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26.02.2016

15:07 Uhr

RWE

Milliarden-Streit um Kraftwerk könnte Jahre dauern

Der milliardenschwere Schadenersatzprozess um Verzögerungen beim Bau eines RWE-Braunkohlekraftwerks könnte sich über Jahre hinziehen. Einige Details können nur mit zahlreichen Zeugen und Sachverständigen geklärt werden.

Vor dem Landgericht geht es um Verzögerungen beim Bau des Kraftwerks in Grevenbroich-Neurath, bei dem es auch zu einem schweren Umfall mit drei Toten gekommen war. dpa

RWE-Tower

Vor dem Landgericht geht es um Verzögerungen beim Bau des Kraftwerks in Grevenbroich-Neurath, bei dem es auch zu einem schweren Umfall mit drei Toten gekommen war.

MönchengladbachDer milliardenschwere Schadenersatzprozess um Verzögerungen beim Bau eines Braunkohlekraftwerks von RWE könnte sich über Jahre hinziehen. Angesichts der zahlreichen strittigen Fragen zwischen dem Versorger und dem am Bau beteiligten Konsortium habe "der Prozess das Potenzial, dass ich meine Pensionierung erreiche", sagte die 49-jährige Richterin Almut Oudijk am Freitag vor dem Landgericht in Mönchengladbach. Allein strittige Einzelposten mit einem Volumen von sieben Millionen Euro könnten voraussichtlich nur mit zahlreichen Zeugen und Sachverständigen geklärt werden - dies könnte sehr lange dauern, fügte sie hinzu. Die Kammer schlage hier deshalb einen Teilvergleich vor.

Die übrigen Fragen eines ersten Streitkomplexes mit einem Gesamtstreitwert von 295 Millionen Euro blieben strittig – ebenso wie Forderungen von RWE in einer Höhe von rund 1,4 Milliarden Euro gegen das Konsortium. Zur Nachvollziehbarkeit der Höhe der Forderung äußerte sich das Gericht noch nicht. Es sei zu erwarten, dass sich der Streit über mehrere Instanzen ziehen werde, sagte die Richterin.

Vor dem Landgericht geht es um Verzögerungen beim Bau des Kraftwerks in Grevenbroich-Neurath, bei dem es auch zu einem schweren Umfall mit drei Toten gekommen war. RWE hat gegen eine Gruppe um die in Duisburg ansässige Hitachi Power Europe geklagt. RWE wirft dieser vor, den Bau rund 55 Monate später als vereinbart beendet zu haben. "Hier wurde zu langsam gearbeitet", sagte einer der RWE-Anwälte. Das Konsortium sieht das anders.

Das sind die größten Baustellen von RWE

RWE will durch eine Aufspaltung aus der Krise kommen

Der Energiekonzern RWE steckt in einer der schwersten Krisen seiner 117-jährigen Unternehmensgeschichte. Vorstandschef Peter Terium will den Versorger durch eine Aufspaltung des Ökostromgeschäftes sowie der Stromnetzen und des Vertriebs neu aufstellen. Zehn Prozent der neuen Gesellschaft sollen Ende 2016 an die Börse gebracht und neue Gesellschafter gewonnen werden. Der Mutterkonzern soll derweil Mehrheitseigner bleiben und sich künftig auf die konventionelle Stromerzeugung und den Energiehandel konzentrieren. Was sind die größten Baustellen von RWE?

Der Gewinneinbruch setzt sich fort

RWE brechen wegen der fallenden Strom-Großhandelspreise die Gewinne weg. Die Kohle-, Gas- und Atomkraftwerke, die früher die Kasse füllten, werden Konzernangaben zufolge womöglich bald nur noch ein ausgeglichenes Ergebnis erzielen. Im laufenden Jahr rechnet der Versorger insgesamt mit einem weiteren Schwund des operativen Ergebnisses (Ebitda) auf 6,1 bis 6,4 Milliarden Euro von 7,1 Milliarden im Jahr zuvor. 2009 waren es noch 9,1 Milliarden. 2013 hatte RWE nach hohen Abschreibungen auf seine Kraftwerke einen Nettoverlust von 2,8 Milliarden Euro verbucht.

Der Aktienkurs und der Börsenwert dümpeln im Tief

Der Aktienkurs befindet sich seit Jahren im Sinkflug. Er liegt bei rund elf Euro. Ende 2007 notierte das Papier bei fast 100 Euro. RWE ist an der Börse noch rund 6,6 Milliarden Euro Milliarden Euro wert. Im August waren es noch elf Milliarden. Der Konkurrent Eon kommt auf das Dreifache des aktuellen Marktwertes.

Hohe Schulden und die Lasten für die Zukunft

RWE drücken Schulden von 25,6 Milliarden Euro. Durch den Verkauf der Öl- und Gastochter Dea für mehr als fünf Milliarden Euro hatte der Versorger seine Schulden etwas reduziert. Auf den Konzern kommen aber durch den Atomausstieg und die Beseitigung der Braunkohletagebauschäden hohe Kosten zu. RWE will auch deshalb seine Kosten senken – bis 2017 um zwei Milliarden Euro.

Die Dividende schmilzt dahin

Die Aktionäre müssen sich auf einen weiteren Rückgang der Dividende gefasst machen. Gab es für das Geschäftsjahr 2008 noch 4,50 Euro, war es zuletzt ein Euro je Aktie. Vielen Kommunen, die knapp 24 Prozent an RWE halten, entgehen früher als sicher eingeschätzte Haushaltseinnahmen. Großaktionär ist der Finanzinvestor Blackrock mit gut fünf Prozent.

Die starke Abhängigkeit von der Kohle

RWE hat die Energiewende verschlafen und insbesondere unter Ex-Chef Jürgen Großmann lange auf Kohle und Atom gesetzt. 2014 erzeugte RWE die Hälfte seines Stroms aus Stein- und Braunkohle. Der Ökostromanteil lag bei knapp fünf Prozent. Die Ökosparte Innogy soll nach vielen Rückschlägen 2015 ihren Gewinn erhöhen.

Der Jobabbau geht weiter

Entlassungen von Beschäftigten dürften weitergehen. RWE hat derzeit knapp 59.000 Mitarbeiter nach früher über 70.000. In der Kraftwerkssparte droht der Wegfall von rund 1000 Jobs – betriebsbedingte Kündigungen sind nicht mehr ausgeschlossen.

Beim Bau des Kraftwerkskessels war im Oktober 2007 ein 450 Tonnen schweres Gerüst eingestürzt. Drei Arbeiter starben, die Staatsanwaltschaft Mönchengladbach ermittelte danach und ließ auch Gutachten anfertigen. Auf diese will das Gericht nun zurückgreifen, die Anwälte der Verfahrensbeteiligten müssen dazu noch Stellung nehmen.

Das Konsortium sieht den Grund für Verzögerungen anders als RWE vor allem in dem Unfall und macht seinerseits Vergütungsansprüche gegen RWE geltend. Zu dem Konsortium gehörte neben Hitachi Power Europe und der japanischen Mutter Hitachi die inzwischen von GE übernommene Alstom Power Systems aus Mannheim. Für das Gericht sei in dem Verfahren die Frage der Vorhersehbarkeit und Vermeidbarkeit des Unfalls zentral, sagte die Richterin: "Ohne eine Klärung dieser Frage kommen wir nicht weiter."

RWE hatte das Kraftwerk im August 2012 in Betrieb genommen. Mit Kosten von 2,6 Milliarden Euro gehört es zu den größten Investitionen des Konzerns.

Von

rtr

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