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18.04.2016

10:42 Uhr

Juwi-Prozess

Willenbacher bricht sein Schweigen

VonAndreas Dörnfelder

Am fünften Verhandlungstag im Korruptionsprozess um den Windparkbauer Juwi hat der angeklagte Ex-Vorstand Matthias Willenbacher erstmals ausgesagt. Es ist eine Abrechnung geworden.

„Ich wurde als Straftäter abgestempelt.“

Juwi-Gründer Matthias Willenbacher

„Ich wurde als Straftäter abgestempelt.“

DüsseldorfHin und wieder ein kurzes Lächeln. Mal ein Flüstern mit den Anwälten, ein Griff zum Kugelschreiber. Matthias Willenbacher verfolgte seinen Prozess vor dem Landgericht Meiningen (Thüringen) bisher vor allem still. Was in seinem Inneren vorging, blieb sein Geheimnis. Das änderte sich am vergangenen Freitag. Am fünften Verhandlungstag im Korruptionsprozess brach der Gründer und Ex-Vorstand von Deutschlands zweitgrößtem Windparkbauer Juwi sein Schweigen.

„Ich wurde als Straftäter abgestempelt“, sagte Willenbacher in seiner etwa einstündigen Einlassung. Die Staatsanwaltschaft habe über all die Jahre „völlig einseitig und nicht ergebnisoffen ermittelt“. In den vier Jahren seit Beginn der Ermittlungen habe er „eine andauernde negative Presseberichterstattung“ über sich ergehen lassen müssen.

Aufstieg und Fall der Juwi AG

Wie alles begann

1996 gründen die Bauernsöhne Fred Jung und Matthias Willenbacher in einer Studentenbude eine Firma für Windenergie-Projekte. Der Name ergibt sich aus den Anfangsbuchstaben ihrer Nachnamen: Juwi.

Boom dank Subventionen

Juwi plant, baut und verkauft bald neben Windparks auch Solaranlagen. Das Unternehmen profitiert von üppigen Förderungen für Solar- und Windkraft aus dem im Jahr 2000 verabschiedeten Erneuerbare Energien Gesetz (EEG). 2008 klettert der Umsatz von 153 auf 400 Millionen Euro. Juwi verfünffacht seinen Gewinn.

Die erste Milliarde

2011 erzielt die einstige Studentenbude erstmals einen Umsatz von mehr als einer Milliarde Euro. Juwi verdoppelt die Zahl der Mitarbeiter auf mehr als 1700. Jung und Willenbacher haben viele neue Sparten gegründet: Juwi macht inzwischen Geschäfte mit Biogasanlagen, Holzpellets und Pflanzenerde, konstruiert eigene Windtürme und Gestelle für Solaranlagen und entwickelt Solarparkplätze für Elektroautos.

Ein Bestseller zur Unzeit

2013 veröffentlicht Matthias Willenbacher sein Buch „Mein unmoralisches Angebot an die Kanzlerin“. Der Gründer verspricht, die Hälfte seiner Firma zu verschenken, wenn Angela Merkel bis 2020 die Energiewende schafft. Im selben Jahr verliert Juwi fast ein Drittel des Umsatzes und macht 53 Millionen Euro Verlust. Die Eigenkapitalquote sinkt auf fünf Prozent.

Am Rande der Pleite

2014 steht die Juwi AG vor dem Aus. Das Unternehmen ist fast pleite, meldet weitere 112 Millionen Euro Verlust. Die Eigenkapitalquote sinkt auf 2,7 Prozent. Im Dezember rettet der Mannheimer Stadtwerkskonzern MVV Energie den Windparkbauer mit 100 Millionen Euro. Bald gibt es Differenzen zwischen Vorstand Willenbacher und den neuen Mehrheitseignern.

Juwi ohne „Ju“ und „Wi“

Matthias Willenbacher tritt zum 1. April 2015 aus dem Juwi-Vorstand aus und verlässt das Unternemen. Im Dezember kündigt auch Fred Jung seinen Austritt aus dem Vorstand an. Der Mannheimer Versorger MVV Energie hält nach einer weiteren Kapitalerhöhung inzwischen 63 Prozent der Juwi-Anteile. Der Konzern rechnet für die Tochter 2015 mit einer schwarzen Null.

Die Juwi AG, die er „in 20 Jahren harter Arbeit aufgebaut“ habe und die Ende 2014 vom Mannheimer Energieversorger MVV gerettet werden musste, sei nicht zuletzt durch dieses Verfahren in Schieflage geraten. Auch sein Ausscheiden als Vorstand im Frühjahr 2015 sei in der Öffentlichkeit und in der Presse als Schuldeingeständnis aufgefasst worden.

Willenbacher ist angeklagt, weil er als Vorstand der Juwi AG einen Amtsträger in Eisenach bevorteilt haben soll. Der frühere Thüringer Innenminister Christian Köckert beeinflusste zu Juwis Gunsten eine Beschlussvorlage des Stadtrats und beschaffte dem Unternehmen interne Dokumente aus dem Bauamt. Und das alles während er für 700 Euro pro Tag für den Windparkbauer als Berater tätig war. Die Staatsanwaltschaft Erfurt sah darin eine unerlaubte Vorteilsgewährung. Doch Willenbacher will gar nicht gewusst haben, dass sein damaliger Berater Köckert in Eisenach Amtsträger war.

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Ein Angeklagter im Aufwind. Der Richter will das Verfahren gegen den Öko-Pionier Matthias Willenbacher einstellen. Die Staatsanwaltschaft fordert dafür aber ein Vermögen – und greift weiter an.

„Der Name Köckert sagte uns Mitte des Jahres 2010 gar nichts“, erklärte Willenbacher im Gericht. Daher habe eine Mitarbeiterin im Internet recherchiert. „Sie legte mir seinen Wikipedia-Eintrag vor, der für mich nichts deutlich Negatives enthielt. Von einer möglichen aktuellen Beamtenstellung war weder in Wikipedia noch in einem sonstigen Artikel etwas zu lesen.“ Beim ersten Gespräch in der Juwi-Zentrale sei nicht über Köckerts kommunalpolitische Tätigkeit und erst recht nicht über seine ehrenamtliche Beigeordnetenstellung in Eisenach gesprochen worden.

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