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08.03.2016

10:39 Uhr

RWE bricht Gewinn weg

Dem Energieriesen geht die Kraft aus

VonJürgen Flauger

RWE-Chef Peter Terium arbeitet mit Hochdruck an der Aufspaltung des Energiekonzerns. Die Bilanz 2015 zeigt, wie sehr die Zeit drängt. In der Stromproduktion brechen die Gewinne weg.

45 Prozent weniger Gewinn in der konventionellen Stromproduktion. Reuters

RWE-Kohlekraftwerk Neurath

45 Prozent weniger Gewinn in der konventionellen Stromproduktion.

Düsseldorf/EssenJahrelang hat RWE gezögert, jetzt muss alles ganz schnell gehen. Anfang Dezember gab Konzernchef Peter Terium die spektakuläre Aufspaltung des Energiekonzerns bekannt. Zum 1. April soll die neue Tochter, die erneuerbare Energien, Netze und Vertrieb bündelt, formal an den Start gehen. Für Ende des Jahres ist der Börsengang geplant.

Die Bilanz für 2015, die Terium am Dienstag präsentiert, zeigt, dass der Konzern auch keine Zeit zu verlieren hat. In der konventionellen Stromproduktion, also den Gas-, Kohle- und Atomkraftwerken brechen die Gewinne weg. 2015 sank das Vertriebsergebnis in der Sparte um weitere 45 Prozent auf 540 Millionen Euro. RWE musste gut zwei Milliarden Euro auf die Kraftwerke abschrieben. Hinzu kommen Probleme im britischen Geschäft.

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Der RWE-Aufsichtsrat besiegelt die Nulldividende. Städte wie Dortmund und Essen müssen auf Millionen verzichten. Jetzt sinnen die kommunalen Aktionäre des Energieriesen auf Revanche: RWE-Chef Terium droht ein Denkzettel.

Die Tochter N-Power fuhr einen Betriebsverlust von 137 Millionen Euro. Das mit Kundenschwund und Abrechnungsproblemen kämpfende Unternehmen werde auch 2016 noch für Belastungen sorgen. Terium leitet daher einen massiven Stellenabbau ein: Rund 2400 Jobs würden gestrichen, teilte N-Power mit. Davon seien weniger als die Hälfte eigene Mitarbeiter, der Rest Zeitarbeiter. Rund 351.000 Verbraucher kehrten N-Power 2015 den Rücken. Mit 5,2 Millionen Kunden ist Großbritannien für RWE der zweitwichtigste Markt nach Deutschland.

RWE bekräftigte, dass der Versorger im laufenden Jahr einen weiteren Gewinnrückgang erwarte. „Unsere Ergebnisprognose zeigt, dass die Talsohle noch nicht durchschritten ist“, sagte Vorstandschef Terium. Es sei noch kein Silberstreif am Horizont erkennbar, so Terium. Das betriebliche Ergebnis werde 2016 auf 2,8 bis 3,1 Milliarden Euro nach 3,8 Milliarden Euro 2015 fallen. Die Aktien des Versorgers schwankten am Dienstag zwischen einem Abschlag von knapp drei Prozent und einem Plus von 2,2 Prozent.

RWE hatte schon vor drei Wochen den Markt mit ersten Zahlen zur Jahresbilanz überrascht. Der Konzern teilte mit, dass er den Wert der Kraftwerke um weitere 2,1 Milliarden Euro abwerten müsse. Dadurch rutschte der Energiekonzern in die roten Zahlen und verbuchte einen Nettoverlust von 170 Millionen Euro nach einem Gewinn von 1,7 Milliarden Euro 2014. Deutschlands größter Stromproduzent leidet unter dem Boom der erneuerbaren Energien, die die großen Kohle- und Gaskraftwerke zunehmend aus dem Markt drängen.

Das sind die größten Baustellen von RWE

RWE will durch eine Aufspaltung aus der Krise kommen

Der Energiekonzern RWE steckt in einer der schwersten Krisen seiner 117-jährigen Unternehmensgeschichte. Vorstandschef Peter Terium will den Versorger durch eine Aufspaltung des Ökostromgeschäftes sowie der Stromnetzen und des Vertriebs neu aufstellen. Zehn Prozent der neuen Gesellschaft sollen Ende 2016 an die Börse gebracht und neue Gesellschafter gewonnen werden. Der Mutterkonzern soll derweil Mehrheitseigner bleiben und sich künftig auf die konventionelle Stromerzeugung und den Energiehandel konzentrieren. Was sind die größten Baustellen von RWE?

Der Gewinneinbruch setzt sich fort

RWE brechen wegen der fallenden Strom-Großhandelspreise die Gewinne weg. Die Kohle-, Gas- und Atomkraftwerke, die früher die Kasse füllten, werden Konzernangaben zufolge womöglich bald nur noch ein ausgeglichenes Ergebnis erzielen. Im laufenden Jahr rechnet der Versorger insgesamt mit einem weiteren Schwund des operativen Ergebnisses (Ebitda) auf 6,1 bis 6,4 Milliarden Euro von 7,1 Milliarden im Jahr zuvor. 2009 waren es noch 9,1 Milliarden. 2013 hatte RWE nach hohen Abschreibungen auf seine Kraftwerke einen Nettoverlust von 2,8 Milliarden Euro verbucht.

Der Aktienkurs und der Börsenwert dümpeln im Tief

Der Aktienkurs befindet sich seit Jahren im Sinkflug. Er liegt bei rund elf Euro. Ende 2007 notierte das Papier bei fast 100 Euro. RWE ist an der Börse noch rund 6,6 Milliarden Euro Milliarden Euro wert. Im August waren es noch elf Milliarden. Der Konkurrent Eon kommt auf das Dreifache des aktuellen Marktwertes.

Hohe Schulden und die Lasten für die Zukunft

RWE drücken Schulden von 25,6 Milliarden Euro. Durch den Verkauf der Öl- und Gastochter Dea für mehr als fünf Milliarden Euro hatte der Versorger seine Schulden etwas reduziert. Auf den Konzern kommen aber durch den Atomausstieg und die Beseitigung der Braunkohletagebauschäden hohe Kosten zu. RWE will auch deshalb seine Kosten senken – bis 2017 um zwei Milliarden Euro.

Die Dividende schmilzt dahin

Die Aktionäre müssen sich auf einen weiteren Rückgang der Dividende gefasst machen. Gab es für das Geschäftsjahr 2008 noch 4,50 Euro, war es zuletzt ein Euro je Aktie. Vielen Kommunen, die knapp 24 Prozent an RWE halten, entgehen früher als sicher eingeschätzte Haushaltseinnahmen. Großaktionär ist der Finanzinvestor Blackrock mit gut fünf Prozent.

Die starke Abhängigkeit von der Kohle

RWE hat die Energiewende verschlafen und insbesondere unter Ex-Chef Jürgen Großmann lange auf Kohle und Atom gesetzt. 2014 erzeugte RWE die Hälfte seines Stroms aus Stein- und Braunkohle. Der Ökostromanteil lag bei knapp fünf Prozent. Die Ökosparte Innogy soll nach vielen Rückschlägen 2015 ihren Gewinn erhöhen.

Der Jobabbau geht weiter

Entlassungen von Beschäftigten dürften weitergehen. RWE hat derzeit knapp 59.000 Mitarbeiter nach früher über 70.000. In der Kraftwerkssparte droht der Wegfall von rund 1000 Jobs – betriebsbedingte Kündigungen sind nicht mehr ausgeschlossen.

Aktuell kostet eine Megawattstunde Strom im Terminhandel der Leipziger Energiebörse EEX kaum mehr als 20 Euro. Das ist mehr als 30 Euro weniger als noch vor drei Jahre und weit unter den Preisen, bei denen sich Gas-, Steinkohle- und zunehmend auch Braunkohle- und Atomkraftwerke rentieren. Terium bangt daher um die Braunkohlekraftwerke des Konzerns. Die Lage bleibe dramatisch, sagte der Manager auf der Bilanzpressekonferenz laut Redetext.

„Eine rasche Erholung der Großhandelspreise für Strom ist jedenfalls nicht in Sicht.“ Zwar würden die Braunkohlekraftwerke noch Jahrzehnte für die Sicherung der Stromerzeugung benötigt. „Bei einem Börsenpreis von rund 20 Euro je Megawattstunde kann die Braunkohle wirtschaftlich nicht überleben.“ Weil die Strompreise aber für 2018 und 2019 nicht höher gehandelt werden, ist auch keine Besserung in Sicht. Im Gegenteil: RWE ist ein Sanierungsfall.

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