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23.02.2017

00:49 Uhr

Matthias Brückmann

EWE-Chef verliert den Job

VonJürgen Flauger, Sönke Iwersen

Führungschaos in Oldenburg: Der Aufsichtsrat der EWE AG hat Matthias Brückmann als Vorstandsvorsitzenden abberufen - mit sofortiger Wirkung. Zudem wird die Ernennung zweier Vorstände zurückgestellt.

Er ist bereits der zwei Vorstand, der den Oldenburger Stromversorger EWE AG in den vergangenen fünf Monaten verlässt: Am Mittwoch verlor Matthias Brückmann seinen Job. dpa

Matthias Brückmann

Er ist bereits der zwei Vorstand, der den Oldenburger Stromversorger EWE AG in den vergangenen fünf Monaten verlässt: Am Mittwoch verlor Matthias Brückmann seinen Job.

DüsseldorfEs wird luftig in der Chef-Etage der EWE AG. Zwei Vorstände haben den Oldenburger Stromversorger in den vergangenen fünf Monaten schon verlassen. Am Mittwoch verlor der Vorstandsvorsitzende Matthias Brückmann seinen Job.

„Der Aufsichtsrat der EWE AG hat heute einstimmig beschlossen, den bisherigen Vorstandsvorsitzenden des Unternehmens, Matthias Brückmann, mit sofortiger Wirkung aus seinem Amt und dem Unternehmen zu entlassen“, gab das Unternehmen um 22 Uhr bekannt. Keine Höflichkeitsfloskel, kein „beiderseitiges Einvernehmen“. Es ist ein hochkantiger Rauswurf. Um 17 Uhr waren die Aufseher zusammengekommen - und hatten stundenlang über die endgültige Trennung vom Chef beraten - sowie über den Korruptionsverdacht bei der Tochter EWE Netz, über den das Handelsblatt am Freitag berichtet hatte.

Die Entscheidung des Aufsichtsgremiums basiere einerseits auf einem Bericht der vom Aufsichtsrat beauftragten Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG über mehrere Vorwürfe – darunter eine Spende in Höhe von 253.000 Euro an die Klitschko-Stiftung, teilte das Unternehmen mit. Andererseits sei sie wegen „einer Vielzahl diverser grober Verfehlungen“ getroffen worden. Details wurden nicht genannt.

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Die Vorwürfe gegen EWE Netz sollen nach dem Beschluss des Aufsichtsrats „unter Hinzunahme einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft rückhaltlos“ aufgeklärt werden. Die eigentlich geplante Neubesetzung der offenen Vorstandsposten Technik sowie Personal & IT wurde zurückgestellt und soll nun in einer der kommenden Sitzungen erfolgen.

Für die beiden Posten waren Manager von EWE Netz, Timo Poppe und Torsten Maus, vorgesehen: „Wir haben ein großes Interesse daran, diese beiden Personalien möglichst kurzfristig zu klären und sind mit zwei Kandidaten weiter im Gespräch“, sagte Aufsichtsratschef Stephan-Andreas Kaulvers: „Beide haben uns aktiv angeboten, ihre Bereitschaft zur Übernahme des Vorstandsmandats in Absprache und im Einvernehmen mit uns ruhen zu lassen.“

Bei der Trennung vom wichtigsten Angestellten des Unternehmens hat sich der Aufsichtsrat nicht so viel Zeit gelassen. Erst im Dezember 2016 gingen bei der EWE AG anonyme Schreiben ein. Darin enthalten waren allerlei Vorwürfe gegen Brückmann, der das Unternehmen seit Oktober 2015 führt. Unter anderem soll Brückmann einem Pizzeria-Kellner bei der Stromrechnung geholfen haben. Außerdem gebe es eine Fahrerflucht mit seinem Dienstwagen. Der wichtigste Punkt: Brückmann überwies eine Spende von 253.000 Euro eigenmächtig an die Stiftung der Boxer Vitali und Wladimir Klitschko. Die Einrichtung hilft Kindern in der Ukraine. Am 7. Februar hatte das Präsidium über den Fall beraten und dem Aufsichtsrat die Trennung vom Vorstandschef empfohlen. Brückmann musste seither sein Amt ruhen lassen.

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Der geschasste Chef ließ die Vorwürfe durch seinen Anwalt in einem Schreiben an den Aufsichtsrat zurückweisen. Beim Stichwort Pizzeria gehe es um den Zahlungsrückstand eines Kellners, der zugleich EWE-Kunde war. Der Mann habe Brückmann um Hilfe oder Rat gebeten. Doch bevor der Vorstandsvorsitzende aktiv werden konnte, sei die Rechnung schon beglichen gewesen. Die angebliche Fahrerflucht sei in Wirklichkeit ein Lackschaden. Brückmann touchierte eine Betonwand und meldete den Vorfall am nächsten Tag an der zuständigen Stelle im Unternehmen.

Beim wichtigsten Vorwurf räumte Brückmann durchaus einen Fehler ein. Schließlich hatte er sich selbst dafür starkgemacht, die Ausgabenpraxis seines Vorgängers einzudämmen. Unter Werner Brinker, der die EWE 17 Jahre lang führte, gab es einen regelrechten Spendenwucher. Das Unternehmen gab sechsstellige Beträge für die Pflege des Traditionsdampfers „Prinz Heinrich“ aus. Mit zwei Millionen Euro sponserte Brinker die private Bremer Jakobs University, weitere sechs Millionen gingen für Oldenburger Forschungsinstitute drauf.

Außerdem verteilte Brinker Geld an Sportarten, die kaum Zuschauer hatten. Basketball, Segeln, Tennis – kaum ein Verein in der Region, der sich nicht über Zuwendungen von der EWE freuen konnte. Allein die Handball-Frauen vom VfL Oldenburg erhielten 500.000 Euro. Ein Gegenwert für das Unternehmen war manchmal schwer zu erkennen, manchmal gab es einfach keinen.

2,5 Millionen Euro pro Jahr flossen für die Namensrechte an der Spielstätte des Fußball-Bundesligisten Werder Bremen. Dessen Stadion hieß zwar nicht EWE-Arena, sondern Weserstadion. Aber EWE zahlte trotzdem. Wenn sich je ein Aufsichtsrat der EWE über diese Seltsamkeiten aufregte, dann nicht öffentlich und ohne Folgen. Bei seiner Verabschiedung in den Ruhestand wurde Brinker 2015 in höchsten Tönen gelobt.

Doch Brückmann wollte es anders machen und musste sich deshalb mit einer anderen Latte messen lassen. Im Februar nahm er 253.000 Euro aus eigener Tasche in die Hand und gab sie der EWE zurück. „Das ist ein starkes Signal und zeigt Größe“, kommentierte Aufsichtsratschef Stephan-Andreas Kaulvers. Vier Tage später tagte das Aufsichtsratspräsidium der EWE und setzte ein anderes Signal: Das Gremium empfahl die sofortige Abberufung von Brückmann.

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

23.02.2017, 08:16 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr Gerd St

23.02.2017, 10:22 Uhr

Herr Brückmann hat einen Fehler gemacht : Er hat geglaubt, selbstständig seine Arbeit zu erledigen.
Wenn er sich mit der Mentalität kommunaler Arbeitgeber vorher beschäftigt hätte, wüsste er, dass es hier riesige Netzwerke und Querverbindungen gibt, die letztlich auch zu der entsprechenden Pöstchenverteilung führt. Wir jemand als Gefahr für dieses Netzwerk erkannt, wird binnen kürzester Zeit unter den fadenscheinigsten Gründen eben diese entfernt, gleich was es kostet.... denn die Kosten zahlt ja der Steuerzahler.
Hätte Herr Brückmann mitgemacht und die umstrittenen Personen aus dem Schußfeld genommen, hätte er eine lebenslange Position gehabt.
Es wird niemandem je gelingen, dass gigantische Korruptiongeflecht in kommunalen Einrichtungen auch nur im Ansatz ans Tageslicht zu zerren und die Verantwortlichen zur Verantwortung zu ziehen.
Für jeden Neubewerber um die nun vakanten Posten gilt : Mitmachen und Maul halten.........dann klappts auch mit dem Aufsichtsrat !

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