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29.02.2016

14:31 Uhr

Öl und Erdgas

US-Schieferölförderer gehen in die Knie

US-Unternehmen kündigen an, ihre Öl- und Erdgasproduktion zu drosseln. Wegen des niedrigen Ölpreises lassen die Förderer ihre Barrel lieber im Boden. Der Ölminister Saudi-Arabiens wird sich freuen.

Lange haben US-Firmen ihre Fördermengen trotz der niedrigen Ölpreise nicht reduziert. Das ändert sich nun. Reuters

Fracking in Texas

Lange haben US-Firmen ihre Fördermengen trotz der niedrigen Ölpreise nicht reduziert. Das ändert sich nun.

New YorkMehr als ein Jahr hatten die amerikanischen Förderer ihre Produktion trotz einer weltweiten Talfahrt der Ölpreise nicht gedrosselt. Die jüngsten Ausblicke von Branchenvertretern, die in den letzten Tagen im Zuge der Quartalszahlen vorgelegt wurden, deuten indes an, dass die Schwerkraft endlich Oberhand hat.

Apache Corp. aus Houston erwartet, dass die Öl- und Erdgasproduktion der Gesellschaft 2016 um bis zu elf Prozent fällt, wie einer Mitteilung vom 25. Februar zu entnehmen war. Tags zuvor hatte Continental Resources aus Oklahoma City eine Verringerung um zehn Prozent in Aussicht gestellt und Whiting Petroleum Corp. aus Denver eine Drosselung um 15 Prozent. Noch früher im Februar war die Ankündigung von Devon Energy erfolgt, die eine Kürzung um zehn Prozent voraussagte.

Angesichts eines Ölpreises in der Nähe eines Zwölfjahrestiefs lassen die Förderer ihre Barrel lieber im Boden. Damit folgen sie dem Ratschlag des saudi-arabischen Ölministers Ali al-Naimi, der vergangene Woche auf der IHS Ceraweek Energiekonferenz in Houston gesagt hatte, die US- Produzenten hätten nur die Wahl zwischen „Kostensenkungen, Barmittelaufnahmen oder Liquidierung“.

Fracking: Segen oder Umweltverbrechen?

Erbitterter Streit

Neue Technologien sind oft umstritten. Doch beim Fracking geht der Streit weit über das normale Maß hinaus. Ist die Fördertechnik für Erdgas der Umweltfeind Nummer eins seit der Atomkraft? Oder doch nur eine missverstandene, aber vielversprechende Technologie?

Die Technik

Beim Fracking wird kilometertief in die Erde gebohrt - und dann noch einmal horizontal, zuweilen sechs Kilometer weit. In die Kanäle wird ein Chemiecocktail gepresst, der den Boden aufreißt. Sand in der Flüssigkeit sorgt dafür, dass sich die Risse nicht wieder schließen. Durch sie treten das Erdgas - oder andere Rohstoffe - aus, die dann wie üblich gefördert werden können.

Die Szenerie

Im kanadischen Dawson Creek stand erst ein Bohrturm, 50 Meter hoch. Danach kam das eigentliche Fracking: Sechs gewaltige Trucks stehen dicht nebeneinander und pumpen die Lauge in die Bohrlöcher, 100.000 Kubikmeter pro Bohrfeld. Man versteht sein eigenes Wort nicht, aber die Arbeiter schauen fast gelangweilt auf die Messinstrumente. Ihre Schichten sind hart, der Lohn sind 70.000 bis 140.000 Euro im Jahr. Sind sie weg, ist auch der Lärm weg. Dann soll das Gas 20, 30 Jahre leise aus der Erde in die Pipelines steigen.

Die Gegner

Don Vander Velde ist 68 Jahre alt. Sein ganzes Leben hat er auf dem Land in Alberta, Kanada, gelebt, das seiner Familie seit 1904 gehört. Seit einem Jahrzehnt wird in der Nähe gefrackt. „Manchmal bebt der Boden“, sagt der Farmer. „Und was für Chemikalien kommen da rein?“ Don ist beunruhigt, weil er Kinder, Enkelkinder und eine Urenkelin hat. Die kleine Aspen ist zehn Monate. „Ich bin alt, aber ich möchte nicht ihre Zukunft verspielen.“ Dabei habe er nichts gegen die Förderung. „Ich will auch Energie. Alberta braucht das Gas, so wie es uns Farmer braucht. Also fördert! Aber macht es sicher!“

Das Unternehmen

Encana ist ein Fracking-Riese und Kellen Foreman ist seit elf Jahren dabei. „Wir wollen Transparenz“, beteuert der 29-Jährige. Deshalb würden für Millionen Dollar Zehntausende Wasserproben untersucht. „Und bei nicht einer einzigen ist irgendwo in Kanada eine Verunreinigung des Trinkwassers nachgewiesen worden.“ Und die Erschütterungen? Nur mit feinen Instrumenten messbar. Er könne die Sorgen der Menschen völlig verstehen. „Aber es steckt eine Menge Wissenschaft hinter Fracking. Wir sind keine Cowboys, die da rausgehen und die Erde aufwühlen. Das ist Hochtechnologie.“

Die Politikerin

Hannelore Kraft ist 8000 Kilometer weit gereist, um sich selbst ein Bild zu machen. Mit rotem Overall und weißem Helm steht die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen im Matsch von Dawson Creek in der Wildnis Kanadas, spricht mit den Arbeitern, untersucht die Bohrköpfe und befühlt die Chemielauge, die verpresst wird. „Ich kann mir das im Münsterland nicht so recht vorstellen“, sagt sie. Kraft ist beeindruckt, das merkt man ihr an. Auch von der Offenheit der Arbeiter und der Bohrfirma - in den Augen vieler doch „die Bösen“. Aber kann die Technik auch in Deutschland eingesetzt werden, einem Land das mehr als doppelt so viele Einwohner wie Amerika auf einem Dreißigstel der Fläche hat? „Es ist noch nicht reif, das zu entscheiden. Aber ich kann mir das im dicht besiedelten NRW kaum vorstellen.“

Der Wissenschaftler

Uwe Schneidewind ist einer der wenigen Fracking-Experten in Deutschland. Der Professor und Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie sieht vier Punkte zur Beurteilung von Fracking: klimapolitisch („Unkonventionelle Kohlenstoffvorkommen möglichst nicht anrühren“), volkswirtschaftlich („Arbeitsplatzeffekt ist vorhanden, aber beschränkt“; „Gaspreis sinkt, aber in Europa nicht nachhaltig“), geostrategisch („Abhängigkeit von anderen sinkt, bleibt aber bestehen“) und ökologisch („selbst bei Lösung vieler Probleme in Europa nicht wirklich attraktiv“).

Die Filme

„Gasland“ war ein Welterfolg. Der Dokumentarfilm von Josh Fox aus dem Jahr 2010 wurde nicht nur für den Oscar nominiert, sondern er hat das Thema Fracking auch für die breite Öffentlichkeit erst auf die Tagesordnung gesetzt. In der Schlüsselszene wird ein Wasserhahn aufgedreht und das Wasser angezündet – es brennt. Scharfe Kritik kam von der Branche, aber auch durch einen Kollegen: In „FrackNation“ bezichtigt Filmemacher Phelim McAleer seinen Kollegen Fox, wissentlich ungenau gewesen zu sein. So habe es Berichte über entzündetes Leitungswasser lange vor Fracking gegeben. Inzwischen gibt es „Gasland II“. Als die Dokumentation im April auf dem New Yorker Tribeca-Filmfestival gezeigt wurde, wurden Fans von „FrackNation“, trotz Karten, nicht eingelassen.

„Das ist die Wegscheide“, sagte Subash Chandra, Analyst bei Guggenheim Securities in New York, in einem Telefoninterview in der Vorwoche. „Wir wissen, in welche Richtung es geht – nach unten – was die Fördermengen betrifft. Jetzt stellt sich nur noch die Frage, in welchem Tempo es auf dem eingeschlagenen Weg weitergeht.“

Die überraschende Widerstandsfähigkeit der US-Produzenten war ein Schlüsselfaktor für den Einbruch der Rohölpreise um 70 Prozent in den vergangenen 20 Monaten. Die Unternehmen nahmen Kostensenkungen vor und holten mehr Petroleum aus weniger Quellen heraus, um den Tag der Abrechnung hinauszuzögern.

Saudi- Arabien, der größte Opec-Produzent, schloss Naimi zufolge eine Fördersenkung seines Landes aus, womit die US-Schieferbranche die Last trägt, ein Gleichgewicht am Markt herzustellen.

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