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22.03.2016

06:54 Uhr

Juwi-Gründer vor Gericht

Wenn sich die Staatsanwältin querstellt

VonAndreas Dörnfelder

Ein Angeklagter im Aufwind. Der Richter will das Verfahren gegen den Öko-Pionier Matthias Willenbacher einstellen. Die Staatsanwaltschaft fordert dafür aber ein Vermögen – und greift weiter an.

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Brisantes Wiedersehen im Prozess gegen Juwi-Gründer

Handelsblatt vor Ort: Brisantes Wiedersehen im Prozess gegen Juwi-Gründer

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MeiningenEs war ein klares Signal, mit dem Wolfgang Feld-Gerdes am Montag Nachmittag aus seinem Richterzimmer kam: „Es ist klar geworden, dass es hier nicht um einen besonders schweren Fall einer Vorteilsgewährung geht“, sagte er zum Ende des zweiten Verhandlungstags und schlug vor, das Verfahren gegen Zahlung einer Geldauflage einzustellen. Es seien Punkte klar geworden, die selbst bei einer Verurteilung des Angeklagten positiv zu werten seien.

Der Angeklagte heißt Matthias Willenbacher und ist Gründer und Ex-Vorstand von Deutschlands zweitgrößtem Windparkbauer Juwi. Er muss sich seit dem 7. März vor dem Landgericht Meiningen (Thüringen) verantworten, weil er einen Amtsträger im nahen Eisenach bevorteilt haben soll. So sieht es jedenfalls die Staatsanwaltschaft Erfurt, die Willenbacher angeklagt hat. Und daran hielten die Strafverfolger auch am Montag fest. „Wir haben nur einen Bruchteil der Beweisaufnahme gesehen“, sagte die verhandelnde Staatsanwältin und lehnte eine außergerichtliche Einigung ab.

Aufstieg und Fall der Juwi AG

Wie alles begann

1996 gründen die Bauernsöhne Fred Jung und Matthias Willenbacher in einer Studentenbude eine Firma für Windenergie-Projekte. Der Name ergibt sich aus den Anfangsbuchstaben ihrer Nachnamen: Juwi.

Boom dank Subventionen

Juwi plant, baut und verkauft bald neben Windparks auch Solaranlagen. Das Unternehmen profitiert von üppigen Förderungen für Solar- und Windkraft aus dem im Jahr 2000 verabschiedeten Erneuerbare Energien Gesetz (EEG). 2008 klettert der Umsatz von 153 auf 400 Millionen Euro. Juwi verfünffacht seinen Gewinn.

Die erste Milliarde

2011 erzielt die einstige Studentenbude erstmals einen Umsatz von mehr als einer Milliarde Euro. Juwi verdoppelt die Zahl der Mitarbeiter auf mehr als 1700. Jung und Willenbacher haben viele neue Sparten gegründet: Juwi macht inzwischen Geschäfte mit Biogasanlagen, Holzpellets und Pflanzenerde, konstruiert eigene Windtürme und Gestelle für Solaranlagen und entwickelt Solarparkplätze für Elektroautos.

Ein Bestseller zur Unzeit

2013 veröffentlicht Matthias Willenbacher sein Buch „Mein unmoralisches Angebot an die Kanzlerin“. Der Gründer verspricht, die Hälfte seiner Firma zu verschenken, wenn Angela Merkel bis 2020 die Energiewende schafft. Im selben Jahr verliert Juwi fast ein Drittel des Umsatzes und macht 53 Millionen Euro Verlust. Die Eigenkapitalquote sinkt auf fünf Prozent.

Am Rande der Pleite

2014 steht die Juwi AG vor dem Aus. Das Unternehmen ist fast pleite, meldet weitere 112 Millionen Euro Verlust. Die Eigenkapitalquote sinkt auf 2,7 Prozent. Im Dezember rettet der Mannheimer Stadtwerkskonzern MVV Energie den Windparkbauer mit 100 Millionen Euro. Bald gibt es Differenzen zwischen Vorstand Willenbacher und den neuen Mehrheitseignern.

Juwi ohne „Ju“ und „Wi“

Matthias Willenbacher tritt zum 1. April 2015 aus dem Juwi-Vorstand aus und verlässt das Unternemen. Im Dezember kündigt auch Fred Jung seinen Austritt aus dem Vorstand an. Der Mannheimer Versorger MVV Energie hält nach einer weiteren Kapitalerhöhung inzwischen 63 Prozent der Juwi-Anteile. Der Konzern rechnet für die Tochter 2015 mit einer schwarzen Null.

Es war nicht das erste Mal, dass das Landgericht Meiningen eine Einstellung anregte. Im Oktober hatte die Strafkammer um Richter Feld-Gerdes eine Geldauflage von 500.000 Euro vorgeschlagen. Die Staatsanwaltschaft lehnte ab. Begründung: Die Summe sei für Willenbacher, der als Vorstand der Juwi AG rund eine Million Euro Jahresgehalt kassiert haben soll, keine spürbare Sanktion. Außerdem forderte die Staatsanwaltschaft ein Schuldeingeständnis. Das alles war Willenbacher wohl zu viel. Und so eröffnete die Strafkammer das Hauptverfahren.

Bei dem Prozess geht es im Kern um einen Beratervertrag, den Willenbacher 2010 als damaliger Vorstand der Juwi AG mit dem früheren Thüringer Innenminister Christian Köckert abgeschlossen hat. Dessen Honorar: 700 Euro pro Arbeitstag. Sein Auftrag: „Betreuung verschiedener, relevanter politischer Entscheidungsträger“. Das Problem: Gegenstand der Vereinbarung sollen auch mögliche Amtshandlungen von Köckert in seiner damaligen Eigenschaft als ehrenamtlicher Beigeordneter der Stadt Eisenach gewesen sein.

Prozess gegen Juwi-Gründer: Ein unmoralisches Angebot

Prozess gegen Juwi-Gründer

Ein unmoralisches Angebot

Schmiergeld in Thüringen: Öko-Pionier Matthias Willenbacher soll einen Amtsträger in Eisenach bevorteilt haben. Heute steht der Gründer und Ex-Vorstand des Windparkbauers Juwi vor Gericht.

Unter anderem beeinflusste Köckert zu Juwis Gunsten eine Beschlussvorlage des Stadtrats zur Erweiterung von „Windvorranggebieten“ und führte Gespräche mit Entscheidern mehrerer Landesbehörden. Außerdem half er dem Unternehmen, eine Liste mit Standortkoordinaten bestehender Windräder zu beschaffen. Während Köckert wegen Vorteilsannahme längst höchstrichterlich für schuldig befunden ist, sitzt der Juwi-Gründer nun auf der Anklagebank.

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