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02.07.2015

20:22 Uhr

Kommentar zu Deepwater Horizon

Und nach dem Meer das Grundwasser?

VonAxel Postinett

18 Milliarden Dollar zahlt BP wegen der Ölpest im Golf von Mexiko. Doch das Ende der Fahnenstange ist für das Unternehmen damit noch nicht erreicht. Mit den Risiken steigen die potenziellen Kosten. Auch für Aktionäre.

Bei der Havarie der Deepwater Horizon entstand ein Umweltschaden in Milliardenhöhe – für die der Ölkonzern BP rund 18 Milliarden US-Dollar an Strafe zahlen muss. ap

Ölkatastrophe im Golf von Mexiko

Bei der Havarie der Deepwater Horizon entstand ein Umweltschaden in Milliardenhöhe – für die der Ölkonzern BP rund 18 Milliarden US-Dollar an Strafe zahlen muss.

San Francisco3,5 Milliarden Dollar hatte der Ölgigant BP seinerzeit einmal großzügig für Schadensersatzansprüche zurückgestellt. Seine Ölplattform Deepwater Horizon war im April 2010 in einem gigantischen Feuerball im Golf von Mexico versunken. Tragisch, aber keine (finanzielle) Katastrophe. Was sollte schon groß kommen?

Als die Exxon Valdez 1989 die Küste von Alaska mit Öl verpestete, da wurde Exxon zu fünf Milliarden Dollar Strafe verurteilt und jammerte sich mit einer Berufung nach der anderen durch die Jahre, bis die Strafe auf 2,5 Milliarden Dollar reduziert war. „Too big to fail“, zu groß um zu scheitern, schien schon vor der Finanzkrise 2007 zu gelten, nur eben für Unternehmen, die den Rohstoff für die Millionen Liter von Sprit liefern, die amerikanische Autofahrer jeden Tag durch die Einspritzanlagen jagen.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett

Doch die Zeiten haben sich gewaltig geändert und das in nur fünf Jahren. Jetzt summiert sich der Schaden für die Briten statt auf 3,5 Milliarden auf insgesamt 53 Milliarden Dollar, davon 18,7 Milliarden Dollar an Strafen. Eine Entwicklung, die allen Beteiligten, Unternehmen, Aktionären und Bürgern zu denken geben muss. Die Risiken werden in jeder Hinsicht unüberschaubar. Bislang haben wir kilometertief in die Erde gebohrt, um Öl und Gas zu gewinnen. Jetzt fangen wir damit an, noch tiefer zu bohren, um mit Chemikalien versetztes Wasser in den Boden zu pressen, um auch das letzte Tröpfchen Öl für Autos und Flugzeuge zu gewinnen.

Diesmal geht es nicht mehr um Meerwasser, sondern um Trinkwasser. Es wird in zweierlei Hinsicht belastet. Zunächst werden Millionen von Litern pro Bohrloch verbraucht, um Öl und Gas zu fördern. Danach wird das Dreckwasser wird dann wieder in den Boden gepresst – idealerweise so tief, dass es nie wieder mit dem Grundwasser in Berührung kommt. Aus den Augen, aus dem Sinn. Früher nannte man so was bei uns „verklappen“.

Fracking: Segen oder Umweltverbrechen?

Erbitterter Streit

Neue Technologien sind oft umstritten. Doch beim Fracking geht der Streit weit über das normale Maß hinaus. Ist die Fördertechnik für Erdgas der Umweltfeind Nummer eins seit der Atomkraft? Oder doch nur eine missverstandene, aber vielversprechende Technologie?

Die Technik

Beim Fracking wird kilometertief in die Erde gebohrt - und dann noch einmal horizontal, zuweilen sechs Kilometer weit. In die Kanäle wird ein Chemiecocktail gepresst, der den Boden aufreißt. Sand in der Flüssigkeit sorgt dafür, dass sich die Risse nicht wieder schließen. Durch sie treten das Erdgas - oder andere Rohstoffe - aus, die dann wie üblich gefördert werden können.

Die Szenerie

Im kanadischen Dawson Creek stand erst ein Bohrturm, 50 Meter hoch. Danach kam das eigentliche Fracking: Sechs gewaltige Trucks stehen dicht nebeneinander und pumpen die Lauge in die Bohrlöcher, 100.000 Kubikmeter pro Bohrfeld. Man versteht sein eigenes Wort nicht, aber die Arbeiter schauen fast gelangweilt auf die Messinstrumente. Ihre Schichten sind hart, der Lohn sind 70.000 bis 140.000 Euro im Jahr. Sind sie weg, ist auch der Lärm weg. Dann soll das Gas 20, 30 Jahre leise aus der Erde in die Pipelines steigen.

Die Gegner

Don Vander Velde ist 68 Jahre alt. Sein ganzes Leben hat er auf dem Land in Alberta, Kanada, gelebt, das seiner Familie seit 1904 gehört. Seit einem Jahrzehnt wird in der Nähe gefrackt. „Manchmal bebt der Boden“, sagt der Farmer. „Und was für Chemikalien kommen da rein?“ Don ist beunruhigt, weil er Kinder, Enkelkinder und eine Urenkelin hat. Die kleine Aspen ist zehn Monate. „Ich bin alt, aber ich möchte nicht ihre Zukunft verspielen.“ Dabei habe er nichts gegen die Förderung. „Ich will auch Energie. Alberta braucht das Gas, so wie es uns Farmer braucht. Also fördert! Aber macht es sicher!“

Das Unternehmen

Encana ist ein Fracking-Riese und Kellen Foreman ist seit elf Jahren dabei. „Wir wollen Transparenz“, beteuert der 29-Jährige. Deshalb würden für Millionen Dollar Zehntausende Wasserproben untersucht. „Und bei nicht einer einzigen ist irgendwo in Kanada eine Verunreinigung des Trinkwassers nachgewiesen worden.“ Und die Erschütterungen? Nur mit feinen Instrumenten messbar. Er könne die Sorgen der Menschen völlig verstehen. „Aber es steckt eine Menge Wissenschaft hinter Fracking. Wir sind keine Cowboys, die da rausgehen und die Erde aufwühlen. Das ist Hochtechnologie.“

Die Politikerin

Hannelore Kraft ist 8000 Kilometer weit gereist, um sich selbst ein Bild zu machen. Mit rotem Overall und weißem Helm steht die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen im Matsch von Dawson Creek in der Wildnis Kanadas, spricht mit den Arbeitern, untersucht die Bohrköpfe und befühlt die Chemielauge, die verpresst wird. „Ich kann mir das im Münsterland nicht so recht vorstellen“, sagt sie. Kraft ist beeindruckt, das merkt man ihr an. Auch von der Offenheit der Arbeiter und der Bohrfirma - in den Augen vieler doch „die Bösen“. Aber kann die Technik auch in Deutschland eingesetzt werden, einem Land das mehr als doppelt so viele Einwohner wie Amerika auf einem Dreißigstel der Fläche hat? „Es ist noch nicht reif, das zu entscheiden. Aber ich kann mir das im dicht besiedelten NRW kaum vorstellen.“

Der Wissenschaftler

Uwe Schneidewind ist einer der wenigen Fracking-Experten in Deutschland. Der Professor und Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie sieht vier Punkte zur Beurteilung von Fracking: klimapolitisch („Unkonventionelle Kohlenstoffvorkommen möglichst nicht anrühren“), volkswirtschaftlich („Arbeitsplatzeffekt ist vorhanden, aber beschränkt“; „Gaspreis sinkt, aber in Europa nicht nachhaltig“), geostrategisch („Abhängigkeit von anderen sinkt, bleibt aber bestehen“) und ökologisch („selbst bei Lösung vieler Probleme in Europa nicht wirklich attraktiv“).

Die Filme

„Gasland“ war ein Welterfolg. Der Dokumentarfilm von Josh Fox aus dem Jahr 2010 wurde nicht nur für den Oscar nominiert, sondern er hat das Thema Fracking auch für die breite Öffentlichkeit erst auf die Tagesordnung gesetzt. In der Schlüsselszene wird ein Wasserhahn aufgedreht und das Wasser angezündet – es brennt. Scharfe Kritik kam von der Branche, aber auch durch einen Kollegen: In „FrackNation“ bezichtigt Filmemacher Phelim McAleer seinen Kollegen Fox, wissentlich ungenau gewesen zu sein. So habe es Berichte über entzündetes Leitungswasser lange vor Fracking gegeben. Inzwischen gibt es „Gasland II“. Als die Dokumentation im April auf dem New Yorker Tribeca-Filmfestival gezeigt wurde, wurden Fans von „FrackNation“, trotz Karten, nicht eingelassen.

Idealerweise ist aber nicht realistisch, wie Deepwater Horizon und Fukushima eindrucksvoll bewiesen haben, und die Eskalationsstufen werden immer weiter nach oben getrieben. In den USA haben bislang vier Bundesstaaten Trinkwasserverschmutzung im Zusammenhang mit Fracking gemeldet. Ganze Regionen in den USA, die niemals Erdbeben verzeichneten, haben plötzlich welche. Und überall da wird auch in großem Stil Fracking betrieben.

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