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22.01.2016

15:40 Uhr

Ölpreis-Sturz trifft Siemens

Die Ölzulieferer fühlen den Schmerz

Nicht nur bei Shell oder BP reißt der niedrige Ölpreis Löcher in die Kassen. Auch die Zulieferer der Ölmultis leiden unter dem Preisrutsch. Schlumberger meldet ein Milliardenminus – und auch Siemens ist betroffen.

„Die Kunden haben ihre Investitionen um 40 Prozent zurückgefahren.“ dpa

Ölfeld bei Los Angeles

„Die Kunden haben ihre Investitionen um 40 Prozent zurückgefahren.“

San Francisco/München/WienEs ist ein Zahlenwerk mit Sprengkraft: Als erster großer Spieler der Ölzulieferer-Industrie legte am Donnerstag Schlumberger Zahlen vor – und was da kam, lässt Schlimmes ahnen. Denn wenn jemand den Einbruch der Rohölpreise spürt, dann Schlumberger. „Der Rückgang im Geschäftsbereich der Landaktivitäten war der Schlimmste seit 1986“, berichtete Paal Kibsgaard, der Vorstandschef des Technik-Dienstleisters für die Ölindustrie, am Donnerstag seinen Aktionären. „Die Kunden haben ihre Investitionen um 40 Prozent zurückgefahren.“

Der Umsatz im Gesamtjahr 2015 ist um 27 Prozent auf 35,5 Milliarden Dollar eingebrochen, weil die Ölproduzenten viele neue Bohrungen zurückgestellt oder Projekte einfach abgebrochen haben. Alleine Schlumberger hat im vierten Quartal 2015 rund 10.000 Mitarbeiter entlassen.

Die Chronik des Ölpreisverfalls

Der Verfall

Ein weltweites Überangebot bei schwächelnder Nachfrage setzt dem Ölpreis immer stärker zu. Noch im Juni 2014 kostete ein Barrel (Fass zu je 159 Liter) Nordseeöl der Sorte Brent 115,7 Dollar. Derzeit kostet ein Fass Öl aus der Nordsee weniger als 33 Dollar.

Die Gründe

Ein Grund für das Überangebot ist der Schieferölboom in den USA. Ein anderer ist die Förderpolitik der Opec, die anders als in früheren Jahren den Preis nicht durch die Senkung von Fördermengen stützen will oder kann. Stattdessen kämpfen die Kartellmitglieder mit Rabatten um ihre Marktanteile. Diese Preis-Meilensteine durchschritt die Ölsorte Brent seit Anfang 2015:

7. Januar 2015

Der Brent-Preis fällt zum ersten Mal seit Mai 2009 unter 50 Dollar je Fass.

13. Januar 2015

Mit 45,19 Dollar erreicht Brent den niedrigsten Stand seit März 2009.

3. Februar 2015

Spekulationen auf einen deutlichen Rückgang des Überangebots treiben den Preis für Brent wieder über 55 Dollar.

6. Mai 2015

Export-Ausfälle in Libyen schüren Spekulationen auf einen Versorgungsengpass: Der Ölpreis steigt bis auf 69,63 Dollar.

3. August 2015

Erstmals seit Januar rutscht Brent wieder unter die 50-Dollar-Marke. Auslöser ist ein Rekordanstieg der Ölproduktion der Opec-Länder im Juli.

24. August 2015

Aus Sorgen vor einer deutlichen Abkühlung der chinesischen Wirtschaft machen Anleger einen großen Bogen um Öl. Brent verbilligt sich um bis zu 6,5 Prozent auf 42,51 Dollar. Damit kostet das Nordsee-Öl so wenig wie zuletzt im März 2009.

8. Dezember 2015

Nachdem die Opec ihre Förderpolitik bestätigt hat und in der Abschlusserklärung nicht einmal mehr eine Zahl für die Obergrenze der Produktion auftaucht, gehen die Notierungen erneut in die Knie: Brent fällt auf bis zu 39,81 Dollar und ist damit so billig wie zuletzt im Februar 2009.

21. Dezember 2015

Brent kostet mit rund 36 Dollar so wenig wie zuletzt im Juli 2004.

4. Januar 2016

Nach der Hinrichtung eines schiitischen Geistlichen im sunnitischen Saudi-Arabien eskaliert der seit langem schwelende Konflikt zwischen dem Iran und dem Königreich. Dies macht eine gemeinsame Linie der beiden Opec-Mitglieder in der Ölpolitik unwahrscheinlich. Die Preise nehmen ihre Talfahrt wieder auf.

7. Januar 2016

Brent stürzt um sechs Prozent auf 32,16 Dollar ab und notiert damit so niedrig wie zuletzt im April 2004. Damals hatte der Preis zuletzt die 30-Dollar-Marke unterschritten.

Am Dienstag hatte bereits die österreichische Ölfeld-Servicefirma Schoeller-Bleckmann (SBO) schlechte Zahlen präsentiert. Im vergangenen Geschäftsjahr sei ein operativer Verlust (Ebit) von 24 Millionen Euro angefallen. 2014 wurde noch ein Ebit von 67,5 Millionen Euro ausgewiesen. SBO produziert Bohrköpfe und Bohrgestänge für die Suche nach Öl und Gas. Der Auftragseingang der Österreicher brach um knapp 60 Prozent auf 202 Millionen Euro ein.

Bei Schlumberger sind die Probleme dabei noch eine Nummer größer – und kommen aus allen Richtungen: Neben den abgesagten Projekten musste der US-Konzern Preiszugeständnisse bei bestehenden Verträgen machen. Im internationalen Geschäft belasten der starke Dollar und der kollabierende Rubel. In Staaten wie Libyen kommt die politische Dimension hinzu, ganze Ölfelder liegen aus Sicherheitsgründen brach. Der nordamerikanische Markt brachte einen Umsatzeinbruch um 14 Prozent, 15 Prozent der Ölförderanlagen auf dem Kontinent sind weggefallen.

Im vierten Quartal 2015 verblieb unter dem Strich ein Nettoverlust von 1,01 Milliarden Dollar bei einem konsolidierten Umsatz von 7,7 Milliarden Dollar. Das sind rund 40 Prozent weniger als im Vorjahresquartal.

Trotzdem zeigte sich die Aktie an Wall Street weitgehend unbeeindruckt und stieg sogar nachbörslich, was einen Grund hat. Ein auslaufendes Aktienrückkaufprogramm über zehn Milliarden Dollar wird durch ein Neues in gleicher Höhe ersetzt. Das ist quasi die Zusage an die Aktionäre, dass in fallende Aktienkurse hineingekauft wird, was kursstabilisierend wirken soll. Die Probleme an der Börse dämpft das ab, die im Tagesgeschäft nicht.

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Der Ölpreisrutsch – er trifft auch den deutschen Industriekonzern Siemens. Im Spätsommer 2014 kauften die Münchener den US-Kompressorenhersteller Dresser-Rand – für 6,7 Milliarden Dollar. Angesichts des Verfalls des Ölpreises hat sich die Übernahme als überteuert herausgestellt. Denn die neue Einheit leidet ebenfalls unter der Investitionszurückhaltung der Ölförderer.

Rund zehn Prozent der Siemens-Geschäfte sind von der Öl- und Gasindustrie betroffen. Schon 2015 sank der Umsatz der Siemens-Sparte „Power and Gas“ vergleichbar um elf Prozent auf 13,2 Milliarden Euro. Das operative Ergebnis brach um mehr als ein Drittel auf 1,4 Milliarden Euro ein. Die Sparte „Prozessindustrie und Antriebe“ leidet ebenfalls.

Spannend werden daher die Siemens-Zahlen für das erste Quartal des Geschäftsjahr 2015/16, die Vorstandschef Joe Kaeser am Dienstag vor der Hauptversammlung des Dax-Konzerns vorlegen wird. Eins scheint schon jetzt klar: Bei Dresser-Rand wird der Auftragseingang im laufenden Geschäftsjahr erneut unter dem Umsatz liegen. Eine Trendwende ist also noch nicht in Sicht.

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