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10.08.2013

02:54 Uhr

Notleidender Stahlkonzern

Thyssen-Krupp steht kurz vor der Kapitalerhöhung

Nur wenige Tage nach dem Tod von Berthold Beitz leitet Thyssen-Krupp eine Kapitalerhöhung ein. Die Krupp-Stiftung um Beitz hatte sich dagegen gewehrt, weil ihr die Macht über den Konzern dabei entgleiten könnte.

Ein Stahlarbeiter am Hochofen: Thyssen-Krupp will sich frisches Kapital verschaffen. dpa

Ein Stahlarbeiter am Hochofen: Thyssen-Krupp will sich frisches Kapital verschaffen.

BerlinDer notleidende Stahlkonzern Thyssen-Krupp will sich nach Informationen der „Süddeutschen Zeitung“ offenbar schneller als bislang geplant neues Geld beschaffen. Nur wenige Tage nach dem Tod von Konzernpatriarch Berthold Beitz bereite das Unternehmen den Verkauf von Aktien im Wert von bis zu einer Milliarde Euro an große Anleger vor, berichtet das Blatt am Samstag vorab unter Berufung auf „informierte Kreise“. Die internen Vorbereitungen für die Kapitalerhöhung liefen auf Hochtouren. Auch die RAG-Stiftung, die den Bergbau abwickelt, könnte bei dem Konzern einsteigen, hieß es.

Spätestens im September, möglicherweise aber schon im August, könnte das Unternehmen zwischen 800 Millionen und einer Milliarde Euro bei institutionellen Anlegern einsammeln, zitiert die Zeitung Insider aus dem Unternehmen und der lokalen Politik. Manche hielten es sogar für möglich, dass Thyssen-Krupp bereits nächste Woche zur Kapitalerhöhung ansetzen könnte, falls die Börse aufwärts weise.

Die größten Baustellen von Thyssen-Krupp

Einleitung

Im Geschäftsjahr 2012/13 fuhr Thyssen-Krupp das dritte Mal in Folge einen Nettoverlust ein. Mit einem Fehlbetrag von 1,5 Milliarden Euro fiel dieser zwar niedriger aus als die fünf Milliarden Euro Miese im Jahr zuvor. Die Aktionäre müssen jedoch erneut auf eine Dividende verzichten. Das könnte auch im neuen Geschäftsjahr 2013/14 der Fall sein. Thyssen-Krupp will zwar operativ zulegen, für einen Nettogewinn könnte es aber erneut nicht reichen. Zudem schwächelt nicht nur die amerikanische Stahlsparte, sondern auch das Geschäft mit dem Werkstoff in Europa und mit Teilen für die Automobilindustrie.

Ertragsschwäche

Thyssen-Krupp fuhr im Geschäftsjahr 2011/12 einen Nettoverlust von fast fünf Milliarden Euro ein. In den ersten neun Monaten des Ende September abgelaufenen Geschäftsjahres 2012/13 waren es rund 1,2 Milliarden Euro. Analysten zufolge schwächelt nicht nur die amerikanische Stahlsparte. Auch das europäische Stahlgeschäft, der Großanlagenbau, der Verkauf von Autoteilen und die Aufzugssparte hätten im Geschäftsjahr weniger verdient. Der Handel mit Werkstoffen und das Dienstleistungsgeschäft habe hingegen zugelegt.

Stellenabbau

Für Unruhe im Konzern sorgen auch die Pläne zum Abbau tausender Arbeitsplätze. In der Verwaltung sollen 3000 Jobs wegfallen. In der Stahlsparte will Thyssen-Krupp 2000 Arbeitsplätze abbauen. Weitere 1800 Stellen könnten durch Beteiligungsverkäufe aus dem Konzern fallen. „Wir bügeln damit auch die Managementfehler der Vergangenheit aus“, hatte Konzernbetriebsratschef Wilhelm Segerath in einem Reuters-Interview gesagt. Thyssen-Krupp will damit die Kosten um 500 Millionen Euro senken. Die Summe ist Teil der insgesamt geplanten Einsparungen des Konzerns bis 2014/15 von nun 2,3 Milliarden Euro. Das Unternehmen beschäftigt rund 156.000 Mitarbeiter, davon etwa 58.000 in Deutschland. Ein weiterer Stellenabbau ist nach den Worten von Personalvorstand Oliver Burkhard derzeit nicht geplant.

Fehlinvestitionen in Übersee

Nach einer langen Hängepartie konnte Thyssen-Krupp das Weiterverarbeitungswerk in den USA verkaufen. Das verlustreiche Rohstahlwerk in Brasilien hängt dem Konzern immer noch wie ein Klotz am Bein. Thyssen-Krupp muss neue Abnehmer für den Werkstoff in Nord- und Südamerika finden, da das US-Werk künftig weniger abnimmt. Die Kosten für beide Werke waren auf fast 13 Milliarden Euro explodiert, mehr als acht Milliarden entfielen auf Brasilien. Das US-Werk bleibt bis zu der erhofften Freigabe des Deals durch die Regulierungsbehörden noch für Monate in den Büchern. Thyssen-Krupp erwartet in der Sparte weitere Verluste - wenn auch niedrigere als bislang.

Schulden

Dem Konzern sitzen die Ratingagenturen im Nacken. Thyssen-Krupp drücken Schulden von fünf Milliarden Euro. Das Eigenkapital schmolz zwischenzeitlich von 4,5 Milliarden auf 2,5 Milliarden Euro zusammen, durch eine im Dezember 2013 durchgezogene Kapitalerhöhung konnte es inzwischen auf 3,3 Milliarden Euro aufgebessert werden. Die Eigenkapitalquote ist einer der niedrigsten Werte eines Dax-Konzerns. Gespräche mit Banken sorgten Ende September für Erleichterung, nachdem dieser Wert über die Marke von 150 Prozent gestiegen war.

Kartellverstöße und Korruptionsvorwürfe

Der Mischkonzern wird immer wieder von Kartellverstößen und Korruptionsvorwürfen erschüttert. Vorstandschef Heinrich Hiesinger will eine neue Unternehmenskultur, in der für krumme Geschäfte kein Platz ist. Bei illegalen Preisabsprachen war Thyssen-Krupp ein Wiederholungstäter. Einem Aufzugskartell folgten Kungeleien mit Schienenherstellern. Hier einigte sich Thyssen-Krupp nun mit der Deutschen Bahn auf Schadensersatz. Wie ein Damoklesschwert hängt zudem der Verdacht über dem Konzern, sich auch an einem möglichen Kartell von Herstellern von Blechen für die Automobilindustrie beteiligt zu haben. Ob sich dieser Verdacht bestätigt, ist offen. Sollte dies aber der Fall sein, wären die Konsequenzen nicht abzuschätzen - die Autoindustrie gehört zu den größten Kunden von Thyssen-Krupp. Welchen Stellenwert die Aufarbeitung der Verstöße hat, zeigte sich auch auf der Hauptversammlung im Januar 2014: Dort schuf Thyssen-Krupp für den ehemaligen Metro-Manager Donatus Kaufmann einen neuen Vorstandsposten für Compliance.

Ramponierter Ruf

Der Ruf des einst stolzen Unternehmens ist durch Pleiten, Pech und Pannen und die Korruptionsvorwürfe ramponiert. „Es herrschte offenbar bei einigen die Ansicht vor, dass Regeln, Vorschriften und Gesetze nicht für alle gelten“, hat Konzernchef Hiesinger beklagt. Er will aufräumen und eine neue Unternehmenskultur einführen, in der Seilschaften und blinde Loyalität nicht wichtiger sind als unternehmerischer Erfolg. Dafür braucht er die volle Rückendeckung vom Aufsichtsrat.

Die Krupp-Stiftung um Beitz wollte eine Kapitalerhöhung vermeiden, da ihr Anteil von 25,3 Prozent an dem Konzern dabei verwässert würde. Damit hält sie bislang eine Sperrminorität, die den Konzern vor Übernahmen schützt. Sollte diese Hürde wegfallen, befürchten viele, dass Hedgefonds den Traditionskonzern in seine Einzelteile zerlegen könnten.

Zurzeit würden verschiedene Modelle durchgespielt und ganz diskret Gespräche mit einem kleinen Kreis potenzieller größerer Investoren geführt, berichten Insider. Zu jenen Investoren, mit denen geredet werde, soll auch die RAG-Stiftung zählen, die - geführt vom ehemaligen Bundeswirtschaftsminister Werner Müller - seit einigen Wochen als Retter von Thyssen-Krupp im Gespräch sei. Sie könnte dem Blatt zufolge der Krupp-Stiftung dabei helfen, dass diese ihren dominierenden Einfluss bei Thyssen-Krupp auch nach der möglichen Kapitalerhöhung behält. Der Krupp-Stiftung selbst fehle das Geld, um bei einer Kapitalerhöhung mitzuziehen. Weder die RAG-Stiftung noch Thyssen-Krupp wollten sich der Zeitung zufolge zu den Informationen äußern.

Kommentare (2)

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Treffer4312

10.08.2013, 08:05 Uhr

Wie steht es um den Stahl-Konzern wirklich?

Von außen wird man es nicht vollständig beurteilen können.

Es schein wohl sehr schwer, einen Käufer für die Stahlwerke zu finden.

Man benötigt dringend frisches Geld.

Als Anleger würde ich strikt die Finger davon lassen. Alleine die Zahlungen an die aktuellen und zukünftigen Betriebsrentner stellen eine immense Belastung dar.

Es drängt sich das Gefühl auf, dass hier Eile geboten ist, frisches Geld zu bekommen. Und das bei „privaten Adressen“ eher schwierig zu bekommen ist.

Thyssen-Krupp ist aufgerufen, endlich operativ positive Ergebnisse zu liefern. Es gibt Lichtblicke, doch auch große Löcher. Für Kapitalgeber – fürchte ich – wird in den nächsten Jahren da nichts zu gewinnen sein.

Davidofwieser

10.08.2013, 11:10 Uhr

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