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17.09.2015

12:32 Uhr

Neue Energiezentrale in Texas

Siemens' Zukunft hängt in der Weihnachtsbaum-Halle

VonThomas Jahn

Mitten im Chaos der Energiemärkte zeigt Lisa Davis zum ersten Mal den neuen Energie-Hauptsitz von Siemens in Houston. Die Chefin des Energiegeschäfts setzt auf 2017 – und auf Rotoren von Konkurrent General Electric.

Dresser-Rand lagert hier 250 Ersatzrotoren – auch von der Konkurrenz. PR

Rotorenhalle in Houston

Dresser-Rand lagert hier 250 Ersatzrotoren – auch von der Konkurrenz.

HoustonWie Weihnachtsbäume hängen die Rotoren von der Decke. Fast schwerelos scheinen sie in der Luft zu schweben, tausende Kilo schwer, aus massivem Stahl und Metalllegierungen. Die Rotoren treiben Gasturbinen oder Kompressoren an, oft über Jahrzehnte, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Gehen sie kaputt, ist das für Raffinerien oder petrochemische Werke eine Katastrophe: Produktionsausfall.

Aber es gibt ja die „Christmas Tree“-Hall von Dresser-Rand in Houston. Der Öl- und Erdgasausrüster lagert in der Halle für Kunden derzeit 250 Ersatzrotoren. Egal, ob sie von Dresser-Rand, Emerson oder General Electric sind. Hier hängen sie bei einer Lufttemperatur von 24 Grad Celsius und 50 Prozent Luftfeuchtigkeit. Dresser-Rand verdient kaum Geld an den Lagergebühren, die sich im Jahr auf 5000 bis 7000 Dollar je nach Rotor belaufen.

Was mal alles Siemens war

Ein Konzern im steten Wandel

Was hat Siemens nicht schon alles hergestellt. Telefone, Computer, Halbleiter oder Geldautomaten. Der Konzern, 1847 als Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske in Berlin gegründet, hat sich seither gründlich und stetig gewandelt. Geschäfte kamen hinzu, andere verschwanden. Die Liste prominenter Abgänge ist lang. Eine Auswahl früherer Siemens-Geschäfte.

Halbleiter

Die heftigen Turbulenzen auf dem Markt veranlasste Siemens, das Geschäft abzuspalten - der Halbleiterhersteller Infineon wurde 1999 an die Börse geschickt.

Telekommunikation

Zwar war Siemens als Telegraphen-Hersteller gegründet worden, doch der rasche Wandel auf dem Telefonmarkt überforderte den Konzern. Lange bevor Nokia den Anschluss an Apple auf dem Handymarkt verlor, musste Siemens Mobile trotz zunächst großer Erfolge einst Nokia ziehen lassen. Das Geschäft mit Mobiltelefonen gab Siemens 2005 an den BenQ-Konzern ab. Nur wenig später musste der die Produktion einstellen. Das Geschäft mit schnurlosen Telefonen für daheim verkaufte Siemens 2008 an Arques.

Netzwerke

Auch das Ausrüstungsgeschäft für Netzwerke trennte Siemens heraus und brachte das Geschäft 2007 in eine gemeinsame Firma mit Nokia unter dem Namen NSN ein.

Computer

Unter dem Namen Siemens Nixdorf baute Siemens einst nicht nur Geldautomaten, sondern auch Computer. Diesen Teil brachte Siemens in ein Joint Venture mit dem japanischen Hersteller Fujitsu ein und zog sich 2009 daraus zurück. Die Sparte mit Kassensystemen und Geldautomaten wurde zehn Jahre zuvor an Investoren verkauft und wurde 1999 als Wincor Nixdorf weiter geführt und an die Börse gebracht.

Auto

Wechselvoll ist auch die Geschichte, die Siemens als Autozulieferer erlebt hat. So hat der Konzern 2001 den Zulieferer VDO übernommen und mit dem eigenen Autogeschäft zusammengeführt. Nach einer Ein- und wieder Ausgliederung sollte VDO eigentlich an die Börse gebracht werden, ging aber dann 2007 im Wege eines Verkaufs an den Autozulieferer Continental.

Licht

Osram ist das jüngste Beispiel für ein Modell der Trennung. Das traditionsreiche Licht-Unternehmen gehörte lange zu Siemens. Angesichts milliardenschwerer Herausforderungen, etwa für die Entwicklung neuer Produkte nach dem Aus für die Glühbirne, wollte Siemens die Tochter mit einem Börsengang in die Freiheit entlassen - und dafür Milliarden einsammeln. Das klappte nicht, stattdessen buchte Siemens seinen Aktionären Osram-Aktien ins Depot, ein Börsengang light sozusagen. Seit 2013 ist Osram selbstständig.

Das wahre Geld wird mit der Nähe zum Kunden verdient, sagt Luis Martinez, der bei Dresser-Rand das Service Center im texanischen Houston leitet: „Was meinen Sie, wer den Auftrag bekommt, wenn der Rotor ganz aus dem Dienst genommen wird?“

Seit wenigen Wochen gehört Dresser-Rand ganz zu Siemens. Es gibt viel Kritik an dem hohen Übernahmepreis von 7,8 Milliarden Dollar, einschließlich der Bonuszahlung von 113 Millionen Dollar an den früheren Vorstandschef Vincent Volpe Jr. Seit der Offerte im vergangenen Jahr stürzte der Ölpreis ins Bodenlose, heute würde Siemens einige Milliarden Dollar weniger zahlen. „Der Markt hat sich sehr verändert“, sagt Lisa Davis, Energiechefin von Siemens. „Aber wir sehen Dresser-Rand als eine langfristige Investition und immer noch als einen guten Deal an“.

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Davis meint: 2016 mag zwar das Geschäft einknicken, um aber ab 2017 wieder zu brummen. Um durchschnittlich 20 Prozent sollen die Investitionen im Öl und Gasgeschäft jährlich bis 2020 wachsen. Davis zeigt eine Grafik mit drei Balken. Rechts ist der Höchste: Mehr als eine Billion Dollar sollen 2020 für Leitungen, Raffinerien oder Bohrinseln ausgegeben werden. Eine ordentliche Steigerung von dem linken Balken, der die Ausgaben 2014 von knapp 900 Milliarden Dollar repräsentiert.

Wenn da nicht Balken in der Mitte wäre, der für die Ausgaben 2016 steht. Der ist sehr klein. Eine Zahlenangabe fehlt, Davis will auch keine geben. Die Nachfrage sei zu schwer vorherzusagen.

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