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02.03.2017

18:39 Uhr

Öl- und Gasförderung

Blockiert, zermürbt und doch optimistisch 

VonFranz Hubik

Die deutsche Erdgas- und Erdölindustrie beklagt Umsatzeinbußen und Stillstand. Schuld sei die Politik. Nun will die Branche aber wieder mehr fördern – und hofft darauf, das Fracking irgendwann doch erlaubt wird.

Die Branche verharrt im Stillstand. Neue Bohrprojekte werden abgesagt oder verschoben. dpa

Ölförderung

Die Branche verharrt im Stillstand. Neue Bohrprojekte werden abgesagt oder verschoben.

HannoverMartin Bachmann schüttelt den Kopf. „Statt Innovationen zu fördern, wird blockiert und verboten. Das kann sich Deutschland als Exportweltmeister nicht leisten“, schimpft der Wintershall-Vorstand und Vorsitzende des Bundesverbands Erdgas, Erdöl und Geoenergie (BVEG). Sechs Jahre lang sei seine Branche wegen unklaren politischen Rahmenbedingungen im Stillstand verharrt. Neue Bohrprojekte wurden abgesagt oder verschoben. Die Folge: Alleine im vergangenen Jahr sind die Umsätze aus der heimischen Öl- und Erdgasförderung um 700 Millionen Euro eingebrochen – auf nur noch 1,8 Milliarden Euro. Das ist ein Rückgang im Vergleich zu 2015 um fast 40 Prozent.

„Dieser Stillstand schlägt deutlich auf unsere Beschäftigung durch“, klagt Bachmann. Mehr als tausend Arbeitsplätze seien dadurch und wegen der niedrigen Öl- und Gaspreise verloren gegangen. Dabei würde die heimische Brennstoffförderung einen „zentralen Beitrag zur Versorgungssicherheit leisten“, erklärt Bachmann. Etwa acht Prozent des Erdgasbedarfs in Deutschland wird über heimische Quellen gedeckt, beim Erdöl sind es gut zwei Prozent. 

Seit Februar 2017 gelten in Deutschland neue gesetzliche Vorgaben für die Erdöl und Erdgasindustrie. Der Rechtsrahmen wurde straffer, die Umweltauflagen erhöht. „Wir bewegen uns weiter in unruhigem Fahrwasser und haben Gegenwind“, sagte Bachmann. Gleichzeit will die Branche auf Basis der neuen Gesetzeslage wieder mehr Erdöl und Erdgas fördern, nachdem die Industrie in den vergangenen Jahre geplante Milliardeninvestitionen auf Eis gelegt hatte.

Wie und wo die Preise für Ressourcen entstehen

Welche sind die wichtigsten Handelsplätze?

Das Herz der globalen Rohstoffmärkte schlägt in London, Paris und Chicago. Hier läuft ein großer Teil des Handels mit denjenigen natürlichen Ressourcen ab, die für die Ernährung und Energieversorgung von Milliarden Menschen sowie Herstellung zahlloser Produkte unentbehrlich sind. Den sogenannten Termingeschäften schlägt jedoch regelmäßig auch viel Kritik entgegen.

Wie funktionieren Termingeschäfte?

Wir sind es meist gewohnt, nach Kauf oder Bestellung eines Produkts direkt zu zahlen. An den Finanzmärkten ist das oft nicht so. Hier gibt es neben sofort ausgeführten Geschäften („Spot“/„Kassa“) auch viele Deals, bei denen die Abwicklung in der Zukunft liegt - aber zu schon heute vereinbarten Konditionen. Käufer und Verkäufer einigen sich dann auf eine Umsetzung per Termin („Future“). Ein Stahlkonzern kann etwa Monate im Voraus Eisenerz ordern und weiß genau, was ihn das später kostet.

Warum sind solche Geschäfte wichtig?

Generell soll der Terminhandel die Märkte stabilisieren. Im Einkauf großer Öl-, Rohstoff- oder Chemiekonzerne ist eine langfristige Planung ohne teilweise abgesicherte Preise und Mengen nicht denkbar. Grundsätzlich gilt: Wenn die für einen späteren Zeitpunkt erwarteten Preise von den aktuellen abweichen, kann es sich lohnen, auf künftige Preise zu spekulieren. Ziel ist es, beim Liefertermin keinen Verlust zu machen, falls das Preisniveau in der Zwischenzeit in den Keller geht.

Wo gibt es Terminmärkte?

Bekannte Beispiele sind der Handel mit Metallen, Kohle oder Erdöl. Dafür gibt es Börsen, an denen täglich Milliarden umgesetzt werden. Bei Metallen wie Kupfer und Zink läuft das etwa über die London Metal Exchange. Relativ rohstoffarme Länder wie Deutschland sind darauf angewiesen: Laut der Bundesbehörde BGR fiel der Wert der heimischen Rohstoffproduktion 2015 um 100 Millionen auf 13,4 Milliarden Euro. Agrargüter wie Getreide, Soja oder Zucker werden vor allem in Chicago und Paris ge- und verkauft.

Wo lauern Gefahren?

Geht ein Termingeschäft auf, wird die Risikobereitschaft der Akteure belohnt. Probleme können entstehen, wenn die Spekulation von reiner Finanz-Zockerei angetrieben ist. Solche Spekulanten wollen oft gar nicht in reale Güter investieren. Sie setzen auf Preisanstiege etwa von Agrar-„Futures“, um diese mit hohem Gewinn weiterzuverkaufen. Etliche Termingeschäfte sind stark kreditfinanziert und brauchen nur wenig Eigenmittel des Spekulanten. Und Skeptiker weisen auf möglichen Missbrauch durch Insider-Spekulation (Wetten „gegen den Markt“) oder Leerverkäufe (Spekulation mit bloß geliehenen Zertifikaten) hin.

Sind die Geschäfte also schlecht?

Das lässt sich pauschal keinesfalls sagen. Bei realen Gütern kann sie stabilisierend wirken, wenn etwa nach der Ernte Teile des Angebots durch Lagerung verknappt und die Erzeugerpreise so gefestigt werden. Turbulenzen können spekulative Geschäfte aus Sicht vieler Ökonomen dagegen vor allem bei Finanzprodukten auslösen. Einige Banken haben das Geschäft mit Agrarzertifikaten unabhängig davon eingestellt.

„Unser unfreiwilliger Boxenstop hat ein Ende. Wir können wieder starten“, sagte Florian Barsch, Deutschland-Chef des weltgrößten börsennotierten Ölkonzerns Exxon Mobil. Nach sechs Jahren in der Warteschleife seien Unternehmen wie Exxon Mobil wieder bereit, der deutschen Förderung eine neue Perspektive zu geben. „Wir werden nun die Projekte angehen, die aufgrund des Gesetzgebungsverfahrens zurückgestellt werden mussten. Dazu werden wir die Antragsunterlagen überarbeiten und uns auf die komplexen Genehmigungsverfahren einstellen“, erklärte Barsch.

Trotz des leichten Optimismus ist das neue Gesetz für die Branche ein herber Dämpfer. Denn das sogenannte unkonventionelle Fracking, bei dem Erdgas in tieferliegenden Gesteinsschichten gefördert wird, ist demnach verboten. Bei dieser umstrittenen Methode wird eine Flüssigkeit unter hohem Druck in die Erde gepresst wird, um Gesteinsschichten aufzubrechen, zwischen denen sich Öl oder Gas befinden. Wegen der Chemikalien, die dabei zum Einsatz kommen, fürchten Kritiker, dass im Zuge des Fracking das Grundwasser verseucht werden könnte.

Die größten Erdölproduzenten (2016)

Opec als größter Rohölproduzent

Die Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) stellt mehr als ein Drittel des weltweit produzierten Rohöls bereit. Ihre 14 Mitgliedsstaaten sitzen auf mehr als 70 Prozent aller Ölreserven.

Quelle: dpa

Opec II

Laut einer Analyse des Energiekonzerns BP produzierte die Opec 2014 knapp 37 Millionen Barrel Öl und verwandte Produkte am Tag. Weltweit wurden 89 Millionen Barrel am Tag produziert. Die Größten Ölproduzenten im Überblick:

USA

12 Millionen Barrel

Saudi-Arabien

Zwölf Millionen Barrel

Russland

Elf Millionen Barrel

China

Vier Millionen Barrel

Kanada

Vier Millionen Barrel

„Wir haben hier das Gegenteil einer Debattenkultur erlebt, eher eine Stigmatisierung“, flucht der BVEG-Vorsitzende Bachmann. Er hat die Hoffnung aber noch nicht völlig aufgegeben, dass in Deutschland irgendwann auch Fracking in unkonventionellen Lagerstätten zum Einsatz kommt.

Denn das Gesetz sieht auch vor, dass im Jahr 2021 das prinzipielle Verbot der Fördermethode nach einer Pilotphase nochmals zu überprüfen ist. „Öl und Gas sind keine Auslaufmodelle“, erklärte Bachmann. Er erwartet ein klares Bekenntnis der Politik zu heimischen Erdgas und Erdöl. Schließlich würden die beiden fossilen Brennstoffe trotz des Vormarschs von Solar- und Windkraft noch immer mehr als die Hälfte des deutschen Primärenergieverbrauchs abdecken.

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