Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

11.05.2016

06:36 Uhr

Juwi-Gründer vor Gericht

Showdown in Meiningen

VonAndreas Dörnfelder

Windkraftpionier auf der Anklagebank: Der Korruptionsprozess gegen Matthias Willenbacher steht vor dem Abschluss. An diesem Mittwoch soll das Urteil fallen. Am Ende könnte ein skurriles Ergebnis stehen.

Showdown in Meiningen

Dieses Urteil könnte den Windkraftpionier erwarten

Showdown in Meiningen: Dieses Urteil könnte den Windkraftpionier erwarten

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Sechs Mal fuhr Matthias Willenbacher schon auf dem grauen Kopfsteinpflaster vor. Sagte an der Glastür seinen Namen. Legte seine Sachen in die Plastikwanne an der Sicherheitsschleuse und ließ sie durchleuchten. Dann stieg er die Treppenstufen zum ersten Stock empor und ging an den hellen Holzbänken vorbei in den Gerichtssaal. An diesem Mittwoch wird er all das wohl zum letzten Mal tun. Zumindest hier am Landgericht Meiningen, tief im Süden von Thüringen.

Der Korruptionsprozess gegen Willenbacher, den Mitgründer und Ex-Vorstand von Deutschlands zweitgrößtem Windparkbauer Juwi, steht vor dem Abschluss. Wie ein Sprecher des Gerichts dem Handelsblatt bestätigte, seien an diesem Mittwoch sowohl die Plädoyers, also die Schlussvorträge von Staatsanwaltschaft und Verteidigung, wie auch das Urteil zu erwarten. Prozessbeobachter rechnen mit keiner harten Strafe. Willenbacher, so stellt es sich dar, darf sogar auf einen Freispruch hoffen. Der Richter hatte an den vergangenen Verhandlungstagen mehrfach durchblicken lassen, dass er kein schweres Vergehen erkennt.

Aufstieg und Fall der Juwi AG

Wie alles begann

1996 gründen die Bauernsöhne Fred Jung und Matthias Willenbacher in einer Studentenbude eine Firma für Windenergie-Projekte. Der Name ergibt sich aus den Anfangsbuchstaben ihrer Nachnamen: Juwi.

Boom dank Subventionen

Juwi plant, baut und verkauft bald neben Windparks auch Solaranlagen. Das Unternehmen profitiert von üppigen Förderungen für Solar- und Windkraft aus dem im Jahr 2000 verabschiedeten Erneuerbare Energien Gesetz (EEG). 2008 klettert der Umsatz von 153 auf 400 Millionen Euro. Juwi verfünffacht seinen Gewinn.

Die erste Milliarde

2011 erzielt die einstige Studentenbude erstmals einen Umsatz von mehr als einer Milliarde Euro. Juwi verdoppelt die Zahl der Mitarbeiter auf mehr als 1700. Jung und Willenbacher haben viele neue Sparten gegründet: Juwi macht inzwischen Geschäfte mit Biogasanlagen, Holzpellets und Pflanzenerde, konstruiert eigene Windtürme und Gestelle für Solaranlagen und entwickelt Solarparkplätze für Elektroautos.

Ein Bestseller zur Unzeit

2013 veröffentlicht Matthias Willenbacher sein Buch „Mein unmoralisches Angebot an die Kanzlerin“. Der Gründer verspricht, die Hälfte seiner Firma zu verschenken, wenn Angela Merkel bis 2020 die Energiewende schafft. Im selben Jahr verliert Juwi fast ein Drittel des Umsatzes und macht 53 Millionen Euro Verlust. Die Eigenkapitalquote sinkt auf fünf Prozent.

Am Rande der Pleite

2014 steht die Juwi AG vor dem Aus. Das Unternehmen ist fast pleite, meldet weitere 112 Millionen Euro Verlust. Die Eigenkapitalquote sinkt auf 2,7 Prozent. Im Dezember rettet der Mannheimer Stadtwerkskonzern MVV Energie den Windparkbauer mit 100 Millionen Euro. Bald gibt es Differenzen zwischen Vorstand Willenbacher und den neuen Mehrheitseignern.

Juwi ohne „Ju“ und „Wi“

Matthias Willenbacher tritt zum 1. April 2015 aus dem Juwi-Vorstand aus und verlässt das Unternemen. Im Dezember kündigt auch Fred Jung seinen Austritt aus dem Vorstand an. Der Mannheimer Versorger MVV Energie hält nach einer weiteren Kapitalerhöhung inzwischen 63 Prozent der Juwi-Anteile. Der Konzern rechnet für die Tochter 2015 mit einer schwarzen Null.

Das sieht die Staatsanwaltschaft Erfurt anders. Sie hat Willenbacher angeklagt, weil er einen Amtsträger in Eisenach bevorteilt haben soll. Im Kern geht es um einen Beratervertrag aus dem Jahr 2010, den Willenbacher als damaliger Vorstand der Juwi AG mit dem früheren Thüringer Innenminister Christian Köckert (CDU) abgeschlossen hat. Köckerts Auftrag: „Betreuung verschiedener, relevanter politischer Entscheidungsträger“. Das Problem: Gegenstand der Vereinbarung sollen auch mögliche Amtshandlungen von Köckert in seiner Eigenschaft als ehrenamtlicher Beigeordneter und stellvertretender Bürgermeister der Stadt Eisenach gewesen sein.

Die Staatsanwaltschaft sah darin eine unerlaubte Vorteilsgewährung von Willenbacher an Köckert - und klagte beide im Sommer 2013 an. Während der Ex-Innenminister bereits im Frühjahr 2015 vom Bundesgerichtshof für schuldig befunden wurde, hält sich der Unternehmer für unschuldig. Ihm sei nicht bekannt gewesen, dass Köckert in Eisenach Amtsträger war. Für die Strafverfolger ging es nun darum, dem Angeklagten das Gegenteil zu beweisen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×