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06.12.2012

07:01 Uhr

Radikaler Führungsumbau

Neues aus dem Thyssen-Krupp-Ideenpark

VonMartin Dowideit

Beim Stahlkonzern glauben Aufsichtsratschef Cromme und Vorstandschef Hiesinger (Bild) die Lösung gefunden zu haben: Ein Komplettumbau des Vorstands soll die Negativschlagzeilen über das Unternehmen vergessen machen.

Thyssen-Krupp-Vorstandschef Heinrich Hiesinger im Vorzeigeprojekt „Ideenpark“, das junge Leute für Ingenieursberufe begeistern soll. PR

Thyssen-Krupp-Vorstandschef Heinrich Hiesinger im Vorzeigeprojekt „Ideenpark“, das junge Leute für Ingenieursberufe begeistern soll.

DüsseldorfIn den vergangenen Monaten hatte sich Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger gerne in der Aufmerksamkeit gesonnt, die das Projekt „Ideenpark“ ihm garantierte. Millionen hatte der Stahlkonzern in die Ausstellung in der Messe Essen investiert, die bis Ende August bei jungen Menschen Begeisterung für Technik und Ingenieursberufe wecken sollte. Es war ein Beitrag, um dem Fachkräftemangel langfristig zu bekämpfen.

Doch jetzt ist Hiesinger ganz kurzfristig auf der Suche nach hellen Köpfen. Denn der Personalausschuss des Aufsichtsrats hat in Abstimmung mit Hiesinger am Mittwoch gleich drei von sechs Vorständen des Konzerns vor die Tür gesetzt. Offiziell sollen die Verträge des Trios zwar noch bis zum 31. Dezember 2012 laufen und der gesamte Aufsichtsrat muss dem Vorschlag noch zustimmen. Doch im Wesentlichen ist das Unternehmen von einem auf den anderen Tag die halbe Führungsetage los – ohne Nachfolger zu präsentieren.

Die Schattenseiten von Thyssen-Krupp

Umgang mit Geschäftspartnern

Thyssen-Krupp soll den Wettbewerber Salzgitter bei einer Gemeinschaftsfirma betrogen haben. Im Zentrum der Vorwürfe steht GfT Bautechnik, an der Salzgitter bis vor einem Jahr beteiligt war und die exklusiv die Spundwände der Niedersachsen vertrieben hatte. Bei einer Prüfung im Sommer 2011 sei Salzgitter aufgefallen, dass der Ruhrkonzern zu wenig Geld an die Niedersachsen für die Lieferung dieser Stahlprodukte überwiesen habe.

Umgang mit Geschäftspartnern (2)

Thyssen-Krupp muss sich wegen illegaler Preisabsprachen im Schienengeschäft auf eine Klage der Deutschen Bahn gefasst machen, allerdings wird auch weiter über eine außergerichtliche Einigung verhandelt. Thyssen-Krupp war Teil eines Karrtells, zu dem auch die österreichische Voestalpine und das Bahntechnikunternehmen Vossloh gehörten. Die Firmen sollen von 2001 bis 2008 und teilweise bis 2011 Preise – unter anderem zum Schaden der Bahn – abgesprochen haben.

Umgang mit Gewerkschaftern

Der Industriekonzern Thyssen-Krupp hat Gewerkschafter zu kostspieligen Reisen in der ersten Klasse eingeladen. Mehrfach flogen Vertreter des Arbeitnehmerflügels im Aufsichtsrat nach Asien und Amerika, aber auch zu exotischen Zielen. Die Reisen hatten zum Teil touristischen Charakter

Querelen im Vorstand

ThyssenKrupp-Vorstand Jürgen Claassen ließ im Zuge von Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Essen im Zusammenhang mit Luxusreisen Anfang Dezember 2012 sein Amt ruhen. Er wolle durch den Schritt „angesichts der derzeitigen öffentlichen Berichterstattung Schaden vom Unternehmen fernhalten“. Claassen war wegen luxuriöser Reisen in die USA unter Druck geraten, die er von seinem Arbeitgeber finanzieren ließ, obwohl sie nicht vornehmlich dienstlich veranlasst schienen.

Wenige Tage später griff Aufsichtsratschef Gerhard Cromme durch und setzte nicht nur Claassen vor die Tür. Auch zwei weitere Vorstände mussten gehen – insgesamt die Hälfte der Mitglieder des Top-Führungsgremiums.

Korruptionsvorwürfe

Die Staatsanwaltschaft Essen ermittelt gegen 14 Beschuldigte wegen des Verdachts auf Untreue. Im Zusammenhang mit einem Bauprojekt in Kasachstan soll es Schmiergeldzahlungen an eine Briefkasten-Firma im US-Bundesstaat Georgia gegeben haben. Die Ermittlungen gingen auf interne Ermittlungen von Thyssen-Krupp zurück.

Das Werk in Brasilien (1)

Als Thyssen-Krupp 2005 seine Pläne für die Expansion auf den Stahlmarkt in Südamerika und den USA präsentierte, klang alles sehr einfach. Mit günstig in Brasilien produziertem Qualitätsstahl wollte der Ruhrkonzern den US-Hüttenbetreibern Marktanteile abjagen. Dass deutsche und asiatische Autokonzerne zeitgleich im Süden der USA Produktionsstätten errichteten, machte die Strategie plausibel.

Problematisch war allerdings die Umsetzung. Die Stahlhütte vor den Toren der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro kostete nicht 1,3 Milliarden Euro, wie zunächst angekündigt. Die Investitionen summierten sich letztendlich auf mehr als fünf Milliarden Euro. Das Werk wurde weitaus teurer. Wegen Fehlplanungen muss die Kokerei umfangreich nachgebessert werden, auch bei anderen Teilen des Hüttenwerks gibt es Probleme.

Das Werk in Brasilien (2)

Im Werk der lokalen Thyssen-Krupp-Tochter CSA wurde mehrfach Graphitstaub in die Luft gewirbelt. Der sogenannte „Silberregen“ setzte sich in etwa zwei Kilometern Entfernung vom Stahlwerk im Nachbarort Santa Cruz auf Straßen und Häusern ab. Die Anwohner klagten über Atembeschwerden und Hautausschläge. Seit der Eröffnung des Werks im Jahr 2010 hat Thyssen-Krupp-CSA wegen der Pannen mehrfach Strafen zahlen müssen: umgerechnet 700.000 Euro beim ersten, 1,1 Millionen Euro beim zweiten Mal und zuletzt vier Millionen Euro.

Das Werk in den USA

Auch beim Bau eines Stahlwerks im US-Bundesstaat Alabama hatte sich der Stahlkonzern verkalkuliert. Wegen Planungsfehlern und veränderten Rahmenbedingungen entwickelte sich auch diese Projekt zu einem Milliardengrab. Gemeinsam belasten die beiden Hütten die Bilanz mit mehreren Milliarden Euro. Insgesamt hat Thyssen-Krupp zwölf Milliarden Euro für die Werke ausgegeben.

Aufsichtsratschef Gehard Cromme, der auch dem Personalgremium vorsteht, hat damit härter durchgegriffen, als er es selbst als Aufräumer nach der Siemens-Korruptionsaffäre getan hatte. Als ehemaligem Vorsitzenden der Regierungskommission für gute Unternehmensführung (Corporate Governance) blieb ihm vielleicht auch gar nichts Anderes übrig. Denn bei dem Stahlkonzern häufen sich die Negativ-Schlagzeilen so sehr, dass ein hartes Durchgreifen als notwendig erscheint.

Hiesinger hatte seit seinem Amtsantritt bereits damit begonnen, die Ausrichtung des Konzerns zu ändern und sich mehr auf Technologie statt den Rohstoff Stahl zu fokussieren. So verkaufte er etwas die Edelstahlsparte. Doch die Unternehmenskultur scheint eine ebenso große Baustelle wie die grundsätzliche Strategie zu sein.

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Seit Jahren beschäftigen den Konzern die Fehlinvestitionen in zwei große Werke in Brasilien und den USA. Daneben sieht sich der Konzern „derzeit mit der Aufdeckung einer Reihe von Korruptions- und Kartellfällen konfrontiert. Auch in diesem Zusammenhang stellt sich die Frage nach der bisherigen Führungskultur im Konzern“, teilte Thyssen-Krupp am Mittwochabend mit und erntete rasch Applaus.

Kommentare (4)

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anonym

06.12.2012, 08:55 Uhr

Vorstände müssen in der heutigen Zeit jederzeit damit rechnen, dass ihre Arbeitsverträge nicht verlängert oder vorzeitig aufgehoben werden. Wenn diese Maßnahme in direktem Zusammenhang mit ihrer persönlichen Leistung steht, dann ist dies nicht nur gut, sondern auch notwendig. Manchmal drängt sich jedoch leider der Verdacht auf, dass damit auch andere Ziele verfolgt werden. Aufgrund der - aus heutiger Sicht - katastrophalen Entwicklung der Investitionen in Amerika und Brasilien, musste bereits der halbe Thyssen-Krupp Steel Vorstand und schließlich auch Ekkehard Schulz seinen Hut nehmen. Jetzt sind die nächsten Kandidaten dran.

Nur: Wie sah denn der Entscheidungsprozess damals tatsächlich aus? Es ist doch anzunehmen, dass bei dem für Thyssen-Krupp erheblichen Investitionsvolumen der seinerzeitige Vorsitzende des Aufsichtsrates, Gerhard Cromme, im Detail informiert und sicher nicht unerheblich bei der Entscheidungsfindung involviert war. An fachlicher Kompetenz mangelt es ihm sicher nicht, war er doch bis Ende 2001 mit Ekkehard Schulz gemeinsamer Vorsitzender des Vorstands von Thyssen-Krupp.

Bekanntermaßen haben wir es bei Thyssen-Krupp jedoch mit einer ungewöhnlichen Eigentümerstruktur zu tun: Die Stiftung bestimmt den Lauf der Dinge. Und wenn der noch amtierende Vorsitzende des Kuratoriums, Berthold Beitz, sich gedanklich schon auf seinen Nachfolger festgelegt hat, dann wird dem designierten Nachfolger eine Immunität gewährt, die man sonst nur bei Abgeordneten kennt. Schade eigentlich. Denn zur Aufarbeitung der fehlgeleiteten Milliarden hätte ich mir mehr Unvoreingenommenheit gewünscht. Aber dafür fehlt allen Beteiligten wohl der Mut und auch der nötige Anstand!

Thyssenmann

06.12.2012, 11:12 Uhr

@ Anonym

Ihre Feststellungen sind völlig korrekt. Es ist geradezu absurd zu glauben, dass sich der machtbesessene Cromme nicht bis ins Detail mit den Engagements in Brasilien und Alabama beschäftigt hat und letztendlich alles mit abgesegnet hat. Dass Cromme aus der Doppelspitze Schulz/Cromme in den AR gelobt wurde stellt sich nunmehr als Fehlentscheidung heraus. Dieser Herr hätte ganz entfernt werden müssen. Die vor Monaten von Cromme angeordnete juristische Überprüfung angeblichen Fehlverhaltens von Schulz und der Zielsetzung neben einer rufschädigenden Demontage Schulz diese auch noch Haftbar zu machen für Entscheidungen die er selbst als AR abgesegnet hat ist schon pervers. Die Flurschäden die dieser Herr seit seinem Einstieg in der deutschen Industrie hinterläßt sind in einem anderen Beitrag bereits beschrieben worden. Aber offenbar muß man besondere charakterliche Defizite aufweisen um als Nachfolger von Beitz die Kruppstiftung übernehmen zu können.
Bei allem Respekt der Lebensleistung von Herrn Beitz stellt sich aber doch die Frage, ob man im gesegneten Alter von 99 Jahren noch die Energie aufbringen kann um die Aufgaben eines Stiftungsvorsitzenden und dessen Entscheidungspotential auszufüllen.
Bekanntlich beginnt der Fisch zunächst am Kopf an zu stinken. Übertragen auf ThyssenKrupp wäre eine wirkliche Bereinigung erforderlich die bei Herrn Beitz beginnt und Herrn Cromme nicht ausschließen darf.
Was die Beschäftigten in diesem Traditionskonzern in den letzten 15 Jahren über sich ergehen lassen mußten trägt mitnichten zu einer Identifikationskultur bei. Dieser Konzern ist durch Cromme, und nur durch Cromme, zu unsteten Konzern mit völlig verunsicherten Mitarbeitern mutiert. Die Gründerväter Thyyen und Krupp würden sich im Grabe wälzen, wüßten Sie was sich in den letzten 15 Jahren abgespielt hat.
Aber, der Herr Cromme wird geduldig warten bis Herr Beitz seinen letzten Weg antritt um dann in die Villa Hügel einzuziehen.

Realsatire

06.12.2012, 14:21 Uhr

Meinen Vorrednern kann ich nur vollumfänglich zustimmen. Ich bedaure den Vorstandsvorsitzenden Hiesinger. Eine brilliante Führungspersönlihckeit mit enormem Weit- und Überblick, Mut zur Entscheidung und der Übernahme der Konsequenzen daraus und einer fast beispiellosen Bescheidenheit. Bei seinem früheren Arbeitgeber hat er dieses mehrfach erfolgreich gezeigt. Nun muss er Fehler seiner Vorgänger ausbaden, die zu allem Überfluß noch immer in das Tagesgeschäft selbstherrlich und selbstverliebt hineinregieren... Mit dem jetzt vorgenommen Schnitt ist die wahre Wurzel des ThyssenKrupp-Übels noch lange nicht erreicht.

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