Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

12.10.2015

16:30 Uhr

Rohstoffbranche

VW-Krise schickt Schockwellen bis nach Afrika

VonWolfgang Drechsler, Regine Palm

Der Abgasskandal bei Volkswagen strahlt auf die Weltwirtschaft ab. Der Preis für Platin, das in Diesel-Katalysatoren verwendet wird, fährt Achterbahn. Die Produzenten in Südafrika stehen mit dem Rücken zur Wand.

Tritt Winterkorn ganz ab?

Neue Hiobsbotschaften für Volkswagen

Tritt Winterkorn ganz ab?: Neue Hiobsbotschaften für Volkswagen

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Kapstadt/DüsseldorfDer Volkswagen-Skandal um vorsätzlich umgangene Abgasvorschriften bei Diesel-Fahrzeugen zieht Kreise bis nach Afrika. Nachhaltig beeinflussen die Ereignisse die Rohstoffmärkte, speziell die Preise von Platin und Palladium. Beide Edelmetalle werden für Autokatalysatoren benötigt. Für die ohnehin gebeutelten Förderer ist das ein weiterer Rückschlag.

„Es ist nicht die beste Zeit für Platinproduzenten“, räumt Gabor Vogel, Rohstoffexperte der DZ Bank, ein. Er rechnet damit, dass Platin auch weiterunter der VW-Abgaskrise leiden wird. Platin sei eben für Katalysatoren in Dieselfahrzeugen sehr wichtig. Doch die Technologie sei durch die Ereignisse rund um VW stark in die Kritik geraten.

Zink-Produktion gekürzt: Rohstoffriese Glencore tritt auf die Bremse

Zink-Produktion gekürzt

Rohstoffriese Glencore tritt auf die Bremse

Der stark gefallene Preis für Zink trifft den Rohstoffriesen Glencore hart. Der Konzern kürzt daher seine jährliche Produktion um 500.000 Tonnen. 1600 Jobs stehen dabei auf dem Spiel.

Der Diesel-Skandal bereitet zahlreichen Branchen Probleme. Dem Zulieferer Schäffler etwa verhagelte die Affäre den Börsengang. Die Metallhändler, die nach Angaben des Branchenverbands 20 Prozent des Umsatzes direkt oder indirekt mit VW machen, bereiten sich auf einen Einbruch der Bestellungen vor. Sogar Fußballklubs wie der VfL Wolfsburg oder der FC Ingolstadt fürchten, dass der Autobauer seine Sponsoringausgaben drosseln könnte.

Direkt nach Bekanntwerden der Manipulationen im Wolfsburger Konzern war der ohnehin unter Druck stehende Platinpreis Anfang Oktober zeitweise auf fast 800 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm) gefallen und damit auf den tiefsten Stand in über sechs Jahren. Das hat die Aktienkurse der großen südafrikanischen Produzenten Anglo American (Angloplat) und Impala Platinum, die weltweit insgesamt rund zwei Drittel allen Platins fördern, zeitgleich mit nach unten gerissen. Die Papiere markierten ebenfalls mehrjährige Tiefstände. Besonders stark getroffen hat es Lonmin. Der weltweit drittgrößte Förderer des Edelmetalls notiert zurzeit um fast 75 Prozent niedriger als zu Jahresbeginn.

Inzwischen haben sich die Aktienkurse der Platinproduzenten leicht erholt, genau wie die Metallpreise. Wie nachhaltig diese Erholung ist, wird sich aber erst noch erweisen müssen. „Der Markt ist vorsichtig und reagiert auf kleinste Veränderungen der Nachrichtenlage“, heißt es beim Hanauer Technologie- und Edelmetallkonzern Heraeus. „Der Emissions-Skandal sowie das daraus resultierende fehlende Vertrauen in Dieselfahrzeuge gehörten auch in der vergangenen Berichtsperiode unverändert zu den Topthemen“, schreiben die Experten in ihrem Marktbericht.

So könnte VW die „Dieselgate“-Kosten schultern

Kann sich der Konzern das leisten?

Der Abgas-Skandal kratzt nicht nur am Image des Volkswagen-Konzerns - er dürfte vor allem sehr teuer werden. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu den Kosten des Skandals und wie VW sie stemmen könnte.

Quelle: dpa

Mit welchen Kosten muss VW rechnen?

Darüber rätseln Beobachter derzeit. Bislang bekannt ist: Volkswagen hat 6,5 Milliarden Euro für Kosten aus dem Abgas-Skandal zurückgelegt. Das Geld ist aber wohl in erster Linie für eine technische Umrüstung der Autos mit Manipulations-Software bestimmt, wie Finanzchef Hans Dieter Pötsch laut dem Fachblatt „Auomobilwoche“ kürzlich vor VW-Managern erklärte. Unklar ist, welche Strafzahlungen auf VW zukommen. Dazu dürften noch mindestens drei andere mögliche Kostenblöcke kommen: Strafzahlungen, Schadenersatzforderungen, Anwaltskosten. Wie hoch diese Ausgaben sein werden, lässt sich derzeit nur grob schätzen. Die Landesbank Baden-Württemberg rechnet derzeit mit einem Schaden von 47 Milliarden Euro für den Konzern. Ein möglicher Imageverlust und damit verbunden ein Rückgang der Autoverkäufe ist dabei noch nicht eingerechnet. Allerdings werden die Kosten wohl nicht auf einmal anfallen, sondern sich über Jahre verteilen.

Wie viel Geld hat VW auf der hohen Kante?

Vergleichsweise viel. VW hat sich in den vergangenen Jahren ein stattliches Kapitalpolster zugelegt. Zur Jahresmitte hatte der Konzern rund 18 Milliarden Euro Bargeld auf dem Konto. Das ist mehr als ganze Dax-Konzerne wie Adidas oder Lufthansa einzeln an der Börse wert sind. „Über den Daumen gepeilt kann VW davon die Hälfte verwenden, um mögliche Kosten zu begleichen“, sagt Nord-LB-Analyst Frank Schwope. Dazu kommen bei VW noch schnell veräußerbare Wertpapiere über 15 Milliarden Euro und Schätzungen zufolge mindestens 5 Milliarden Euro aus dem Verkauf der Beteiligungen am ehemaligen Partner Suzuki und an einer niederländischen Leasingfirma.

Könnte VW durch den Abgasskandal pleitegehen?

Das ist sehr unwahrscheinlich. VW könnte sich über Anleihen und Kredite Geld leihen, auch wenn einige Ratingagenturen ihre Bewertungen der Kreditwürdigkeit des Konzerns zuletzt angepasst hatten. Wenn es irgendwann hart auf hart käme, könnte Volkswagen immer noch sein Tafelsilber verkaufen. Am einfachsten ließen sich wohl die Luxusmarken Bentley, Bugatti und Lamborghini aus dem Konzern herausnehmen. Nord-LB-Analyst Schwope schätzt den möglichen Verkaufserlös für die drei Marken und den Motorradhersteller Ducati auf 5 bis 10 Milliarden Euro. Durch einen Verkauf der Lastwagenbauer MAN und Scania ließen sich nach seinen Berechnungen sogar 30 bis 35 Milliarden Euro erzielen. Das wertvollste Juwel in der Sammlung, den Sportwagenbauer Porsche, dürften die VW-Anteilseigner kaum abgeben wollen.

Könnte sich Volkswagen über eine Kapitalerhöhung Geld besorgen?

Nur begrenzt. Eine Kapitalerhöhung - also die Ausgabe neuer Aktien - ist bei VW nicht so leicht wie in anderen Konzernen. Damit die Familien Porsche und Piëch sowie das Land Niedersachsen als Anteilseigner ihre Macht im Konzern nicht verlieren, darf sich deren jeweiliger Anteil an den Stammaktien nicht stark verringern. Vor allem Niedersachsen dürfte aber derzeit kaum ein Interesse daran haben, weitere Stammaktien zu kaufen und Geld in den VW-Konzern zu stecken. VW könnte deshalb wohl höchstens neue Vorzugsaktien ausgeben, das sind Aktien ohne Stimmrecht auf der Hauptversammlung des Konzerns. Laut Aktiengesetz darf die Zahl dieser Vorzugsaktien die Zahl der Stammaktien allerdings nicht übersteigen. VW könnte deshalb höchstens rund 114 Millionen neue Aktien ausgeben und damit auf Basis derzeitiger Kurse rund 11 Milliarden Euro einsammeln.

An welchen Stellen kann VW für die Bewältigung der Krise sparen?

In der Regel setzen Sparmaßnahmen bei großen Konzernen zuerst bei den Mitarbeitern an: Weniger Gehalt, Einstellungsstopps, bis hin zu Stellenstreichungen und Entlassungen. Bei Volkswagen wäre das allerdings nicht so einfach. Die Arbeitnehmervertreter haben in Wolfsburg deutlich mehr Macht als in anderen Konzernen. Einfacher wäre die Kürzung geplanter Investitionen. Hier hatte Volkswagen angepeilt, bis 2019 eine Summe von mehr als 100 Milliarden Euro in Standorte, Modelle und Technologien zu stecken. Laut Experte Schwope könnte VW hier den Rotstift ansetzen und so 2 Milliarden Euro jährlich sparen, vor allem bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Nur: Dann besteht die Gefahr, von der Konkurrenz abgehängt zu werden. Der Zeitpunkt wäre denkbar ungünstig - die Autoindustrie steht durch Digitalisierung und Elektroantriebe vor einem Umbruch.

Praktisch unersetzlich ist Platin in Dieselmotoren, da diese wegen ihrer Verbrennungstemperaturen einen besonders „edlen“ Katalysator brauchen. Als einziger Ersatzstoff käme hier Palladium in Betracht. Doch in einem Dieselmotor wäre zwei bis drei Mal so viel Palladium wie Platin notwendig. Aus diesem Grund wird Palladium fast nur für Benzinmotoren mit höherer Temperatur verwendet.
In Europa waren im vergangenen Jahr mehr als die Hälfte der zugelassenen Autos Dieselfahrzeuge. Kein Wunder also, dass die Abgaskrise auf den Preis von Platin durchschlägt. Laut Statista waren die beliebtesten Marken für Dieselautos neben Volkswagen die Marken BMW und Audi.

Der VW-Abgasskandal trifft entsprechend stark die Platinproduzenten in Südafrika, dem größten Förderland der Welt. Lange hatten sie darauf gehofft, dass die in Europa beliebten Dieselfahrzeuge sich mittelfristig auch in Asien und den USA durchsetzen werden. Diese Hoffnung scheint nun erst einmal dahin. Dabei war der Platingehalt in den Katalysatoren bislang wegen der angeblich höheren Effizienz zuletzt immer weiter gesunken. Pro Katalysator werden etwa sechs Gramm Platin benötigt. Immerhin blieben alle Substitutionsbemühungen bislang erfolglos.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×