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01.11.2013

15:49 Uhr

Öl- und Gaskonzerne

Magere Zeiten für „Big Oil“

VonNils Rüdel

Schwache Nachfrage, Überkapazitäten, immer kostspieligere Erschließungen: Für die großen Ölkonzerne wie Exxon, BP oder Shell sind die Zeiten üppiger Gewinne vorbei. Das vergangene Quartal war für sie eines zum Vergessen.

Tanklaster von Exxon: Das Geschäft läuft derzeit nicht rund. ap

Tanklaster von Exxon: Das Geschäft läuft derzeit nicht rund.

New YorkKnapp 1,50 Euro – Autofahrer in Deutschland haben es derzeit so billig wie lange nicht mehr. Der Preis für einen Liter Super E10 liegt laut ADAC bundesweit in dieser Woche so niedrig wie zuletzt Anfang Januar 2012. Grund dafür sei die jahreszeitlich bedingt niedrigere Nachfrage, aber auch der starke Euro bei gleichzeitig konstantem Preis für Öl, das in Dollar gehandelt wird. Doch auch die Amerikaner können derzeit sparen: Im Schnitt nähert sich in den USA der Preis für eine Gallone der magischen 3-Dollar-Marke, umgerechnet rund 58 Eurocent pro Liter.

Für die Verbraucher sind das gute Nachrichten, für die großen Ölkonzerne dagegen nicht so sehr. Sie haben mit wegbrechenden Gewinnen zu kämpfen, vor allem im Raffineriegeschäft. Ob BP, Shell, Total, Chevron oder Exxon Mobil – wie die Zahlen aus dem abgelaufenen Quartal zeigen, sind die Zeiten unaufhörlich sprudelnder Gewinne erst einmal vorbei. Ein gesunkener Ölpreis, schwache Nachfrage, der Aufstieg von billigerem Erdgas und die zunehmende Konkurrenz durch Staatskonzerne machen den erfolgsverwöhnten Schwergewichten zu schaffen. „Wir haben Gegenwind“, sagte Shell-Chef Peter Voser bei der Vorlage der Zahlen.

Strenge Auflagen für Schiefergas-Bohrungen

In den USA bereits voll im Einsatz

In Ländern wie den USA boomt die Ausbeutung schwer zugänglicher Gas- und Ölvorkommen bereits seit längerem - in Deutschland will die Bundesregierung bis zum Sommer Rahmenbedingungen festlegen. Mithilfe der heftig umstrittenen „Fracking“-Technologie können fossile Energieträger aus Gesteinsschichten wie etwa Schiefer herausgelöst werden. Der Begriff steht kurz für „hydraulic fracturing“ - zu deutsch so viel wie hydraulisches Aufbrechen von Gestein.

Fracking-Technologie

Kern der Technik ist es, Wasser, Sand und Chemikalien in Gestein zu pressen und dadurch Druck zu erzeugen. Dadurch sollen Gas oder Öl freigesetzt werden. Von großer Bedeutung sind heute horizontale Bohrungen, mithilfe derer seitwärts innerhalb einzelner Gesteinsschichten gebohrt werden kann. Dadurch können dieses in der Breite erschlossen und schwer erreichbare Rohstoffvorkommen zugänglich gemacht werden.

Kritik

Kritiker bemängeln beim Fracking unter anderem den Einsatz von Chemikalien. Die Substanzen könnten durch undichte Stellen ins Erdreich eindringen. Daneben stellen Bohranlagen für Kritiker einen Eingriff in die Natur dar.

Fracking in Deutschland

Fracking zur Erschließung von schwer zugänglichen Gas- oder Ölvorkommen in Deutschland gibt es nach Angaben des Bundesumweltministeriums bislang nicht. Im Kohlebergbau wird die Technologie jedoch eingesetzt und teils auch bei Erdwärmebohrungen. Regeln für das Fracking gibt es laut Ministerium bislang nicht, nun sollen diese geschaffen werden. Bislang ließen Bundesländer Fracking schon eingeschränkt zu.

Pläne der Bundesregierung

Die Bundesregierung fängt die Kritik in der geplanten Verordnung auf, indem sie Fracking in Trinkwasserschutzgebieten verbietet und Umweltverträglichkeitsprüfungen (UVP) für Bohrvorhaben für verbindlich erklärt. Die UVP ist Teil des erforderlichen Planfeststellungsverfahrens für Bohrvorhaben, womit auch die Öffentlichkeit eingebunden wird. Beim Einsatz des Fracking im Bergbau werden Umweltverträglichkeitsprüfungen damit nicht verpflichtend.

Schiefergasvorkommen in Deutschland

Laut Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) lagern unter der Oberfläche der Bundesrepublik bis zu 2,3 Billionen Kubikmeter Erdgas aus Schiefergestein. Damit könnte Deutschland theoretisch über ein Jahrzehnt ohne Gaslieferungen aus dem Ausland auskommen. Durch das Verbot von Fracking in Wasserschutzgebieten dürfte sich das Potenzial deutlich verringern.

Wirtschaftlichkeit

Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim kam kürzlich in einer Studie zu dem Schluss, dass sich Fracking in Deutschland und der EU bei den aktuellen Gaspreisen bislang "überhaupt nicht lohnen" würde. Das ZEW befragte Energiemarktexperten, auf welches Niveau der Preis je Megawattstunde Gas dafür steigen müsste. Derzeit kostet Erdgas an Großhandelsbörsen laut ZEW rund 27 Euro. 30 Prozent der Experten halten einen Preis von 40 bis 50 Euro nötig, 34 Prozent der Gaspreise von 50 bis 60 Euro oder darüber mehr.

Fracking in anderen Ländern

Die USA decken einen erheblichen Teil des heimischen Bedarfs mit Schiefergas und Schieferöl. Nach Einschätzung der Internationalen Energieagentur (IEA) könnten die Vereinigten Staaten 2030 vollkommen unabhängig von Energieträgern aus dem Ausland sein. Schon 2017 könnten die USA demnach Saudi-Arabien und Russland als weltgrößte Ölproduzenten ablösen. Nach Einschätzung des Ölkonzerns Shell haben die USA durch Fracking einen Erdgasvorrat von 100 Jahren - die Staaten der Welt insgesamt für 250 Jahre. In Europa treibt unter anderem Polen die Schiefergas-Förderung voran.

So verkündete Exxon Mobil aus Texas, der größte der „Big Oil“ genannten Konzerne, am Donnerstag einen Gewinneinbruch im dritten Quartal um fast ein Fünftel auf 7,9 Milliarden Dollar. Das ist zwar immer noch eine gewaltige Summe, aber sie schrumpft. Selbst der leichte Zuwachs im Geschäft mit der Ölförderung konnte diesen Rückschlag nicht ausgleichen. Noch härter traf es Shell, den größten europäischen Ölkonzern. Auch wenn das Chemiegeschäft besser lief, brach der Gewinn bereinigt um Sonderposten um rund ein Drittel auf 4,5 Milliarden Dollar ein. Beim französischen Konkurrenten Total ging er um ein Fünftel auf 2,7 Milliarden Dollar zurück, BP büßte rund ein Viertel ein. Der Gewinn für den britischen Multi lag bei 3,7 Milliarden Dollar. An diesem Freitag legte mit dem US-Riesen Chevron der letzte der Großen seine Zahlen vor. Auch hier ging der Nettogewinn, immerhin nur leicht, von 5,3 auf knapp unter 5 Milliarden Dollar zurück.

Das ist ungewohnt für „Big Oil“. Noch vor ein paar Jahren schien der Ölpreis unaufhaltsam zu steigen, der gewaltige Durst in den Schwellenländern ließ Befürchtungen entstehen, dass bald die maximale Fördermenge erreicht werden könnte. Doch die Erschließung in unwirtlichen Gegenden und neue Fördermethoden wie „Fracking“, bei dem in einem komplizierten Verfahren Öl und Gas aus Schieferstein gewonnen wird, haben das Angebot erweitert. Dazu kommt, dass in den Industrienationen die Nachfrage nach Öl zurückgeht. Einerseits, weil die Bevölkerung schrumpft, andererseits, weil Autos und Flugzeuge immer weniger Treibstoff verbrauchen. Alle großen Autokonzerne arbeiten an Elektromodellen, Fahrzeuge mit Erdgas-Antrieb gehören vielerorts längst zum Stadtbild. 

Das lässt die Gewinne der Ölkonzerne im so genannten „Downstream“-Geschäft schrumpfen – der Weiterverarbeitung von Öl zu Benzin, Diesel und anderen Produkte in Raffinerien. Weil sie in der Vergangenheit ihre Kapazitäten deutlich ausgebaut hatten, leiden sie nun unter „extremen Überkapazitäten“, wie Total-Finanzchef Patrick de la Chevardiere in dieser Woche erklärte. „Das Raffinerie-Umfeld bleibt sehr schwierig“.

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