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19.06.2013

14:38 Uhr

Öl verliert an Bedeutung

Fracking-Boom in USA krempelt Energiemarkt um

VonSebastian Ertinger

Die USA fördern so viel Gas und Öl wie lange nicht mehr – Fracking sei dank. Der Energieboom hat weitreichende Folgen. Nicht nur für die USA, sondern auch für Europa, wie eine aktuelle Studie zeigt.

Die USA fördern fleißig Öl: soviel wie lange nicht mehr. Reuters

Die USA fördern fleißig Öl: soviel wie lange nicht mehr.

DüsseldorfDie Energiemärkte weltweit sind in einem umfassenden Wandel begriffen. Zu diesem Ergebnis kommt der Ölkonzern BP in seinem jährlich erscheinenden Report zum Energiemarkt. So hat die Ölproduktion der USA so rasant zugenommen wie lange nicht. Getrieben durch neue Methoden, die auch schwer zugängliche Quellen erschließen, kletterte die Förderung der USA im Jahr 2012 um 13,9 Prozent. Dies ist der größte Anstieg der US-Ölproduktion, seit BP im Jahr 1965 mit den Aufzeichnungen begann. Die Energiekonzerne gewannen zudem mehr Erdgas, wobei sich hier das Wachstum gegenüber den Vorjahren verlangsamt hat.

Die USA erleben einen regelrechten Energie-Boom. Neue Fördermethoden wie das Fracking erschließen bislang unerreichbare Erdgas- und Ölvorkommen. Bei dieser Technik wir unter hohem Druck eine Mischung aus Sand, Wasser und Chemikalien in das Gestein gepresst und das darin gebundene Öl und Gas gelöst. Die neu erschlossenen Vorkommen drückten den Gaspreis in den USA im vergangenen Jahr um rund 30 Prozent. Nun wird die Förderung zunehmend auf Öl ausgedehnt.

Der billige Gaspreis in den USA hat umfassende Folgen für den Energiemarkt. Die Auswirkungen reichen bis Europa. „In den USA verdrängt Erdgas die Kohle bei der Stromerzeugung“, sagt Christof Rühl, Chefökonom von BP. Diese Entwicklung habe sich bereits in den vergangenen Jahren abgezeichnet. Nun hat sie jedoch an Fahrt gewonnen. Im Jahr 2012 stieg in den USA die Stromproduktion aus Gas um 21 Prozent, während die Bedeutung von Kohle zurückging.

Fracking: Segen oder Umweltverbrechen?

Erbitterter Streit

Neue Technologien sind oft umstritten. Doch beim Fracking geht der Streit weit über das normale Maß hinaus. Ist die Fördertechnik für Erdgas der Umweltfeind Nummer eins seit der Atomkraft? Oder doch nur eine missverstandene, aber vielversprechende Technologie?

Die Technik

Beim Fracking wird kilometertief in die Erde gebohrt - und dann noch einmal horizontal, zuweilen sechs Kilometer weit. In die Kanäle wird ein Chemiecocktail gepresst, der den Boden aufreißt. Sand in der Flüssigkeit sorgt dafür, dass sich die Risse nicht wieder schließen. Durch sie treten das Erdgas - oder andere Rohstoffe - aus, die dann wie üblich gefördert werden können.

Die Szenerie

Im kanadischen Dawson Creek stand erst ein Bohrturm, 50 Meter hoch. Danach kam das eigentliche Fracking: Sechs gewaltige Trucks stehen dicht nebeneinander und pumpen die Lauge in die Bohrlöcher, 100.000 Kubikmeter pro Bohrfeld. Man versteht sein eigenes Wort nicht, aber die Arbeiter schauen fast gelangweilt auf die Messinstrumente. Ihre Schichten sind hart, der Lohn sind 70.000 bis 140.000 Euro im Jahr. Sind sie weg, ist auch der Lärm weg. Dann soll das Gas 20, 30 Jahre leise aus der Erde in die Pipelines steigen.

Die Gegner

Don Vander Velde ist 68 Jahre alt. Sein ganzes Leben hat er auf dem Land in Alberta, Kanada, gelebt, das seiner Familie seit 1904 gehört. Seit einem Jahrzehnt wird in der Nähe gefrackt. „Manchmal bebt der Boden“, sagt der Farmer. „Und was für Chemikalien kommen da rein?“ Don ist beunruhigt, weil er Kinder, Enkelkinder und eine Urenkelin hat. Die kleine Aspen ist zehn Monate. „Ich bin alt, aber ich möchte nicht ihre Zukunft verspielen.“ Dabei habe er nichts gegen die Förderung. „Ich will auch Energie. Alberta braucht das Gas, so wie es uns Farmer braucht. Also fördert! Aber macht es sicher!“

Das Unternehmen

Encana ist ein Fracking-Riese und Kellen Foreman ist seit elf Jahren dabei. „Wir wollen Transparenz“, beteuert der 29-Jährige. Deshalb würden für Millionen Dollar Zehntausende Wasserproben untersucht. „Und bei nicht einer einzigen ist irgendwo in Kanada eine Verunreinigung des Trinkwassers nachgewiesen worden.“ Und die Erschütterungen? Nur mit feinen Instrumenten messbar. Er könne die Sorgen der Menschen völlig verstehen. „Aber es steckt eine Menge Wissenschaft hinter Fracking. Wir sind keine Cowboys, die da rausgehen und die Erde aufwühlen. Das ist Hochtechnologie.“

Die Politikerin

Hannelore Kraft ist 8000 Kilometer weit gereist, um sich selbst ein Bild zu machen. Mit rotem Overall und weißem Helm steht die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen im Matsch von Dawson Creek in der Wildnis Kanadas, spricht mit den Arbeitern, untersucht die Bohrköpfe und befühlt die Chemielauge, die verpresst wird. „Ich kann mir das im Münsterland nicht so recht vorstellen“, sagt sie. Kraft ist beeindruckt, das merkt man ihr an. Auch von der Offenheit der Arbeiter und der Bohrfirma - in den Augen vieler doch „die Bösen“. Aber kann die Technik auch in Deutschland eingesetzt werden, einem Land das mehr als doppelt so viele Einwohner wie Amerika auf einem Dreißigstel der Fläche hat? „Es ist noch nicht reif, das zu entscheiden. Aber ich kann mir das im dicht besiedelten NRW kaum vorstellen.“

Der Wissenschaftler

Uwe Schneidewind ist einer der wenigen Fracking-Experten in Deutschland. Der Professor und Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie sieht vier Punkte zur Beurteilung von Fracking: klimapolitisch („Unkonventionelle Kohlenstoffvorkommen möglichst nicht anrühren“), volkswirtschaftlich („Arbeitsplatzeffekt ist vorhanden, aber beschränkt“; „Gaspreis sinkt, aber in Europa nicht nachhaltig“), geostrategisch („Abhängigkeit von anderen sinkt, bleibt aber bestehen“) und ökologisch („selbst bei Lösung vieler Probleme in Europa nicht wirklich attraktiv“).

Die Filme

„Gasland“ war ein Welterfolg. Der Dokumentarfilm von Josh Fox aus dem Jahr 2010 wurde nicht nur für den Oscar nominiert, sondern er hat das Thema Fracking auch für die breite Öffentlichkeit erst auf die Tagesordnung gesetzt. In der Schlüsselszene wird ein Wasserhahn aufgedreht und das Wasser angezündet – es brennt. Scharfe Kritik kam von der Branche, aber auch durch einen Kollegen: In „FrackNation“ bezichtigt Filmemacher Phelim McAleer seinen Kollegen Fox, wissentlich ungenau gewesen zu sein. So habe es Berichte über entzündetes Leitungswasser lange vor Fracking gegeben. Inzwischen gibt es „Gasland II“. Als die Dokumentation im April auf dem New Yorker Tribeca-Filmfestival gezeigt wurde, wurden Fans von „FrackNation“, trotz Karten, nicht eingelassen.

Die überschüssige Kohle wiederum exportieren die USA nach Europa, wo sie als günstige Alternative zu Erdgas bei der Energiegewinnung genutzt wird. In Europa gibt es keinen Schiefergas-Boom. Das Misstrauen gegenüber Fracking ist hier ungemein größer. Kritiker warnen vor unabsehbaren Folgen für Umwelt und Menschen. So fürchten Skeptiker etwa, dass durch undichte Bohrlöcher Trinkwasser verunreinigt werden könnte.

Ohne Schiefergasförderung sind aber die Gaspreise deutlich höher als in den USA. „In der EU ist es um 45 Prozent billiger, Kohle bei der Stromproduktion zu nutzen als Erdgas“, erläutert BP-Chefökonom Rühl. Die Nutzung von Kohle belastet wiederum die Bilanz Europas bei der CO2-Emission. „Die Emissionseinsparungen in Europa durch den Umstieg auf erneuerbare Energien wird durch die steigende Stromerzeugung durch Kohle zunichte gemacht“, so Rühl. Kohlekraftwerke stoßen etwa doppelt so viel CO2 aus wie moderne Gaskraftwerke.

In der EU sollen zwar Treibhausgas-Zertifikate solche Entwicklungen verhindern. Aufgrund der Wirtschaftsflaute sind die Emissionslizenzen aber viel zu billig, um die Attraktivität von Kohle zu mindern. Zu demselben Schluss kommt auch eine Studie des Konkurrenten Exxon-Mobil. „So lange die CO2-Kosten niedrig sind, verdrängt die Kohle das Erdgas aus der Stromerzeugung“, heißt es in dem Papier.

Kommentare (19)

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vandale

19.06.2013, 14:54 Uhr

In den USA ist der Erdgaspreis durch das Fracking zusammengebrochen. Man liest, dass die Erdgaspreise in den USA unter den Vollkosten liegen. Man liest, dass die Anzahl der Erdgasexplorationsbohrungen mittlerweile extrem zurückgegangen ist.

Somit vermute ich, dass dies auch Teil eines Schweinebauchzyklusses ist.

Der hohe Gaspreis und die neue horizontale Frackingtechnik haben die Förderung sehr erhöht, der Erdgaspreis ist zusammengebrochen. Immer mehr Energieverbraucher werden auf Erdgas umgestellt wodurch der Verbrauch ansteigt.

In ein paar Jahren wird der Erdgaspreis wieder ansteigen und der Zyklus wird wieder beginnen.

Vandale

Account gelöscht!

19.06.2013, 15:01 Uhr

Warum machen mich diese enthusiastischen Artikel zum Fracking mißtrauisch? Insider versus Lieschen-Müller?
Warum habe ich den Verdacht, daß der Ölpreis trotz weltweitem Konjunktureinbruch derzeit künstlich hochgehalten wird (die US haben flugzeugträger, soweit zum Thema Saudi-Arabien, Opec), damit die US-Regierung die Fracking-Legende für das Vortäuschen eines Booms nutzen kann. Fracking-Gas/Schieferöl lohnt sich nämlich in dem Moment nicht mehr, wenn die Preise etwas fallen - die Insider wissen das und steigen offenbar schon länger aus den bekannten "Fracking"-Firmen bereits aus.

marc@germany

19.06.2013, 15:51 Uhr

ganz im gegenteil fracking wird jetzt und auf die nächsten 10 jahre gepusht bis sich eine balance zwischen öl und gas wieder hergestellt hat

weil
a) billigere energie - wirtschaftswachstum atm dringend benötigt
b) außenpolitisch opportun - keine abenteuer momentan notwendig
c) der "konjunktureinbruch" ist eine konsolidierungsphase - verschnaufpause - die chinesen stellen ihr wachstum um auf nachhaltigkeit, in südeuropa wird gerade den konsum/invest markt der übernächsten 5 jahre erzeugt

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