Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

12.04.2013

15:27 Uhr

Kommentar

Wildwest auf dem Energiemarkt

VonJürgen Flauger

Innerhalb kürzester Zeit ist mit dem Berliner Unternehmen Flexstrom ein weiterer Billigstromanbieter Pleite gegangen. Auf dem deutschen Energiemarkt läuft etwas grundsätzlich falsch. Es fehlt ein schlagkräftige Aufsicht.

Jürgen Flauger

Jürgen Flauger ist Unternehmens-Redakteur beim Handelsblatt.

Was läuft falsch auf dem deutschen Energiemarkt? Vor zwei Jahren ging der damals größte unabhängige Anbieter Teldafax Pleite, jetzt folgt das Unternehmen, das Teldafax damals an der Spitze ablöste: Flexstrom. Damals waren rund 700.000 Kunden betroffen, jetzt sind es fast eine halbe Million. Wie im Fall Teldafax hatten auch bei Flexstrom viele Kunden ihre Rechnungen im Voraus bezahlt und werden diese Zahlungen vermutlich nie wieder sehen.

Und tatsächlich läuft auf dem deutschen Energiemarkt etwas grundsätzlich falsch. In beiden Fällen mögen die Managements zwar fatale Fehler gemacht haben, bei Teldafax agierte die Führung sogar höchstwahrscheinlich kriminell – jedenfalls ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf gewerbsmäßigen Betrug und Bankrotthandlungen. Der deutsche Energiemarkt bietet aber auch genügend Anreize für einen ruinösen Wettbewerb, der die Strom- und Gaskunden in die Falle lockt. Und es fehlt eine schlagkräftige Aufsicht, die das verhindern könnte.

In den vergangenen Jahren hat sich ein Markt heraus gebildet, der auf dem ersten Blick überzeugt. Hunderte Anbieter konkurrieren miteinander – klassische Stadtwerke und neue Unternehmen – um die Strom- und Gaskunden. Der Wettbewerb wird in Internetportalen ausgetragen, die die Angebote listen und auf einen Klick die billigsten Anbieter zeigen.

Energiemarkt: Stromanbieter Flexstrom ist insolvent

Energiemarkt

exklusivStromanbieter Flexstrom ist insolvent

Der Billigstromanbieter Flexstrom hat Insolvenz angemeldet. Einen Schuldigen für die Pleite hat das Unternehmen schon ausgemacht: die Kunden. Dabei hatte auch die Bundesnetzagentur den Anbieter im Visier.

Das sieht nach transparentem, fairen Wettbewerb aus. Aber der Eindruck trügt. Er lockt unseriöse Anbieter an. Die Unternehmen versuchen mit allerlei Tricks möglichst weit oben in den Listen zu stehen, um Kunden anzulocken. Eine beliebte Masche: Die Billiganbieter versprechen Kunden hohe Bonuszahlungen, die aber nur ausbezahlt werden, wenn die Kunden länger als ein Jahr dabei bleiben. Nach einigen Monaten erhöht der Anbieter den Tarif drastisch. Wer dann wechselt, verliert seinen Bonus – und hat am Ende häufig mehr bezahlt als bei seinen örtlichen Stadtwerken.

Das ist unseriös. Einzelne Anbieter bieten aber solche Dumpingangebote an, die sie nur aufrecht erhalten können, weil sie das Geld im Voraus einsammeln. Teldafax hat das im großen Stil praktiziert und mit den Vorauszahlungen der neuen Kunden die unausweichlichen Löcher in der Bilanz gestopft – und damit ein gewaltiges Schneeballsystem betrieben. So etwas funktioniert nur, solange die Kundenzahlen steigen. Irgendwann muss das Kartenhaus aber zusammen brechen.

Insolventer Stromanbieter: Was Flexstromkunden jetzt beachten müssen

Insolventer Stromanbieter

Was Flexstromkunden jetzt beachten müssen

Fast alle Kunden von Flexstrom haben in Vorkasse bezahlt, nun ist das Unternehmen insolvent. Ob und wie die Kunden nun an ihr Geld kommen und was Verbraucher bei der Anbieterwahl beachten sollten.

Die Billiganbieter haben aber auch mit einem Problem zu kämpfen, dass die Politik zu verantworten hat: Der Wettbewerb wird zwar über den Preis ausgetragen, den kann der Anbieter aber zum größten Teil gar nicht beeinflussen. Den größten Teil des Strompreises muss er an die Stromproduzenten, von denen er Strom einkauft, den Netzbetreiber, dessen Leitungen er nutzt, und für Stromsteuer, EEG-Umlage und Mehrwertsteuer abführen.

Den Anbietern wird es zudem sehr leicht gemacht. Eine schlagkräftige Aufsicht gibt es nicht auf dem Energiemarkt. Die Bundesnetzagentur kann zwar nach dem Energiewirtschaftsgesetz einem Anbieter „die Ausübung der Tätigkeit jederzeit ganz oder teilweise untersagen, wenn die personelle, technische oder wirtschaftliche Leistungsfähigkeit oder Zuverlässigkeit nicht gewährleistet ist“. Sowohl im Fall Teldafax als auch bei Flexstrom unternahm sie aber nichts.

Die Handelsblatt-Redakteure Jürgen Flauger und Sönke Iwersen waren in den vergangenen Monaten maßgeblich an der Berichterstattung über den Billigstromanbieter Flexstrom beteiligt. Den Stein ins Rollen brachten sie mit ihrer Recherche zu Zahlungsverzügen von Flexstrom im November 2012.

Kommentare (5)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

chosebuzer

12.04.2013, 17:24 Uhr

Lieber HB-Redakteure Jürgen Flauger und Sönke Iwersen,
was denken sie: wie viel Anteil haben sie an der Insolvenz der Flexstrom-Unternehmensgruppe? An der etwaigen Kündigung hunderter Angestellter, an den bald >500.000 ersatzversorgten Kunden? Sie loben Ihre Recherche, die den "Stein ins Rollen" brachte. Ich bin selber in der Energiewirtschaft tätig und fand es sehr fragwürdig, dass sie über Flexstrom anfingen "kritisch" zu berichten als das Unternehmen Anleihen an den Markt bringen wollte, um frisches Kapital zu erhalten. Zufall? Oder eher doch eine private Fehde mit den Mundt-Brüdern?
Schade um die Kunden, schade um die Angestellten aber vor allem schade für den liberalisierten Energiemarkt.

Viele Grüße R.G.

SteuerKlasseEins

12.04.2013, 19:05 Uhr

Auf der einen Seite wollen die Stromkunden dringend billigere Preise, oder zumindest den Preiserhöhungen der Stadtwerke aus dem Weg gehen. Auf der anderen können die Stromanbieter fast nichts mehr am Preis machen. Fast der gesamte Preis besteht aus Steuern, EEG-Umlage und Erneuerbaren Subventionen/Netzausbaukosten. Da ist es verständlich daß diese dann hohe Risiken eingehen um sich vom Konkurrenten preislich zu unterscheiden.

Die Hauptschuld tragen nicht die Stromanbieter, sondern der Staat, der es einfach nicht lassen konnte, und seinen Ökowahn auch auf den Stromsektor ausweiten musste.

Ein normaler Wettbewerb würde ganz anders aussehen. Da gäbe es keine Neukundenbonuse und Fußangeln in den Vertragsbedingungen. Da gäbe es ganz einfach einen Preis pro Kilowatt, und es ginge darum, wer den billigsten Strom zum Endkunden liefern kann, wie auch immer das gelingt.

moxxel

12.04.2013, 20:12 Uhr

@chosebuzer

Kritisch haben auch fast alle Verbraucherportale berichtet. Zurecht! Vielleicht hat die Berichterstattung im Handelsblatt mit beigetragen, den unausweichlichen Offenbarungseid von Flexstrom zu beschleunigen. Entscheidend für mich ist, dass viele potentielle Kunden vor dem Risikoanbieter gewarnt wurden.

B.M.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×