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16.04.2016

16:25 Uhr

Öl-Branche in Mexiko

Tristesse unter Palmen

Die Ölindustrie brachte einst Wohlstand nach Ciudad del Carmen. Der Preisverfall hat die Hafenstadt an der mexikanischen Golfküste nun kalt erwischt. Tausende Menschen verlieren ihre Arbeit.

Die Stadt Ciudad del Carmen ist stark vom Ölgeschäft abhängig. Sinkende Preise treffen die Gemeinde hart. dpa

Ölbohrinsel vor Mexiko

Die Stadt Ciudad del Carmen ist stark vom Ölgeschäft abhängig. Sinkende Preise treffen die Gemeinde hart.

Ciudad del CarmenIn Ciudad del Carmen herrscht Ausverkauf. „Se vende“ (Zu verkaufen) oder „Se renta“ (Zu vermieten) steht auf Plakaten an jedem zweiten Haus in der Stadt an der mexikanischen Golfküste. Der Absturz des Ölpreises hat das Zentrum von Mexikos Offshore-Industrie im Bundesstaat Campeche kalt erwischt. Der Boom ist vorbei – jetzt herrscht Tristesse unter der brennenden Karibiksonne.

„In guten Zeiten hatten wir 32 Angestellte, jetzt sind es noch zwölf. Die anderen mussten wir entlassen“, sagt Mario Solache Rosiñol. Sein Unternehmen Hydra Marine hat zwei Schiffe, mit denen Personal und Material zu den Förderplattformen im Meer transportiert werden. Früher fuhren die Schiffe dreimal pro Woche raus, jetzt nur noch einmal. „Wie lange wir diesen Auftrag noch haben, weiß ich nicht“, sagt Solache. „Unsere Auftraggeber lassen uns im Unklaren.“

Zwischen 2011 und 2013 kostete das Barrel (159 Liter) mexikanischen Öls im Jahresdurschnitt etwa 100 US-Dollar, mittlerweile ist der Preis auf gut 30 Dollar eingebrochen. In den fetten Jahren brachte das Öl Wohlstand in die frühere Krabbenfischer-Stadt Ciudad del Carmen, nun sind Hotels, Restaurants und Einkaufszentren verwaist.

Das Auf und Ab beim Ölpreis im Jahr 2015

Überangebot

Ein weltweites Überangebot bei schwächelnder Nachfrage setzen dem Ölpreis immer stärker zu. Noch im Juni 2014 kostete ein Barrel (Fass zu je 159 Liter) Nordseeöl der Sorte Brent 115,71 Dollar. Derzeit liegt der Preis mit rund 40 Dollar nicht einmal halb so hoch.

Die Gründe

Ein Grund für das Überangebot ist der Schieferölboom in den USA. Ein anderer ist die Förderpolitik der Opec, die anders als in früheren Jahren den Preis nicht durch die Senkung von Fördermengen stützen will. Sie kämpft stattdessen mit Rabatten um ihre Marktanteile.

7. Januar

Der Brent-Preis fällt zum ersten Mal seit Mai 2009 unter 50 Dollar je Fass.

13. Januar

Mit 45,19 Dollar erreicht Brent den niedrigsten Stand seit März 2009. Damit nähert er sich dem im Sog der Finanzkrise im Dezember 2008 erreichten Tief von 36,20 Dollar. Das war so wenig wie zuletzt im Juli 2004.

3. Februar

Spekulationen auf einen deutlichen Rückgang des Überangebots treiben den Preis für Brent wieder über 55 Dollar.

6. Mai

Export-Ausfälle in Libyen schüren Spekulationen auf einen Versorgungsengpass: Der Ölpreis steigt bis auf 69,63 Dollar.

3. Juli

Ein Bericht über den neuerlichen Anstieg von Ölbohrungen in den USA setzt den Preis wieder unter Druck: Brent fällt bis auf knapp 60 Dollar. Am darauffolgenden Montag, den 6. Juli, sinkt der Preis wieder klar unter die 60-Dollar-Marke.

3. August

Erstmals seit Januar rutscht Brent wieder unter die 50-Dollar-Marke. Auslöser ist ein Rekordanstieg der Ölproduktion der Opec-Länder im Juli.

24. August

Aus Sorgen vor einer deutlichen Abkühlung der chinesischen Wirtschaft machen Anleger einen großen Bogen um Öl. Brent verbilligt sich um bis zu 6,5 Prozent auf 42,51 Dollar. Damit kostet Brent so wenig wie zuletzt im März 2009, als der Preis einen Tiefstand von 41,30 Dollar erreichte.

8. Dezember

Nachdem die Opec am Freitag ihre Förderpolitik bestätigt hat und in der Abschlusserklärung nicht einmal mehr eine Zahl für die Obergrenze der Produktion auftaucht, gehen die Notierungen erneut in die Knie: Brent fällt auf bis zu 39,81 Dollar und ist damit so billig wie zuletzt im Februar 2009.

9. Dezember

Auch an den Zapfsäulen kommt der Kursverfall am Rohstoffmarkt langsam an: Bei mehreren Internet-Vergleichsportalen kratzt der Preis für ein Liter Diesel erstmals seit 2009 wieder an der Ein-Euro-Marke.

„Wir waren fast immer ausgebucht. Manager, Ingenieure und Ölarbeiter aus ganz Mexiko, aber auch aus den USA, Kolumbien und Venezuela haben bei uns übernachtet“, erzählt Manuel, der in einem großen Hotel hinter der Bar arbeitet. „Jetzt stehen die meisten Zimmer leer.“ Pablo López von der Ölarbeitergewerkschaft Untypp sagt: „Das Schlimmste steht uns noch bevor. In kurzer Zeit kann sich das in eine Geisterstadt verwandeln.“

Mexikos Ölindustrie wird von dem Staatskonzern Pemex dominiert. Zwar öffnete das lateinamerikanische Land zuletzt seinen bislang streng regulierten Energiemarkt für private Unternehmen. Angesichts des niedrigen Ölpreises kommen ausländische Investoren derzeit allerdings nur zögerlich nach Mexiko.

Pemex strich sein Budget im laufenden Jahr um 5,6 Milliarden US-Dollar (rund 5 Milliarden Euro) zusammen und legte eine Reihe von Förderprojekten auf Eis. Bei Zulieferbetrieben und Dienstleistern verloren bereits Zehntausende Menschen ihren Arbeitsplätze. Allein in den Bundesstaaten Campeche, Tabasco und Veracruz gingen innerhalb von einem Jahr über 40.000 Arbeitsplätze verloren. Die Wirtschaftsleistung von Campeche brach um 6,5 Prozent ein.

„Nach Rechnungsstellung lässt sich Pemex mit der Zahlung 90 bis 180 Tage Zeit“, sagte Solache von Hydra Marine. „Einer kleinen Firma wie uns kann das das Genick brechen.“ Der Geschäftsführer begrüßt die Liberalisierung des Energiemarktes zwar, sieht bislang aber noch keine Verbesserungen. „Uns würde es schon helfen, wenn wir nicht so von einem einzigen Kunden abhängig wären.“

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