. Bauen soll es der französische Versorger EDF zusammen mit dem chinesischem Staatskonzern CGNP. Das schon lange geplante Vorhaben war zunächst auch bei der neuen britischen Premierministerin Theresa May auf Kritik gestoßen – aber nicht wegen möglicher Sicherheitsbedenken bei der Atomkraft, sondern wegen der Beteiligung der Chinesen. Nun sollen aber ausländische Investitionen in strategische Infrastruktur besonders scharf kontrolliert werden. EDF sieht derweil Europas Atomwirtschaft mit Hinkley vor einem Comeback.

Der Bau zweier neuer Reaktoren auf der Anlage im Südwesten Großbritanniens war eigentlich schon 2015 vom damaligen Premierminister David Cameron abgesegnet worden. Gegner kritisierten jedoch unter anderem den Einfluss, den das kommunistische China damit auf die Nukleartechnik der europäischen Atommacht bekommen würde. Camerons Nachfolgerin May hatte schon als Innenministerin unter Cameron Zweifel bekundet. Unmittelbar nach ihrer Amtsübernahme im Zuge des Brexit-Votums stoppte sie das Projekt kurz vor Vertragsunterzeichnung, was die Beziehungen zu Frankreich und China belastete und Zweifel an ihrer Haltung gegenüber geplanten Milliardeninvestitionen aus der Volksrepublik schürte.

EDF-Milliardenprojekt: Atomares Verwirrspiel um Hinkley Point

EDF-Milliardenprojekt

Atomares Verwirrspiel um Hinkley Point

Die französische EDF will für rund 21,5 Milliarden neue Atomreaktoren an der Westküste Englands bauen. Doch überraschend schießt die britische Regierung quer. Das Vorzeigeprojekt droht zur Farce zu werden.

Nun sicherte May dem französischen Präsidenten Francois Hollande ihre Unterstützung für das Projekt per Telefon persönlich zu, wie ein Hollande-Berater sagte. Ihren Meinungswandel begründete einer ihrer Sprecher damit, dass Großbritannien nun weitgehende Rechte zur Kontrolle von Hinkley Point C ausgehandelt habe. So könne die Regierung einen Verkauf der EDF-Kontrollmehrheit verhindern. Zudem werde sie sich in allen künftigen Atomprojekten einen „Sonderanteil“ sichern, um Besitzerwechsel stoppen zu können. Die Zusage für das umstrittene Projekt geht also mit einer Justierung der Investitionspolitik einher, die Industrieminister Greg Clark als großen Gewinn für die nationalen Interessen des Landes pries.

Der beiden neuen Meiler sollen 2019 in Bau gehen und rund sieben Prozent der britischen Stromversorgung übernehmen. Bis 2025 will Großbritannien seine Kohlekraftwerke stilllegen und muss den Wegfall der dort produzierten Energie kompensieren.

Der chinesische Atomkonzern begrüßte die Entscheidung und erklärte, die neuen Eigentumsregeln stellten kein Problem für die eigenen Expansionspläne dar. Die Investition von acht Milliarden Dollar in Hinkley Point soll für die Chinesen nämlich nur der Start für einen breiteren Einstieg in den britischen Atommarkt sein. So will das Unternehmen mit EDF weitere Meiler bauen und bei einem Projekt auch die Führung übernehmen.

Umstrittene Atomanlagen an Deutschlands Grenzen

Tihange in Belgien

Der Standort bei Lüttich ist rund 70 Kilometer von Aachen in Nordrhein-Westfalen entfernt. Block 2 war dort im März 2014 wegen Sicherheitsbedenken abgeschaltet worden und trotz Haarrissen im Dezember 2015 wieder ans Netz gegangen. Das Land Nordrhein-Westfalen und die Städteregion Aachen reichten im Februar 2016 gegen die Wiederaufnahme des Betriebs Klage am höchsten belgischen Verwaltungsgericht ein.

Cattenom in Frankreich

Das 1986 ans Netz gegangene Kernkraftwerk an der Mosel liegt am Dreiländereck Frankreich-Deutschland-Luxemburg. Luxemburg, das Saarland und Rheinland-Pfalz fordern seit langem die Stilllegung des Kraftwerks, in dem es schon Hunderte Störfälle gab. Frankreich lehnt das ab.

Fessenheim in Frankreich

Das älteste Atomkraftwerk des Landes liegt direkt am Rhein an der Grenze zu Baden-Württemberg. Beim Stresstest für Atomanlagen 2012 sahen Fachleute unter anderem Mängel bei der Prüfung von Erdbeben- und Flutgefahren. Ein Gutachten stufte Fessenheim als „sicherheitstechnisch unzureichende Anlage“ ein. Das Atomkraftwerk soll bis Ende 2016 stillgelegt werden.

Beznau in der Schweiz

Ein Gutachten für das Stuttgarter Umweltministerium machte massive Sicherheitsmängel an dem Akw aus. Der Meiler steht direkt an der deutsch-schweizerischen Grenze bei Waldshut. Beznau ist seit 1964 am Netz und damit das älteste im Betrieb befindliche Atomkraftwerk der Welt.

Temelin in Tschechien

Der Meiler sowjetischen Bautyps ist 60 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Kritiker vor allem in Österreich und Deutschland sehen schwere Sicherheitsmängel bei der Anlage. Im Februar 2016 kritisierte auch die Leiterin der Atomaufsichtsbehörde in Prag die Sicherheitsvorkehrungen der Betreiberfirma für Temelin.

EDF-Chef Jean Bernard Levy betonte, sein Konzern wolle seine Kontrollmehrheit bei Hinkley Point behalten. Derzeit liege der Anteil bei 66 Prozent, er werde in jedem Fall über 50 Prozent bleiben. Er würdigte die Entscheidung der Briten als Wendepunkt für die Atomindustrie in Europa. Hier hatten Sicherheitsbedenken nach der Fukushima-Katastrophe im März 2011 die Nuklearenergie in den Hintergrund gedrängt. In Deutschland mussten Größen wie RWE und Eon massive Einbußen hinnehmen, nachdem die Bundesregierung angesichts von Fukushima den Ausstieg aus der Atomkraft beschlossen hatte.

In der Pariser Regierung sorgte die Entscheidung der Briten für Begeisterung: Wirtschaftsminister Michel Sapin sprach von einem Meilenstein der energiepolitischen Zusammenarbeit mit Großbritannien. Es handele sich um eine gute Nachricht für die französische Atomindustrie, die damit ihre Technologie weltweit präsentieren könne. Aber selbst in Frankreich ist das EDF-Projekt nicht unumstritten: Es gibt Zweifel, ob der finanziell schon durch die Übernahme des AKW-Bauers Areva belastete Staatskonzern die Milliardeninvestition überhaupt stemmen kann.

Von

rtr

Kommentare (2)

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Herr Thomas Behrends

15.09.2016, 10:30 Uhr

Klammheimlich werden wieder AKW aufgebaut.

Eine gaaaannnnzzz tolle, todsichere Energieform mit großen Zukunftsbelastungen (Atommüll) ...

Herr Holger Narrog

15.09.2016, 11:34 Uhr

Hallo Herr Behrends...Kernkraftwerke sind grosse, massive Bauten die nirgends in der Welt "klammheimlich" errichtet werden können. Der Bau neuer Kernkraftwerke wurde in GB in den vergangenen 10 Jahren intensiv diskutiert. Die Reaktorunfälle in Fukushima wo bei 3x grösster anzunehmender Unfall niemand zu Schaden kam, hat viele Politiker in GB zugunsten derselben überzeugt. In GB sieht man einerseits die Versorgungssicherheit den Klimaschwindel und andererseits die mittlerweile enormen Kosten neuer Kernkraftwerke.

Ein fiktives, kommunikatives Problem wie der "Atommüll" lässt sich mit realer Technik natürlich nicht lösen.

Wenn man sich die Fakten abseits der Phantasieberichte Deutschsprachiger Medien betrachtet ist dies die Energieform mit den geringsten Risiken und den geringsten Mengen an Sondermüll.

Problematisch ist meines Erachtens eher, dass man die Kosten neuer Kernkraftwerke durch sinnlose Auflagen, Dokumentationspflichten, Zertifizierungsverfahren, Prüfverfahren so in die Höhe getrieben hat, dass ein solches verglichen mit einem Kohlekraftwerk nicht mehr wettbewerbsfähig ist.

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