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17.07.2017

15:00 Uhr

Insolventer Photovoltaikkonzern

Der Kahlschlag bei Solarworld geht weiter

VonFranz Hubik

Maue Perspektive für Solarworld: Deutschlands einst größter Photovoltaikkonzern muss nach der Pleite weiter viel Personal entlassen. Potenzielle Investoren zögern. Die Rettungsaussichten für den Konzern schwinden.

Für Frank Asbeck und seinen Konzern Solarworld wird es eng – die Rettungsaussichten schwinden. dpa

Solarworld

Für Frank Asbeck und seinen Konzern Solarworld wird es eng – die Rettungsaussichten schwinden.

DüsseldorfBittere Bilanz bei Solarworld: Acht Wochen nach Eröffnung des vorläufigen Insolvenzverfahrens hat sich noch kein Investor gefunden, der Deutschlands einst größten Photovoltaikkonzern übernehmen will. Insolvenzverwalter Horst Piepenburg informierte die noch rund 1.800 Mitarbeiter des Konzerns in Deutschland an den beiden Produktionsstandorten in Freiberg (Sachsen) und  Arnstadt (Thüringen) sowie in der Verwaltung in Bonn am Montag über die aktuelle Lage. Demnach ist eine Fortführung von Solarworld nur mit weiteren Einsparungen möglich. Wegen zu hoher Produktionskosten sei ein „signifikanter Personalabbau notwendig“, erklärte Piepenburg der Belegschaft.

Zwar sei es gelungen, den Geschäftsbetrieb in den vergangenen zwei Monaten zu stabilisieren, Bestandsware zu veräußern und Neugeschäft im niedrigen zweistelligen Millionenbereich zu generieren, erläuterte der Insolvenzverwalter. Aber es konnten dennoch nicht genügend flüssige Mittel erwirtschaftet werden, um nach Auslaufen des Insolvenzgeldzeitraums die Löhne und Gehälter aller Mitarbeiter ab August weiter zu bezahlen.

Zum Hintergrund: Binnen der ersten drei Monate eines Insolvenzverfahrens übernimmt üblicherweise die Bundesagentur für Arbeit die Auszahlung der Gehälter. Danach muss der Insolvenzverwalter die Personalkosten aus dem laufenden Betrieb leisten – bei Solarworld ist dies ab dem 1. August 2017 der Fall.

Aufstieg und Fall von Solarworld

1998

Der Diplom-Landwirt Frank Asbeck gründet die Solarworld AG.

2000

Unter der rot-grünen Bundesregierung wird das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) beschlossen. Der Ausbau von Solar- und Windkraftanlagen wird mithilfe üppiger Förderungen stimuliert. Asbecks Solarmodule werden über Nacht zum Verkaufsschlager.

2005

„Weitere Siliziumversorgung gesichert“, meldet Solarworld. Der rasant wachsende Ökostromkonzern vereinbart den ersten von insgesamt vier langfristigen Lieferverträgen mit dem US-Siliziumhersteller Hemlock Semiconductor.

2007

Solarworld entwickelt sich zum neuen Börsenstar. Der damals im TecDax notierte Ökokonzern wird mit 4,6 Milliarden Euro bewertet.

2008

Die Unternehmensberatung Bain & Company kürt Solarworld zu „Deutschlands wachstumsstärkstem Unternehmen“. Als Opel in Turbulenzen gerät, bietet Firmenchef Asbeck an, den kriselnden Autokonzern zu übernehmen. Dabei gerät Solarworld langsam selbst unter Druck.

2011

Solarworld rutscht tief in die roten Zahlen, schreibt mehr als 300 Millionen Euro Verlust. Die zunehmende Billig-Konkurrenz aus Asien und gedrosselte Subventionen setzen dem Bonner Konzern massiv zu.

2012

Solarworld stellt alle Überweisungen an Hemlock ein. Schlichtungsversuche mit dem US-Konzern scheitern.

2013

Solarworld ringt ums Überleben. Die Aktionäre verzichten auf 95 Prozent ihres Kapitals, um den Fortbestand des Konzerns zu sichern.

2016

Solarworld reißt mit Gläubigern vereinbarte Unternehmenskennzahlen. Das Geld wird knapp, die Schulden explodieren. Die wirtschaftliche Situation der Firma bewertet der Vorstand nun als „sehr schwierig“.

2017

Der Aufsichtsrat kommt Mitte Januar zu einer Krisensitzung zusammen. Die Lage ist dramatisch. Der Vorstand präsentiert einen letzten Rettungsplan. Jede zehnte der 3.000 Stellen des Unternehmens soll gestrichen werden. Solarworld will sich nur noch auf die Herstellung von hochqualitativen Produkten fokussieren.
Am 10. Mai kommt der Vorstand der Solarworld AG zu der Überzeugung, dass „keine positive Fortbestehungsprognose“ mehr für das Unternehmen besteht. Deutschland letzter Photovoltaikriese muss Insolvenz beantragen.

Weil der Konzern aber zu wenig Geld im Tagesgeschäft einnimmt, müssen nun viele Mitarbeiter freigestellt werden. Wie viele Beschäftige genau gehen müssen, ist noch unklar. Ein Sprecher des Insolvenzverwalters wollte sich auf keine Zahlenspekulationen einlassen. Klar ist aber: Weder vom Bund, noch den Bundesländern oder vonseiten der EU kann Solarworld nach geltender Gesetzeslage in dieser Situation finanzielle Hilfe erwarten.

Der Plan des Insolvenzverwalters, die gesamte Solarworld-Gruppe möglichst rasch an einen Investor zu verkaufen, erweist sich als äußerst schwierig.  Die global agierende Investmentbank Macquarie, die Piepenburg mit der Investorensuche beauftragt hat, konnte zwar mehrere potenzielle Interessenten ausfindig machen. Aber keiner dieser strategischen Investoren ist zum aktuellen Zeitpunkt offenbar bereit, ein konkretes Angebot vorzulegen. Vielmehr hätten die Interessenten einen „weiteren Prüfungsbedarf von bis zu vier Monaten“ vor einer finalen Entscheidung signalisiert, heißt es in einer öffentlichen Mitteilung von Solarworld.

„Somit bewegen wir uns gerade im Spannungsfeld zwischen Rettungsaussichten sowie Perspektiven für Solarworld einerseits und den aktuellen Sach-, Struktur- und Personalkosten, die wir nicht voll umfänglich erfüllen können, andererseits“, erklärte Insolvenzverwalter Piepenburg. Das Ziel des Insolvenzverwalters ist weiterhin, die Produktion aufrecht zu erhalten, um für Solarworld und die Gläubiger die bestmögliche Perspektive zu schaffen.

Allerdings laufen die beiden Fabriken des Konzerns in Freiberg und Arnstadt längst nicht mehr auf Volllast. Denn mit Eröffnung des vorläufigen Insolvenzverfahrens mussten alle rund 250 Leiharbeiter gehen, die der Konzern damals noch beschäftigte. Je nachdem, wie viel Personal der Insolvenzverwalter jetzt weiter abbaut, könnte die Produktion weiter gedrosselt werden.

Solarworld musste Mitte Mai nach sechs verlustreichen Jahren in Folgen Insolvenz beantragen, nachdem sich der Preisverfall für Solarmodule weiter verschärft hatte. 2016 hatte Solarworld unterm Strich knapp 92 Millionen Euro Verlust ausgewiesen.

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Das grüne Jobwunder ist eine Illusion, das hat die Pleite von Solarworld deutlich gemacht. Und es sollte den Windfirmen eine Lehre sein – denn ihnen droht das gleiche Schicksal wie der Photovoltaikbranche. Eine Analyse.

In der globalen Solarindustrie bestehen seit Jahren gewaltige Überkapazitäten. Die Preise stehen enorm unter Druck. Allein zwischen 2009 und 2015 sind die Preise für Paneele nach Berechnungen der Erneuerbaren-Energien-Agentur Irena um 80 Prozent gesunken.

Solarworld wurde zu Glanzzeiten an der Börse mit mehr als 4,6 Milliarden Euro bewertet. Jetzt haben alleine die Gläubiger der beiden Solarworld-Anleihen knapp 170 Millionen Euro im Feuer. Durch die Pleite des Konzerns werden sie auf einem Großteil ihrer Forderungen verzichten müssen.

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Kommentare (7)

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Herr Bernd Bube

17.07.2017, 15:03 Uhr

Dafür hat Herr Asbeck jetzt ein Zweitschloss. Hat sich für ihn also gelohnt. Für die Aktionäre und den Steuerzahler weniger.

Herr Tom Schmidt

17.07.2017, 15:25 Uhr

Tja... dabei wurde uns doch billige Energie mit vielen Arbeitsplätzen versprochen... Wenn man nicht ganz doof ist, merkt man sofort, dass das nicht aufgehen kann: viele Arbeitsplätze kosten eben auch viel Geld!

Aber alternative Fakten werden ja nur bei Trump kritisiert! Nur zum Verständnis: es ist richtig, dass das bei Trump kritisiert wird. Falsch dagegen ist, dass sich andere politische Richtungen ohne, dass sie Ärger mit den Medien bekommen, auch die Welt zurecht lügen können!

Herr San Yukon

17.07.2017, 15:51 Uhr

Wieviel Geld will der noch verbrennen?

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