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18.12.2015

11:34 Uhr

Kohlekraftwerk Hamm

RWE zieht bei Pannenkraftwerk den Stecker

VonJürgen Flauger

Erst war die Qualität des Stahls schlecht, dann gelangte Salzsäure in die Rohre. Beim milliardenschweren Kohlekraftwerk Hamm reihte sich eine Panne an die andere. Jetzt legt RWE einen Block still - und streitet mit GE.

Block D des Pannenkraftwerks wird nie in Betrieb gehen. ap

RWE-Kraftwerk in Hamm

Block D des Pannenkraftwerks wird nie in Betrieb gehen.

DüsseldorfDer 29. August 2008 war für den damaligen RWE-Chef Jürgen Großmann ein richtiger Festtag. Sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel war ins westfälische Hamm gekommen, der damalige Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Jürgen Rütgers, auch und 300 wichtige Vertreter aus Politik und Wirtschaft. „Den Grundstein für das Kraftwerk Westfalen hier und heute zu legen, ist in mehrfacher Hinsicht eine wichtige Entscheidung: für den Standort Deutschland, für das Energieland NRW, für diese Region und ihre Menschen“, jubelte Großmann. Merkel fiel in die Lobeshymnen ein und sprach von einem „wunderbaren Projekt“.

Der Grundstein, den Merkel und Großmann damals feierlich legten, liegt auch noch. Das Projekt wird aber nie komplett fertig gestellt werden. Einer von zwei Blöcken, Block D, wird endgültig still gelegt. „Grund für diese Entscheidung ist, dass die Fertigstellung der Anlage ökonomisch nicht zu vertreten ist“, teilte RWE am Freitag mit. RWE zog damit die Konsequenzen aus einer beispiellosen Pannenserie. Der Schaden dürfte sich auf einen hohen dreistelligen Millionenbetrag summieren. RWE versucht ihn auf Versicherungen und den Kraftwerksbauer Alstom, der jetzt zu General Electric gehört, abzuwälzen.

Das sind die größten Baustellen von RWE

RWE will durch eine Aufspaltung aus der Krise kommen

Der Energiekonzern RWE steckt in einer der schwersten Krisen seiner 117-jährigen Unternehmensgeschichte. Vorstandschef Peter Terium will den Versorger durch eine Aufspaltung des Ökostromgeschäftes sowie der Stromnetzen und des Vertriebs neu aufstellen. Zehn Prozent der neuen Gesellschaft sollen Ende 2016 an die Börse gebracht und neue Gesellschafter gewonnen werden. Der Mutterkonzern soll derweil Mehrheitseigner bleiben und sich künftig auf die konventionelle Stromerzeugung und den Energiehandel konzentrieren. Was sind die größten Baustellen von RWE?

Der Gewinneinbruch setzt sich fort

RWE brechen wegen der fallenden Strom-Großhandelspreise die Gewinne weg. Die Kohle-, Gas- und Atomkraftwerke, die früher die Kasse füllten, werden Konzernangaben zufolge womöglich bald nur noch ein ausgeglichenes Ergebnis erzielen. Im laufenden Jahr rechnet der Versorger insgesamt mit einem weiteren Schwund des operativen Ergebnisses (Ebitda) auf 6,1 bis 6,4 Milliarden Euro von 7,1 Milliarden im Jahr zuvor. 2009 waren es noch 9,1 Milliarden. 2013 hatte RWE nach hohen Abschreibungen auf seine Kraftwerke einen Nettoverlust von 2,8 Milliarden Euro verbucht.

Der Aktienkurs und der Börsenwert dümpeln im Tief

Der Aktienkurs befindet sich seit Jahren im Sinkflug. Er liegt bei rund elf Euro. Ende 2007 notierte das Papier bei fast 100 Euro. RWE ist an der Börse noch rund 6,6 Milliarden Euro Milliarden Euro wert. Im August waren es noch elf Milliarden. Der Konkurrent Eon kommt auf das Dreifache des aktuellen Marktwertes.

Hohe Schulden und die Lasten für die Zukunft

RWE drücken Schulden von 25,6 Milliarden Euro. Durch den Verkauf der Öl- und Gastochter Dea für mehr als fünf Milliarden Euro hatte der Versorger seine Schulden etwas reduziert. Auf den Konzern kommen aber durch den Atomausstieg und die Beseitigung der Braunkohletagebauschäden hohe Kosten zu. RWE will auch deshalb seine Kosten senken – bis 2017 um zwei Milliarden Euro.

Die Dividende schmilzt dahin

Die Aktionäre müssen sich auf einen weiteren Rückgang der Dividende gefasst machen. Gab es für das Geschäftsjahr 2008 noch 4,50 Euro, war es zuletzt ein Euro je Aktie. Vielen Kommunen, die knapp 24 Prozent an RWE halten, entgehen früher als sicher eingeschätzte Haushaltseinnahmen. Großaktionär ist der Finanzinvestor Blackrock mit gut fünf Prozent.

Die starke Abhängigkeit von der Kohle

RWE hat die Energiewende verschlafen und insbesondere unter Ex-Chef Jürgen Großmann lange auf Kohle und Atom gesetzt. 2014 erzeugte RWE die Hälfte seines Stroms aus Stein- und Braunkohle. Der Ökostromanteil lag bei knapp fünf Prozent. Die Ökosparte Innogy soll nach vielen Rückschlägen 2015 ihren Gewinn erhöhen.

Der Jobabbau geht weiter

Entlassungen von Beschäftigten dürften weitergehen. RWE hat derzeit knapp 59.000 Mitarbeiter nach früher über 70.000. In der Kraftwerkssparte droht der Wegfall von rund 1000 Jobs – betriebsbedingte Kündigungen sind nicht mehr ausgeschlossen.

Block D war für eine Leistung von 800 Megawatt ausgelegt und sollte genug Strom liefern, um mehr als 1,5 Millionen Haushalte zu versorgen. Für beide Blöcke war eine Investition von zwei Milliarden Euro angesetzt. Schon jetzt wurden aber mehr als 2,5 Milliarden Euro ausgegeben.

Eigentlich sollten beide Blöcke 2012 in Betrieb gehen. RWE konnte Block E aber erst 2014 ans Netz nehmen, bei Block D gelang das abgesehen von einem kurzen Probebetrieb bis heute nicht.

Zunächst wurde der Bau unter anderem durch den Einsatz minderwertigen Stahls verzögert. Dann kam es 2013 beim Probetrieb von Block D zu einem fatalen Fehler, der jetzt schuld für das endgültige Aus sein dürfte. In die Kesselrohre, in denen unter hohen Temperaturen und Druck aus reinstem Wasser Dampf erzeugt werden soll, wurden große Mengen Chemikalien, darunter Salzsäure eingeleitet. Salzsäure ist nötig, um Wasser für den Einsatz im Kessel aufzubereiten und von Mineralien zu befreien. Der Stoff selbst hat in den Rohren aber nichts zu suchen. Offenbar wurde die Reinigungslösung nicht ausreichend getrennt.

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RWE-Chef Peter Terium darf seine Pläne umsetzen: Die kommunalen Aktionäre werden die Aufspaltung des Energieversorgers nicht blockieren. Kritisch bleiben sie dennoch, denn die Städte fürchten um Einfluss und Geld.

Durch die Verzögerungen habe sich „die Wirtschaftlichkeit des Kraftwerksblocks deutlich verschlechtert“, erklärte RWE jetzt. Gleichzeitig hätten sich die Strom-Großhandelspreise „in einem geänderten energiepolitischen Umfeld mehr als halbiert“. Eine Reparatur der Anlage sei umfassend geprüft worden. „Sie wäre nur unter Inkaufnahme erheblicher weiterer Verzögerungen und technischer Unwägbarkeiten möglich gewesen.“

RWE hatte aber nicht nur mit dem Kraftwerk Ärger, sondern auch mit seinen Geschäftspartnern. An dem Projekt für das Gemeinschaftskraftwerk Steinkohle (Gekko) waren auch 23 Stadtwerke beteiligt, die 23 Prozent der Kosten trugen. Großmann wollte damit der langen Partnerschaft mit den Kommunen an Rhein und Ruhr einen neuen Impuls geben. Die Partnerschaft endete aber im Fiasko. Die Stadtwerke mussten Millionen abschreiben. Erst vor wenigen Tagen wurde die Partnerschaft gelöst.

Die größten Energieversorger der Welt

Platz 10

Den zehnten Platz belegt ein Energieversorger aus Südkorea: Korea Electric Power kam im April 2016 auf einen Marktwert von 33,1 Milliarden US-Dollar.

Quellen: Bloomberg; Factset; Forbes

Platz 9

Den neunten Platz belegt GDF Suez. Das französische Unternehmen hatte im April 2016 einen Marktwert von 39 Milliarden US-Dollar. Ein Jahr zuvor waren es noch 49,5 Milliarden Dollar gewesen.

Platz 8

hiAuf dem achten Platz befindet sich chinesische Energieversorger China Yangtze Power. Im April 2016 war der Konzern 41,8 Milliarden US-Dollar wert.

Platz 7

Dominion Resources auf dem siebten Platz der weltgrößten Energieversorger stammt aus den USA und hat einen Markt von 43,2 Milliarden US-Dollar.

Platz 6

Den sechsten Platz belegt ein Versorger aus Spanien: Iberdrola hat einen Marktwert von 44,1 Milliarden US-Dollar.

Platz 5

Der fünftgrößte Energieversorger stammt aus Spanien. Enel kam im April 2016 auf einen Marktwert von 44,6 Milliarden US-Dollar.

Platz 4

Auf dem vierten Platz befindet sich ein Unternehmen aus den USA: Southern Co. Der Versorger hatte im April 2016 einen Marktwert von 45,3 Milliarden US-Dollar.

Platz 3

Der drittgrößte Energieversorger der Welt kommt aus dem Vereinigten Königreich. National Grid hatte im April 2016 einen Marktwert von 51,4 Milliarden US-Dollar.

Platz 2

Auf dem zweiten Platz befindet sich ein amerikanisches Unternehmen: Nextra Energy. Der Wert des Energieversorgers beträgt 52,8 Milliarden US-Dollar.

Platz 1

Das US-amerikanische Unternehmen Duke Energy ist nach Marktwert wie schon 2015 der weltweit größte Energieversorger. Im April 2016 betrug sein Wert 53,1 Milliarden US-Dollar. 2,3 Milliarden Dollar weniger als im Vorjahr.

RWE übernahm alle künftigen Risiken – und Chancen. Der Energiekonzern versucht einen Teil des Schadens wettzumachen. „Zur Übernahme der Kosten, die durch die gravierenden, von RWE nicht zu vertretenden Sach- und Verzögerungsschäden entstanden sind, laufen derzeit Gespräche mit der Versicherung“, teilte der Konzern mit. „Ansprüche auf Ersatz eines Teils des verzögerungsbedingten Schadens richten sich gegen den Hersteller des Dampferzeugers.“

Speziell mit Alstom und General Electric bahnt sich ein langer Rechtsstreit an. Es wird schwierig zu klären, wer für die Verzögerung letztlich verantwortlich war: Lagen die nach 2013 auftreten Schäden an der Qualität der eingesetzten Materialien – oder hatte die Salzsäure die Rohre zu sehr geschädigt?

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