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11.09.2015

19:58 Uhr

Interesse aus China

ABB denkt über Verkauf von Stromnetzsparte nach

ABB denkt über den Verkauf seiner marktführenden, aber unrentablen Stromnetzsparte nach. Interessenten gibt es einige – darunter auch ein chinesischer Staatskonzern. Der verfügt auf jeden Fall über reichlich Mittel.

Sichert sich ein chinesischer Staatskonzern die Stromnetzsparte der Schweizer Eletronikkonzerns? Reuters

ABB

Sichert sich ein chinesischer Staatskonzern die Stromnetzsparte der Schweizer Eletronikkonzerns?

ZürichAuf der Suche nach einem möglichen Käufer für die Stromnetz-Sparte könnte ABB -Konzernchef Ulrich Spiesshofer in Asien fündig werden. Sollte der Schweizer Elektrokonzern das Geschäft tatsächlich ins Schaufenster stellen, dürfte die chinesische State Grid Corp of China Analysten zufolge zu den heißesten Kaufanwärtern zählen.

Der staatliche chinesische Stromnetz-Gigant hat eine prall gefüllte Kriegskasse. „Sie denken in großen Dimensionen“, sagte Barclays-Experte James Stettler. Mit einem solchen Zukauf würden die Chinesen einen weiteren Schritt auf dem Weg hin zu einem globalen Anbieter von Elektrizitäts-Infrastruktur machen.

ABB stellte die neu formierte Division, die Versorger mit Transformatoren und anderen Produkten für die Strom-Übertragung und -Verteilung beliefert, Mitte der Woche auf den Prüfstand. Zu den Optionen gehören eine Abspaltung oder ein Verkauf des Geschäfts, deren Wert die UBS auf rund vier Milliarden Dollar veranschlagt. Mit dem Großaktionär Cevian im Nacken sieht sich Spiesshofer unter Druck, die Profitabilität des Unternehmens auf das Niveau von Konkurrenten wie der amerikanischen GE zu heben.

Mit der Abtrennung der Division mit einem Umsatz von fast 13 Milliarden Dollar könnte er einen großen Schritt in diese Richtung machen. Obwohl ABB in dem Geschäft zu den Weltmarktführern gehört, erreicht die Division mit 4,7 Prozent nur gerade ein Drittel der der Marge der profitabelsten Geschäfte im Konzern. Damit gehöre die Stromnetz-Sparte weniger zum Kerngeschäft als andere Divisionen, erklärte Credit-Suisse-Analyst Andrey Kukhinin.

Mehrere Analysten halten State Grid Corp of China für einen möglichen Käufer. Der Quasi-Monopolist befindet sich auf einem aggressiven Expansionskurs und will bis 2020 im Ausland für 50 Milliarden Dollar zukaufen. Rund die Hälfte hat State Grid mit Beteiligungen an Versorgern in Portugal, Italien, Brasilien, Australien und asiatischen Ländern bereits ausgegeben. Die Gesellschaft, die 1,1 Milliarden Chinesen mit Strom versorgt, will das Geschäft breiter aufstellen und würde mit einer Akquisition der ABB-Division einen Fuß in das europäische Energieausrüstungsgeschäft bekommen. „Die chinesische Regierung hat Märkte definiert, die sie dominieren wollen“, erklärte Stettler.

Angesichts ihrer vergleichsweise tiefen Rendite-Erwartungen dürften die Chinesen dabei die Nase gegenüber anderen möglichen Bietern wie europäischen Branchenvertretern oder Finanzinvestoren vorne haben. Neben State Grid stammen auch weitere mögliche Bieter aus Asien. Dazu zählen Mitsubishi Heavy Industries oder Hitachi, mit der ABB bereits zusammenarbeitet.

Gas aus Strom: ein Durchbruch für die Energiewende?

Wie funktioniert „Power to gas“?

Das Verfahren ist simpel und Manchem vielleicht noch aus dem Physik- oder Chemieunterricht in Erinnerung: Mit Strom lässt sich in einer Lösung per Elektrolyse Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff trennen. Der Wasserstoff kann in einem zweiten Schritt mit CO2 zu Methan weiterverarbeitet werden, das sich kaum von natürlichem Erdgas unterscheidet. Modernere Elektrolyse-Verfahren wie das in der RWE-Anlage funktionieren mit einer Membran aus einem Material ähnlich wie Teflon.

Was ist der Vorteil?

Gas lässt sich problemlos speichern und transportieren: Theoretisch stünde dafür das gesamte deutsche Gasnetz von rund 400.000 Kilometern Leitung mit zahlreichen unterirdischen Gasspeichern bereit. Laut dem Gasfachverband DVGW könnte allein in den Speichern der deutsche Strombedarf für 2000 Stunden, also fast drei Monate, in Gasform gelagert werden. Bei Bedarf lässt sich das Gas mit bewährter Technik wieder zu Strom umwandeln. In der RWE-Anlage treibt der Wasserstoff ein Blockheizkraftwerk für das Ibbenbürener Strom- und Fernwärmenetz an. Außerdem kann man den Wasserstoff direkt verbrauchen, um mit Brennstoffzellen Autos anzutreiben, oder in geringerer Menge dem Gasnetz beimischen.

Wo liegen die Probleme?

Bisher ist die Technik nicht effizient genug. Bei einem Elektrolyse-Wirkungsgrad von rund 70 Prozent ist nach einer anschließenden Rückverstromung schon rund die Hälfte der Energie verloren. Eine weitere Umwandlung in Methan würde noch deutlich mehr Energie schlucken. Außerdem rechnen sich derzeit schon Kraftwerke mit natürlichem Gas nicht - künstlich erzeugtes Gas habe da erst recht keine Chance, sagen Kritiker. Wirtschaftlich arbeitet auch die Anlage des RWE-Konkurrenten Eon im brandenburgischen Falkenhagen nicht.

Was sagen die Befürworter?

Der Kostenvergleich führt aus ihrer Sicht in die Irre, da für „Power to gas“ überschüssiger Strom verwendet werden soll - also vor allem die mehreren hundert Gigawatt Windkraft pro Jahr, die derzeit mangels Speicher gar nicht erst gewonnen werden. Wenn Deutschland 2050 seinen Energiebedarf zu 80 Prozent aus regenerativen Quellen deckt, gehe an den Gasspeichern ohnehin kein Weg vorbei. Deshalb solle die Politik die Speicheranlagen zumindest als Startanreiz finanziell fördern, sagt der DVGW. Das lehnen Kritiker als Doppelsubventionierung ab, da schon der Strom aus Windkraft und Photovoltaik subventioniert wird.

Und was ist mit den Kunden?

Umweltbewusste Kunden unterstützen die Technik. Der Energieversorger Greenpeace Energy, der im Dezember 2014 einen „Pro-Windgas“-Gastarif an den Markt brachte, fand in der kurzen Zeit laut einem Sprecher bereits 10 500 Kunden - trotz eines Preises über Marktniveau mit einem „Innovationsaufschlag“ von 0,4 Cent pro Kilowattstunde für die Weiterentwicklung der Technik.

Quelle: dpa

Eine Toshiba-Sprecherin erklärte, das Unternehmen sei weiterhin an einem Ausbau des globalen Stromübertragungsgeschäfts interessiert und fasse auch Zukäufe ins Auge. Zu ABB wollte sie sich aber nicht äußern. Hyundai Heavy Industries nahm sich schon mal aus dem Rennen für die ABB-Sparte.

Die Gesamte Branche befindet sich derzeit im Umbruch. General Electric erhielt diese Woche grünes Licht für die Übernahme der Energiesparte von Alstom. GE, Toshiba und Siemens gehören im Stromnetz-Geschäft zu den wichtigsten Wettbewerbern von ABB.

ABB wollte sich nicht äußern, von State Grid war vorerst keine Stellungnahme verfügbar.

Von

rtr

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