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29.08.2015

13:08 Uhr

Konzern in der Krise

RWE braucht neuen Spitzenkontrolleur

RWE sucht schon lange einen neuen Aufsichtsratschef. Jetzt rückt das Ausscheiden des Vorgängers näher, RWE steckt dramatisch in der Krise - und noch immer gibt es keine Lösung.

RWE braucht bei ihrem geplanten Konzernumbau in den nächsten Jahren dringend eine klare Führung - doch der Aufsichtsratsvorsitz ist nur noch auf Abruf besetzt. dpa

RWE in der Krise

RWE braucht bei ihrem geplanten Konzernumbau in den nächsten Jahren dringend eine klare Führung - doch der Aufsichtsratsvorsitz ist nur noch auf Abruf besetzt.

EssenAbgestürzte Gewinne, schmerzhafter Stellenabbau und gewaltsame Bürgerproteste vor Braunkohlebaggern - der einst so stolze RWE-Konzern wankt wie lange nicht mehr. Die Essener brauchen bei ihrem geplanten Konzernumbau in den nächsten Jahren dringend eine klare Führung - doch der Aufsichtsratsvorsitz, die wichtigste Spitzenposition im Konzern neben Vorstandschef Peter Terium, ist nur noch auf Abruf besetzt.

Der langjährige Chefkontrolleur Manfred Schneider (76) hat schon lange angekündigt, im Frühjahr 2016 aus Altersgründen auszuscheiden. Aber die Suche nach einem Nachfolger verlief bisher alles andere als reibungslos: Deutsche-Bank-Kontrolleur Paul Achleitner, Ex-Linde-Chef Wolfgang Reitzle, Ex-BDI-Präsident Hans-Peter Keitel - sie alle gaben Schneider dem Vernehmen nach einen Korb. Sogar Headhunter sollen ergebnislos nach Kandidaten für den Job gesucht haben, der immerhin mit 300 000 Euro im Jahr plus Spesen dotiert ist.

Energiekonzerne im Umbruch

Zwei Wege, ein Ziel

Der Strom- und Gasversorger Eon, der einst seine Stärke aus Kohle, Gas und Atomkraft bezog, mutiert nach seinem eigenen Bestreben zu einem lupenreinen „grünen Versorger“. Und verheißen die Pläne zur Abspaltung des konventionellen Kraftwerksgeschäfts in den Eon-Mutanten Uniper einen Ausweg aus der Krise? Oder führt am Ende doch der Weg, den die Essener Konkurrenten RWE einschlagen wollen, indem sie den Konzern radikal vereinfachen und mehr Macht in der Zentrale konzentrieren, am schnellsten raus aus der Krise?

Was ist der Grund für die Zerschlagung von Eon?

Der Branchenprimus auf dem deutschen Strom- und Gasmarkt war wie alle großen Mitspieler durch die Energiewende in die Bredouille geraten. Zuvor waren Eon & Co durch die Ausweitung des Wettbewerbs auf den Märkten bereits Macht genommen worden. Unter anderem trennten sie sich von den Höchstspannungsnetzen. Mit der Entscheidung zum Ausstieg aus der Atomenergie aber erfolgte der entscheidende Schnitt – das Ende für die herkömmlichen Kohle- und Atomriesen war eingeläutet. Strom aus Wind und Sonne erhielt Vorfahrt.

Was erhofft sich Eon von der Abspaltung?

Jahrelang hatte der Konzern enorme Gewinne aus dem Strom- und Gasgeschäft gescheffelt und Aktionäre mit steigenden Dividenden verwöhnt. Das ist seit ein paar Jahren vorbei. Dabei steht der Konzern unter einem hohen Druck durch die Kapitalmärkte. Durch die Abtrennung erhofft sich die neue Eon, die sich künftig ganz auf Ökostrom, Energienetze und Kundenlösungen konzentriert, Rückenwind: Das Unternehmen ist frei von Altlasten - nur noch der Name erinnert an seine Herkunft.

Warum entschied sich RWE gegen die Aufspaltung?

Bei dem Konkurrenten aus Essen sind die Eigentümerverhältnisse anders gelagert. Während Eon eine börsennotierte Publikumsgesellschaft mit zahlreichen Anlegern ist, haben bei RWE die Kommunen noch ein entscheidendes Wörtchen mitzureden. Auch die waren jahrelang durch üppige Dividenden verwöhnt worden. Eine Zerschlagung des Konzerns in zwei Teile wäre vor dem Hintergrund kaum durchsetzbar gewesen. RWE-Chef Peter Terium bezeichnete einen solchen Schritt auch als nicht „wünschenswert“. Hinzu kommt, dass bei RWE das Geschäft mit regenerativen Energien noch nicht so weit entwickelt ist wie bei Eon.

Was bedeutet die Abspaltung bei Eon für die Atomrückstellungen?

Darüber ist in den vergangenen Monaten viel berichtet und spekuliert worden. Eon-Chef Johannes Teyssen nannte diese Rückstellungen, die für den Rückbau der Atomanlagen vorgesehen sind und in der Eon-Bilanz 2014 eine Summe von mehr als 16 Milliarden Euro ausmachten, bei der Vorlage der Halbjahreszahlen als „sicher“. Die Summe wird vollständig Uniper zugeschlagen. Und Teyssen beteuert, dass das Unternehmen seinen Verpflichtungen voll und ganz nachkommen werde. Kritik kommt von Tobias Riedl von der Umweltschutzorganisation Greenpeace: „Die geplante Aufspaltung von Eon in eine „Good“ und eine „Bad Bank“ ist der dreiste Versuch des Konzerns, sich der Haftung für den selbst produzierten Atommüll zu entziehen.“ Eon strebe an, dass künftige Milliardenkosten für die Entsorgung des verstrahlten Abfalls möglichst die Bürger tragen sollten, sagt Riedl.

Welche Perspektiven hat Uniper?

Auf dem deutschen Strom- und Gasmarkt wird es Uniper schwer haben. Auch wenn Eon den Bereich heute als einen für Jahrzehnte wichtigen Baustein beim Umbau des Energiesystems sieht - nämlich durch seine absichernde Funktion für die erneuerbaren Energien - wird das Unternehmen nach Ansicht von Branchenbeobachtern noch lange an seinem Image als Auslaufmodell zu tragen haben.

Welche Lichtblicke sind beim Umbau der Konzerne zu erkennen?

Mit dem massiven Ausbau der Erzeugung von Windkraft und Solarenergien und dem Anschluss der Parks an die Stromnetze ernten die Unternehmen allmählich die ersten Früchte ihrer Investitionen. Mittlerweile ist Eon an 10 Windparks auf See in Europa beteiligt und kommt weltweit auf eine Kapazität von 4000 Megawatt. Der Anteil der erneuerbaren Energien an der gesamten Stromerzeugung liegt derzeit bei rund 14 Prozent, bei RWE sind es mit 5 Prozent deutlich weniger.

Quelle: dpa

Jetzt gilt der Ex-SAP-Finanzvorstand Werner Brandt (61), der bereits einfaches RWE-Aufsichtsratsmitglied ist, als Favorit. Doch entschieden ist die Sache noch lange nicht. Die einflussreichen Kommunen - mit knapp einem Viertel der Anteile RWE-Hauptaktionär - wollen laut Konzernkreisen den früheren Bundeswirtschaftsminister Werner Müller, Chef der RAG-Stiftung, als Aufsichtsratsvorsitzenden.

Müller, der mit der milliardenschweren Steinkohlestiftung einen Lebenstraum erreicht hat, würde für ein weiteres Engagement bei RWE sicher nicht in eine Kampfabstimmung gehen, heißt es. Doch wenn der RWE-Aufsichtsrat kräftig genug werben würde und es eine klare Mehrheit für Müller gäbe, nähme er die Aufgabe vielleicht an.

Müller ist ein Spezialist für große Lösungen in schwieriger Lage und hat weiter beste Kontakte zur Politik. Die sozialverträgliche Abwicklung der deutschen Steinkohle mit Zehntausenden Jobs über eine Stiftungslösung und praktisch ohne Proteste gilt als eine seiner Leistungen.

Die größten Energieversorger der Welt

Platz 10

Den zehnten Platz belegt ein Energieversorger aus Südkorea: Korea Electric Power kam im April 2016 auf einen Marktwert von 33,1 Milliarden US-Dollar.

Quellen: Bloomberg; Factset; Forbes

Platz 9

Den neunten Platz belegt GDF Suez. Das französische Unternehmen hatte im April 2016 einen Marktwert von 39 Milliarden US-Dollar. Ein Jahr zuvor waren es noch 49,5 Milliarden Dollar gewesen.

Platz 8

hiAuf dem achten Platz befindet sich chinesische Energieversorger China Yangtze Power. Im April 2016 war der Konzern 41,8 Milliarden US-Dollar wert.

Platz 7

Dominion Resources auf dem siebten Platz der weltgrößten Energieversorger stammt aus den USA und hat einen Markt von 43,2 Milliarden US-Dollar.

Platz 6

Den sechsten Platz belegt ein Versorger aus Spanien: Iberdrola hat einen Marktwert von 44,1 Milliarden US-Dollar.

Platz 5

Der fünftgrößte Energieversorger stammt aus Spanien. Enel kam im April 2016 auf einen Marktwert von 44,6 Milliarden US-Dollar.

Platz 4

Auf dem vierten Platz befindet sich ein Unternehmen aus den USA: Southern Co. Der Versorger hatte im April 2016 einen Marktwert von 45,3 Milliarden US-Dollar.

Platz 3

Der drittgrößte Energieversorger der Welt kommt aus dem Vereinigten Königreich. National Grid hatte im April 2016 einen Marktwert von 51,4 Milliarden US-Dollar.

Platz 2

Auf dem zweiten Platz befindet sich ein amerikanisches Unternehmen: Nextra Energy. Der Wert des Energieversorgers beträgt 52,8 Milliarden US-Dollar.

Platz 1

Das US-amerikanische Unternehmen Duke Energy ist nach Marktwert wie schon 2015 der weltweit größte Energieversorger. Im April 2016 betrug sein Wert 53,1 Milliarden US-Dollar. 2,3 Milliarden Dollar weniger als im Vorjahr.

Allerdings haben die Kommunen, die Müller wollen, im Aufsichtsrat gerade einmal 4 von 20 Sitzen. Und auch Brandt ist ein hervorragender Kandidat, wie ein langjähriger Wegbegleiter sagt. Als analytisch, ruhig und gelassen wird er geschildert - ein Mann mit Einfühlungsvermögen, der sehr unterschiedliche Interessen zusammenführen kann. Das dürfte bei RWE in den nächsten Jahren dringend gebraucht werden. Anders als Müller, der von außen käme, hätte Brandt als Aufsichtsratsmitglied auch den nötigen Stallgeruch, heißt es.

Vom Tisch zu sein scheint die Spekulation, dass der hoch angesehene Aufsichtsratschef Schneider aus Mangel an mehrheitsfähigen Kandidaten das RWE-Kontrollgremium noch einige Jahre weiterführt. Der neue Mann soll schließlich den umfassenden Strukturwandel bei RWE zusammen mit Terium von Anfang bis Ende begleiten. Den langwierigen und kraftraubenden Job will dem bereits 76-jährigen Schneider niemand mehr zumuten. „Es braucht einen Neuen“, heißt es von einem Aktionärsvertreter - und das möglichst bald.

Von

dpa

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