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08.03.2016

16:23 Uhr

Juwi-Gründer vor Gericht

Stürmischer Prozessauftakt

VonAndreas Dörnfelder, Franz Hubik

Endlose Anträge der Verteidiger, stundenlange Pausen und ein genervter Richter: Der Schmiergeld-Prozess gegen den Windkraft-Unternehmer Matthias Willenbacher startete chaotisch. Demnächst soll ein Zeuge auftreten.

„Anspruch auf ein vollständiges und unabhängiges Verfahren.“ (Foto: Handelsblatt)

Matthias Willenbacher (m.) mit Verteidigern

„Anspruch auf ein vollständiges und unabhängiges Verfahren.“ (Foto: Handelsblatt)

MeiningenDer erste Verhandlungstermin lief schon sechs Stunden, da holte Richter Wolfgang Feld-Gerdes tief Luft. „Gehen Sie davon aus, dass es heute länger dauert“, sagte der Vorsitzende der ersten Strafkammer des Landgerichts Meiningen und blickte sichtlich genervt in den mit hellem Holz vertäfelten Saal.

Die beiden Staatsanwältinnen zu seiner Rechten hatten sich bis dahin kaum zu Wort gemeldet. Die beiden Verteidiger des wegen Korruption angeklagten Unternehmers Matthias Willenbacher zu seiner Linken dafür umso mehr.

Aufstieg und Fall der Juwi AG

Wie alles begann

1996 gründen die Bauernsöhne Fred Jung und Matthias Willenbacher in einer Studentenbude eine Firma für Windenergie-Projekte. Der Name ergibt sich aus den Anfangsbuchstaben ihrer Nachnamen: Juwi.

Boom dank Subventionen

Juwi plant, baut und verkauft bald neben Windparks auch Solaranlagen. Das Unternehmen profitiert von üppigen Förderungen für Solar- und Windkraft aus dem im Jahr 2000 verabschiedeten Erneuerbare Energien Gesetz (EEG). 2008 klettert der Umsatz von 153 auf 400 Millionen Euro. Juwi verfünffacht seinen Gewinn.

Die erste Milliarde

2011 erzielt die einstige Studentenbude erstmals einen Umsatz von mehr als einer Milliarde Euro. Juwi verdoppelt die Zahl der Mitarbeiter auf mehr als 1700. Jung und Willenbacher haben viele neue Sparten gegründet: Juwi macht inzwischen Geschäfte mit Biogasanlagen, Holzpellets und Pflanzenerde, konstruiert eigene Windtürme und Gestelle für Solaranlagen und entwickelt Solarparkplätze für Elektroautos.

Ein Bestseller zur Unzeit

2013 veröffentlicht Matthias Willenbacher sein Buch „Mein unmoralisches Angebot an die Kanzlerin“. Der Gründer verspricht, die Hälfte seiner Firma zu verschenken, wenn Angela Merkel bis 2020 die Energiewende schafft. Im selben Jahr verliert Juwi fast ein Drittel des Umsatzes und macht 53 Millionen Euro Verlust. Die Eigenkapitalquote sinkt auf fünf Prozent.

Am Rande der Pleite

2014 steht die Juwi AG vor dem Aus. Das Unternehmen ist fast pleite, meldet weitere 112 Millionen Euro Verlust. Die Eigenkapitalquote sinkt auf 2,7 Prozent. Im Dezember rettet der Mannheimer Stadtwerkskonzern MVV Energie den Windparkbauer mit 100 Millionen Euro. Bald gibt es Differenzen zwischen Vorstand Willenbacher und den neuen Mehrheitseignern.

Juwi ohne „Ju“ und „Wi“

Matthias Willenbacher tritt zum 1. April 2015 aus dem Juwi-Vorstand aus und verlässt das Unternemen. Im Dezember kündigt auch Fred Jung seinen Austritt aus dem Vorstand an. Der Mannheimer Versorger MVV Energie hält nach einer weiteren Kapitalerhöhung inzwischen 63 Prozent der Juwi-Anteile. Der Konzern rechnet für die Tochter 2015 mit einer schwarzen Null.

Die Anwälte von Willenbacher, dem Gründer und Ex-Vorstand von Deutschlands zweitgrößtem Windparkbauer Juwi, unterstellten dem Gericht Befangenheit. Sie forderten Einblick in weitere Akten. Und sie wollten es nicht hinnehmen, dass die Kammer mit nur zwei statt drei Berufsrichtern besetzt war, obwohl es sich doch um ein äußert komplexes Wirtschaftsstrafverfahren handele.

Der Ursprung dieses Verfahrens liegt inzwischen etwa sechs Jahre zurück. Im Kern geht es um einen Beratervertrag aus dem Jahr 2010, den Willenbacher als damaliger Vorstand der Juwi AG mit dem früheren Thüringer Innenminister Christian Köckert (CDU) abgeschlossen hatte. Köckerts Auftrag: „Betreuung verschiedener, relevanter politischer Entscheidungsträger“. Sein Tagessatz: 700 Euro.

Prozess gegen Juwi-Gründer: Ein unmoralisches Angebot

Prozess gegen Juwi-Gründer

Ein unmoralisches Angebot

Schmiergeld in Thüringen: Öko-Pionier Matthias Willenbacher soll einen Amtsträger in Eisenach bevorteilt haben. Heute steht der Gründer und Ex-Vorstand des Windparkbauers Juwi vor Gericht.

Das Problem: Gegenstand der Vereinbarung sollen auch mögliche Amtshandlungen von Köckert in seiner damaligen Eigenschaft als ehrenamtlicher Beigeordneter und stellvertretender Bürgermeister der Stadt Eisenach gewesen sein. Unter anderem beeinflusste Köckert zu Juwis Gunsten eine Beschlussvorlage des Stadtrats. Außerdem beschaffte er dem Unternehmen wohl eine behördeninterne Liste mit Standortkoordinaten bestehender Windräder.

Die Staatsanwaltschaft Erfurt sah in all dem eine unerlaubte Vorteilsgewährung von Willenbacher an Köckert - und klagte beide im Sommer 2013 an. Während der Ex-Innenminister bereits höchstrichterlich der Vorteilsnahme für schuldig befunden wurde, hält sich der Unternehmer für unschuldig. Ihm sei nicht bekannt gewesen, dass Köckert in Eisenach Amtsträger war, sagte sein Verteidiger Gernot Zimmermann vor Verhandlungsbeginn dem Handelsblatt.

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