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03.07.2017

20:30 Uhr

Hinkley Point C

Neues Atomkraftwerk wird zum Milliardengrab

VonKerstin Leitel

Der Flughafen BER sorgt im Ausland nicht selten für Schadenfreude. Dabei spielt sich im Südwesten Englands ein ähnliches Drama ab: Das Atomkraftwerk Hinkley Point droht für den Energiekonzern EDF zum Fiasko zu werden.

Die Kosten für das Atomkraftwerk in der Grafschaft Somerset schießen in die Höhe. AFP

Hinkley Point C im Entwurf

Die Kosten für das Atomkraftwerk in der Grafschaft Somerset schießen in die Höhe.

LondonEs war ein Projekt, das von Anfang an von allen Seiten heftig kritisiert wurde: Der Bau des Atomkraftwerks Hinkley Point C an der Südwestküste von England. Erstmals seit 20 Jahren und zum ersten Mal seit der Katastrophe im japanischen Fukushima im Jahr 2011 sollte in der Europäischen Union wieder ein solches Kraftwerk gebaut werden. Ein Milliardenprojekt.

Der Bau dieser zwei Atomreaktoren sei eine „wichtige strategische Entscheidung“, erklärte der britische Wirtschaftsminister Greg Clark. Eine neue Welle an Investitionen in Nukleartechnik sollte das Projekt Hinkley Point auslösen und der britischen Wirtschaft „immensen Schub“ geben.

Überteuerte Großbauprojekte in Deutschland

EZB-Gebäude, Frankfurt

Geplante Kosten: 940 Millionen Euro
Mehrkosten: 450 Millionen Euro (48 Prozent)
Verzögerung: 3 Jahre

ICE-Strecke Köln-Frankfurt

Geplante Kosten: 3900 Millionen Euro
Mehrkosten: 2040 Millionen Euro (52 Prozent)
Verzögerung: 3 Jahre

City Tunnel, Leipzig

Geplante Kosten: 570 Millionen Euro
Mehrkosten: 390 Millionen Euro (68 Prozent)
Verzögerung: 4 Jahre

BND-Zentrale, Berlin

Geplante Kosten: 730 Millionen Euro
Mehrkosten: 570 Millionen Euro (78 Prozent)
Verzögerung: 3 Jahre

BARD 1 Nordsee-Windpark

Geplante Kosten: 1500 Millionen Euro
Mehrkosten: 1400 Millionen Euro (93 Prozent)
Verzögerung: 2 Jahre

Flughafen BER, Berlin

Geplante Kosten: 2500 Millionen Euro
Mehrkosten: 3300 Millionen Euro (132 Prozent)
Verzögerung: ungewiss

Bahnhof Stuttgart 21, Stuttgart

Geplante Kosten: 3000 Millionen Euro
Mehrkosten: 6800 Millionen Euro (227 Prozent)
Verzögerung: 5 Jahre

Elbtunnel-Sanierung, Hamburg

Geplante Kosten: 20 Millionen Euro
Mehrkosten: 70 Millionen Euro (364 Prozent)
Verzögerung: 8 Jahre

Bischofsresidenz, Limburg

Geplante Kosten: 6 Millionen Euro
Mehrkosten: 25 Millionen Euro (425 Prozent)

Elbphilharmonie, Hamburg

Geplante Kosten: 77 Millionen Euro
Mehrkosten: 712 Millionen Euro (925 Prozent)
Verzögerung: 7 Jahre

Nur wenige Monate nach Baubeginn ist klar, wie das zu verstehen ist: Die Kosten für das Atomkraftwerk mit zwei Druckwasserreaktoren in der Grafschaft Somerset schießen in die Höhe. Der Zeitplan für den Bau ist schon jetzt, Jahre vor der geplanten Fertigstellung der Meiler, nicht einzuhalten. Eine Blamage – allerdings in erster Linie für den französischen Energiekonzern EDF.

Denn der Konzern, der mehrheitlich dem französischen Staat gehört, ist der größte Investor des Projekts. EDF muss für zwei Drittel der Kosten aufkommen. Ein Drittel steuert der zweite Investor bei, der chinesische Partner China General Nuclear Corporation (CGN).

Der gemeinsame Bau des Atommeilers in Großbritannien war eine Win-win-Situation, so schien es auf den ersten Blick. Das französische Unternehmen freute sich über den Milliardenauftrag zu einer Zeit, als Deutschland den Ausstieg aus der Atomkraft durchsetzte, Italien ein geplantes Atomprogramm gestrichen und Frankreich eine Verringerung seiner Abhängigkeit vom Atomstrom angestrebt hatte. Die chinesischen Partner hofften, durch die Zusammenarbeit einen Fuß in den britischen Markt zu bekommen.

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Und die Briten rechneten damit, dass Hinkley Point die nächsten 60 Jahre sieben Prozent des Energiebedarfs decken und 26.000 Arbeitsplätze schaffen könnte. Großbritannien will bis 2025 alle Kohlekraftwerke abschalten, um seine Klimaschutzziele einzuhalten. Gas und Kernenergie soll die Lücke zu dem tatsächlichen Verbrauch schließen.

So setzte sich die britische Regierung über Kritiker hinweg, die das Projekt als zu teuer und – nicht zuletzt wegen der chinesischen Beteiligung – zu riskant gehalten hatten. Auch aus Frankreich wurden Vorbehalte an dem teuren Mammutprojekt laut, der Finanzchef von EDF trat aus Protest gegen die Neubauten zurück. Doch vergangenen September gab die britische Premierministerin Theresa May grünes Licht für den Bau von Hinkley Point C, und die Bagger rollten an. Die Probleme waren da aber noch nicht zu Ende.

Kommentare (16)

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Herr Kuno van Oyten

04.07.2017, 09:46 Uhr

@ Herr Holger Narrog - 04.07.2017, 08:42 Uhr - Wie ignorant kann man eigentlich sein die Spätfolgen der Fukushima Katastrophe so zu verharmlosen. Nur weil beim eigentlichen GAU niemand direkt getötet wurde sind die Spätfolgen um so dramatischer für Mensch und Umwelt.

Herr Holger Narrog

04.07.2017, 10:27 Uhr

Hallo Herr van Oyten...

sachlich gesehen waren die radioaktiven Expositionen für die Mitarbeiter des Kraftwerks begrenzt. Einige MA waren radioaktiven Strahlen ausgesetzt die über der statistischen Nachweisgrenze für erhöhte Krebsraten lagen. Gem. eines Deutschen Strahlenschutzprofessors erhöht sich bei den beiden am stärksten betroffenen Mitarbeitern die Wahrscheinlichkeit an Krebs zu sterben von 25 auf 27%.

Die Radioaktivität war ausserhalb des Kraftwerksgeländes nie sehr bedrohlich. Gem. des Präsidenten des Deutsch/Schweizerischen Fachverbandes für Strahlenschutz waren die radioaktiven Expostionen nach einem Jahr ähnlich der natürlichen Expositionen im Schwarzwald.

Finden Sie dies dramatisch?

Deshalb wurden das sinnlose grossflächige Abtragen von Erde und die grossflächigen Evakuierungen von der IAEA und UNSCEAR auch stark kritisiert.

Rainer von Horn

04.07.2017, 10:33 Uhr

@ Herr Kuno van Oyten04.07.2017, 09:46 Uhr

Der Atomausstieg ist eine ziemlich einsame deutsche Veranstaltung, die am Ende wohl dazu führen wird, daß unser Land zur Aufrechterhaltung der Versorgungsstabilität, Atomstrom aus dem Ausland beziehen wird.

Heute dienen Kohlekraftwerke zur Aufrechterhaltung der Versorgungsstabilität. Die Kohle für diese Kohlekraftwerke stammt grossteils aus sehr weit entfernten Ländern, z.B. Kolumbien, Venezulea, Kanada, USA oder Russland. Die Schäden vor Ort bei der Gewinnung sowie die Emissionen durch den Transport sind scheinbar "klimaneutral".

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/157767/umfrage/anzahl-der-geplanten-atomkraftwerke-in-verschiedenen-laendern/

https://www.welt.de/print/die_welt/wirtschaft/article126772008/Uralt-Reaktor-soll-Blackout-verhindern.html

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