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08.10.2013

13:33 Uhr

Kraftwerksbranche in Aufruhr

In der Strombranche ist nichts mehr unmöglich

Ein Jahrhundertprojekt wie einen Tagebau vorzeitig aufgeben? Der Energieriese RWE dementiert solche Gerüchte. Doch der Druck auf die Branche ist enorm: Für viele große Kraftwerke fehlt eine Zukunftsperspektive.

Im Hintergrund das RWE-Kraftwerke Niederaußem, im Vordergrund der Tagebau Garzweiler im Westen Kölns. dpa

Im Hintergrund das RWE-Kraftwerke Niederaußem, im Vordergrund der Tagebau Garzweiler im Westen Kölns.

DüsseldorfEs gibt in der Energiebranche keine heiligen Kühe mehr. Zwar dementierte RWE-Chef Peter Terium heute einen Zeitungsbericht, wonach der gigantische Braunkohletagebau Garzweiler nicht bereits 2017 oder 2018 außer Betrieb gestellt werden könnte – eigentlich ist der Betrieb bis 2040 geplant. Doch der Aufschwung der erneuerbaren Energien rüttelt an der Rentabilität von Kraftwerken, die eigentlich auf unabsehbare Zeit als lukrativ galten.

„Zurzeit besteht ein Überangebot an unflexibler Leistung durch Atom- und Braunkohlekraftwerke“, heißt es in einem am Dienstag in Berlin vorgelegten Eckpunktepapier des Sachverständigenrats für Umweltfragen (SRU), der die Regierung seit 1972 berät. Die Folge seien niedrige Börsenstrompreise, ein hoher Stromüberschuss-Export ins Ausland sowie Rentabilitätsprobleme von Gaskraftwerken. Dabei seien letztere flexibler und aus Klimaschutzgründen eigentlich die beste Ergänzung zur schwankenden Ökostromproduktion.

Die Historie des Tagebaus Garzweiler II

August 1987

Das Bergbauunternehmen Rheinbraun AG beantragt den Tagebau Garzweiler II mit einer Fläche von 66 Quadratkilometern.

September 1991

Die NRW-Landesregierung begrenzt aus ökologischen Gründen das Abbaufeld auf 48 Quadratkilometer.

April 1997

Der NRW-Verfassungsgerichtshof weist eine Klage der Grünen-Landtagsfraktion gegen die Genehmigung des Tagebaus ab. Auch mehrere Kommunen scheitern mit ihren Klagen.

Dezember 1997

Das Bergamt Düren genehmigt den Rahmenbetriebsplan. Die rot-grüne Koalition in NRW, die seit Jahren heftig über Garzweiler II streitet, steht deshalb kurz vor den Aus.

Juni 2006

Der Tagebau geht in Betrieb. Rund 40 Jahre lang könnten sechs Prozent des deutschen Strombedarfs aus Garzweiler II gedeckt werden, teilt RWE Power mit. Rund 30 Prozent der 7600 Menschen, die ihre Dörfer verlassen müssen, sind zu diesem Zeitpunkt umgesiedelt.

August 2012

RWE nimmt ein 2,6 Milliarden Euro teures Braunkohle- Kraftwerk in Grevenbroich-Neurath in Betrieb. Dort wird auch Kohle aus Garzweiler verbrannt.

Juni 2013

Das Bundesverfassungsgericht verhandelt über Rechtmäßigkeit von Enteignungen für den Tagebau. Dabei geht es auch um eine Obstwiese des Umweltverbandes BUND.

Dezember 2013

Das Bundesverfassungsgericht winkt den Braunkohletagebau Garzweiler II durch. Für zukünftige Projekte werden die Rechte von Anwohnern jedoch gestärkt.

„Es ist kein Geheimnis, dass die Braunkohle unter Druck steht“, so ein Sprecher des Umweltschutzverbands BUND in Nordrhein-Westfalen zu Handelsblatt Online. „Ein geordneter Ausstieg aus der Braunkohle ist nötig und RWE steht in der Pflicht, ein Ausstiegsszenario zu definieren.“ Die Meldung über das mögliche frühzeitige Aus des Braunkohletagebaus könnte ein Zeichen sein, dass RWE eine Drohkulisse aufbaue, um politische Zugeständnisse auf anderem Gebiet zu erreichen.

Im Dementi spricht der Essener Stromkonzern davon, dass „sich der regulatorische Rahmen auf den Energiemärkten schon aus Gründen der Versorgungssicherheit so verändern wird, dass auch die konventionelle Stromerzeugung eine Perspektive hat“. Der zuletzt deutlich verschlechterten Lage der Braunkohle-Kraftwerke werde durch ein Sparprogramm begegnet. Der Tagebau bleibe ein „fester Bestandteil der Zukunftsplanung des Unternehmens“.

Einen Tagebau vorzeitig außer Dienst zu stellen, wäre eine gewaltige Entscheidung. Denn in die Vorbereitung fließen Jahrzehnte an immenser Arbeit. Ein Autobahnteilstück der A44 westlich von Köln ist den Baggern des Garzweiler II genannten Tagebaus bereits vor Jahren zum Opfer gefallen. Ein Neubau auf bereits genutztem Gebiet läuft an.

Ein zweiter Autobahnabschnitt der A61 wäre 2017 oder 2018 fällig und würde 2035 wieder aufgebaut werden, wenn die Bagger vorbeigezogen sind. Deutlich mehr als 10.000 Menschen müssen umziehen, schon vor vielen Jahren sind neue Orte geschaffen worden, in die die Betroffenen umsiedeln können.

Kommentare (26)

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08.10.2013, 12:59 Uhr

Welchen Sinn macht denn Überhaupt die Stromerzeugung in Gaskraftwerken? Wie wird dort die Abwärme genutzt? Sollte es nicht vielleicht in Richtung dezentraler Mini- und Mirkrokraftwerke gehen, welche zentral gesteuert werden können? Hier wird die Abwärme wesentlich besser genutzt.

Wickrather

08.10.2013, 13:00 Uhr

Als Bewohner eines südlichen Stadtteils von Mönchengladbach, von dem die geplante Abbruchkante des Tagebaus Garzweiler II nur rund 4km entfernt liegt, wäre der vorzeitige Abbrauch ein echter Segen. Der Feinstaubbelastung sowie der Grundwasserabsenkung und damit der Vernichtung natürlicher Feuchtgebiete an Niers und Schwalm, würde diesem Wahnsinnsprojekt endlich Einhalt geboten. Zudem könnte dieZerstörung jahrhunderte alter Dörfer verindert werden.

Account gelöscht!

08.10.2013, 13:20 Uhr

Und wieder der peinliche HB-Grünsprech-Praktikanten- Journalismus:
"Am sonnigen Tag der Deutschen Einheit war es mal wieder soweit: Viel Sonnenstrom am Mittag (20.000 Megawatt) und recht viel Windstrom (rund 11.000 Megawatt) bei wenig Verbrauch ließen die Strompreise im kurzfristigen Verkauf an der Börse Epex-Spot purzeln – sogar in den negativen Bereich. An dem Tag zwischen 13 und 15 Uhr zahlten die Stromproduzenten 50 Euro für jede Megawattstunde drauf, die ihnen abgenommen wurde. "

Nicht die Stromproduzenten haben die Diffeenz von 5 ct/KWh bezahlt, damit man den Strom der von den EEG-Anlagen abgenommen werden musste, ans Ausland liefern konnte, sondern die Netzbetreiber!
Und diese Netzbetreiber holen sich diesen negativen Strompreis von den Verbrauchern mit der EEG-Abgabe wieder zurück!
Oder warum meinen sie , steigt die EEG Abgabe kontinuierlich jedes Jahr?
Einfach mal vorher das EEG Gesetz lesen und erst dann sich beim Schreiben blamieren!

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