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27.09.2013

17:25 Uhr

Kampf gegen Energiewende

Energieversorger droht mit Stromausfall

Es ist eine Drohgebärde der besonderen Art: Alle eigenen Kraftwerke will der nordrhein-westfälische Anbieter Enervie abschalten. Binnen 24 Stunden drohe dann ein Blackout in Südwestfalen, so der Vorstandschef.

Strommast vor Sternenhimmel: Kein Strom für Südwestfalen? dpa

Strommast vor Sternenhimmel: Kein Strom für Südwestfalen?

HagenAufstand in der Provinz: Wegen des drastischen Einbruchs der Strompreise hat der westfälische Energieversorger Enervie nur wenige Tage nach der Bundestagswahl seinen kompletten konventionellen Kraftwerkspark zur Stilllegung angemeldet. Es ist ein Schritt mit einigem Drohpotenzial. „Wenn wir unsere Kraftwerke nicht betreiben, gehen wir davon aus, dass Südwestfalen innerhalb von 24 Stunden einen Blackout erlebt“, sagte Enervie-Vorstand Ivo Grünhagen am Freitag.

Enervie ist keiner der großen Spieler auf dem Markt. Das Unternehmen, das zwölf kommunalen Gesellschaftern und RWE gehört, versorgt insgesamt 400 000 Kunden in Hagen und im Märkischen Kreis mit Strom, Gas, Wärme und Trinkwasser. Die in Frage stehenden Kohle- und Gas-Kraftwerke haben eine Kapazität von gerade einmal 1300 Megawatt. Das entspricht der Leistung eines großen Kernkraftwerks.

Doch Enervie hat einen besonderen Trumpf in der Hand. Das Unternehmen betreibt ein sogenanntes „Inselnetz“, das nur mit einer Kupplungsstelle an die großen Überlandnetze angeschlossen ist. Deren Kapazität sei nicht groß genug, um einen Totalausfall der Enervie-Kraftwerke in der Region auszugleichen, sagt Grünhagen.

Welche Kraftwerke RWE abschalten will

Amer 8

Der Energieversorger RWE will in den nächsten Jahren zahlreiche Kraftwerke aus dem Markt nehmen. Darunter ist auch das Steinkohlekraftwerk Amer 8 in den Niederlanden. Die Anlage mit einer Erzeugungskapazität von 610 Megawatt soll Anfang 2016 stillgelegt werden.

Moerdijk 2

Die meisten der Anlagen, die RWE aus dem Markt nehmen will, sind Gaskraftwerke, wie etwa Moerdijk 2 in den Niederlanden. Die Anlage hat eine Erzeugungskapazität von 430 Megawatt und soll bereits Ende dieses Jahres langfristig konserviert werden.

Gersteinwerk F und Gersteinwerk G

Auch die Anlagen Gersteinwerk F und Gersteinwerk G sollen eingemottet werden. Gersteinwerk F noch in diesem Jahr und Gersteinwerk G Mitte 2014. Die Gaskraftwerke haben jeweils eine Erzeugungskapazität von 355 Megawatt und stehen in Deutschland.

Weisweiler H und Weisweiler G

Weisweiler H und Weisweiler G arbeiten ebenfalls mit Gas. Die deutschen Kraftwerke haben jeweils eine Erzeugungskapazität von 270 Megawatt und sollen bis Oktober 2013 langfristig konserviert werden.

Emsland B und Emsland C

Die deutschen Gaskraftwerke Emsland B und Emsland C haben jeweils eine Erzeugungskapazität von 360 Megawatt und sollen bis Mitte 2014 zumindest in den Sommermonaten abgeschaltet werden.

Trotzdem muss wohl niemand in Hagen und Umgebung damit rechnen, im Dunkeln zu sitzen. Denn die Anmeldung der Stilllegung bei der Bundesnetzagentur bedeutet nicht, dass sie auch wirklich vom Netz gehen. Die Bundesnetzagentur kann Stilllegungen untersagen, wenn die Kraftwerke systemrelevant sind. Die Betreiber bekommen dann aber eine Entschädigung dafür, dass sie die Anlagen betriebsbereit halten. Und genau darauf legt es Enervie wohl auch an.

Enervie-Chef Grünhagen macht daraus auch gar keinen Hehl. „Dieses Jahr werden wir wahrscheinlich 30 Millionen Euro Verlust in der Erzeugung machen“, sagt Grünhagen. Das hochmoderne Gaskraftwerk des Unternehmens habe wegen des großen Angebots erneuerbarer Energien gerade vier Monate am Stück stillgestanden. Das könne sich das Unternehmen auf Dauer nicht leisten. Er betont, Enervie habe die Bundesnetzagentur schon im Vorfeld über den geplanten Schritt unterrichtet und hoffe bis Ende des Jahres mit der Aufsichtsbehörde eine Lösung zu finden.

Kommentare (63)

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Account gelöscht!

27.09.2013, 17:44 Uhr

So ist das in der Planwirtschaft. Wenn man erst mal in den Markt eingegriffen hat, ergeben sich Folgewirkungen an die man nicht gedacht hat. Justiert man nach, ergeben sich wieder Folgewirkungen usw. A la longe baut man so die marktwirtschaftliche Grundordnung in eine Planwirtschaft um. Was war denn so toll an der Mangelwirtschaft der DDR, dass wir sie hier in der einsmals schönen BRD meinen einführen zu müssen. im übrigen: Ihr seid spät dran. Es hat mich gewundert, dass die Netze so lange stabil geblieben sind.

Der_ewige_Spekulant

27.09.2013, 18:15 Uhr

Die Wurzel des Problems ist, dass erneuerbare Energie an der Strombörse so verkauft wird, also ob äquivalent ist zur konventionellen Energie oder gar Atomenergie.

Bei Energie aus Kohle entsteht nämlich ein erheblicher CO2-Ausstoß, bei Atomstrom entstehen Abfälle, die nicht ohne weiteres beseitigt werden können.

Strom aus erneuerbaren Energien darf an der Energiebörse nicht günstiger verkauft werden, als Strom vom teuersten Atomkraftwerk.

Wie man dieses Problem ökonomisch löst - keine Ahnung.
Wobei man erwähnen muss, dass in den letzten Wochen die Preise an der Strombörse dermaßen angezogen sind, so dass nun alle Kernkraftwerke rentabel betrieben werden können.

Account gelöscht!

27.09.2013, 18:16 Uhr

Nein, das ist schlimmer als Planwirtschaft, denn hier werden, genau wie bei den Banken, die Gewinne privatisiert(Solar- und Windanbieter) und die Kosten sozialisiert, umgelegt auf Gesellsachft und Anbieter konventionell erzeugter Energie

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