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17.02.2016

15:09 Uhr

RWE streicht Dividende

Kommunen sauer auf Terium – „eine Unverschämtheit“

Die Kämmerer der Kommunen im Ruhrgebiet poltern, weil RWE die Dividende fast komplett streichen will. An der Börse bricht der Kurs des Energiekonzerns ein. Wie will Vorstandschef Terium das Vertrauen wieder herstellen?

Der Energiekonzern schockiert mit der Streichung der Dividende die kommunalen Aktionäre. dpa

RWE-Chef Peter Terium

Der Energiekonzern schockiert mit der Streichung der Dividende die kommunalen Aktionäre.

EssenEssens Kämmerer Lars Martin Klieve fiel am Mittwochmorgen aus allen Wolken. „Keine Dividende - das ist mir völlig neu“, sagte er. Sein Kollege Guntram Pehlke, Stadtwerke-Chef in Dortmund und als solcher ebenfalls RWE-Großaktionär, schimpfte: „Unverschämtheit, das hätte man nicht entscheiden dürfen, ohne den Aufsichtsrat einzubinden.“ Das Kontrollgremium tagt erst in gut zwei Wochen.

RWE-Chef Peter Terium hat mit seinem neuen Sparvorschlag - einer fast kompletten Dividendenkappung plus weiteren Milliarden-Abschreibungen - viele Anteilseigner überrascht und geschockt. Der Kurs der Aktie fiel bis zum Mittag um mehr als 12 Prozent.

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Erst 2, dann 1, jetzt 0 Euro: RWE streicht fast allen Anlegern die Dividende – und verschreckt damit die kommunalen Aktionäre. Ein erster Kämmerer warnt den Energiekonzern. Der Streit könnte schnell eskalieren.

Viele Kommunen, mit fast einem Viertel wichtigste RWE-Eigentümer, sind sauer. Sie müssen insgesamt auf rund 150 Millionen Euro Dividende verzichten, wie die „Rheinische Post“ vorrechnet – und sie fühlen sich an den Entscheidungsabläufen in „ihrer“ RWE immer weniger beteiligt.

„Wir werden den Vorschlag so nicht hinnehmen und alle Möglichkeiten nutzen, um eine Veränderung herbeizuführen“, erklärte der Stadtkämmerer von Mülheim an der Ruhr, Uwe Bonan. Die Null-Dividende für die Stammaktien sei eine böse Überraschung, die ihn an einen Aprilscherz erinnert habe. Mit einem „maßvollen Rückgang“ habe er gerechnet. „Für den jetzigen Vorschlag des Vorstands habe ich kein Verständnis.“ Der Vorschlag zeuge von mangelndem Vertrauen des RWE-Vorstands in die Zukunftsfähigkeit des eigenen Unternehmens.

Im Besitz von Mülheim an der Ruhr sind 9,8 Millionen Aktien. Nach dem Dividendenvorschlag des RWE-Vorstandes würde die Stadt nach eigenen Angaben nur noch rund 120.000 Euro aus den etwa 930.000 Vorzugsaktien erhalten. Mülheim habe mit einer Kürzung der Dividende auf 75 Cent gerechnet, so dass ihr nun rund 7,2 Millionen Euro fehlten. Dieser Betrag könne nicht ausgeglichen werden. Das geplante Defizit rund 67,5 Millionen Euro und die Verschuldung würden daher weiter ansteigen.

Das sind die größten Baustellen von RWE

RWE will durch eine Aufspaltung aus der Krise kommen

Der Energiekonzern RWE steckt in einer der schwersten Krisen seiner 117-jährigen Unternehmensgeschichte. Vorstandschef Peter Terium will den Versorger durch eine Aufspaltung des Ökostromgeschäftes sowie der Stromnetzen und des Vertriebs neu aufstellen. Zehn Prozent der neuen Gesellschaft sollen Ende 2016 an die Börse gebracht und neue Gesellschafter gewonnen werden. Der Mutterkonzern soll derweil Mehrheitseigner bleiben und sich künftig auf die konventionelle Stromerzeugung und den Energiehandel konzentrieren. Was sind die größten Baustellen von RWE?

Der Gewinneinbruch setzt sich fort

RWE brechen wegen der fallenden Strom-Großhandelspreise die Gewinne weg. Die Kohle-, Gas- und Atomkraftwerke, die früher die Kasse füllten, werden Konzernangaben zufolge womöglich bald nur noch ein ausgeglichenes Ergebnis erzielen. Im laufenden Jahr rechnet der Versorger insgesamt mit einem weiteren Schwund des operativen Ergebnisses (Ebitda) auf 6,1 bis 6,4 Milliarden Euro von 7,1 Milliarden im Jahr zuvor. 2009 waren es noch 9,1 Milliarden. 2013 hatte RWE nach hohen Abschreibungen auf seine Kraftwerke einen Nettoverlust von 2,8 Milliarden Euro verbucht.

Der Aktienkurs und der Börsenwert dümpeln im Tief

Der Aktienkurs befindet sich seit Jahren im Sinkflug. Er liegt bei rund elf Euro. Ende 2007 notierte das Papier bei fast 100 Euro. RWE ist an der Börse noch rund 6,6 Milliarden Euro Milliarden Euro wert. Im August waren es noch elf Milliarden. Der Konkurrent Eon kommt auf das Dreifache des aktuellen Marktwertes.

Hohe Schulden und die Lasten für die Zukunft

RWE drücken Schulden von 25,6 Milliarden Euro. Durch den Verkauf der Öl- und Gastochter Dea für mehr als fünf Milliarden Euro hatte der Versorger seine Schulden etwas reduziert. Auf den Konzern kommen aber durch den Atomausstieg und die Beseitigung der Braunkohletagebauschäden hohe Kosten zu. RWE will auch deshalb seine Kosten senken – bis 2017 um zwei Milliarden Euro.

Die Dividende schmilzt dahin

Die Aktionäre müssen sich auf einen weiteren Rückgang der Dividende gefasst machen. Gab es für das Geschäftsjahr 2008 noch 4,50 Euro, war es zuletzt ein Euro je Aktie. Vielen Kommunen, die knapp 24 Prozent an RWE halten, entgehen früher als sicher eingeschätzte Haushaltseinnahmen. Großaktionär ist der Finanzinvestor Blackrock mit gut fünf Prozent.

Die starke Abhängigkeit von der Kohle

RWE hat die Energiewende verschlafen und insbesondere unter Ex-Chef Jürgen Großmann lange auf Kohle und Atom gesetzt. 2014 erzeugte RWE die Hälfte seines Stroms aus Stein- und Braunkohle. Der Ökostromanteil lag bei knapp fünf Prozent. Die Ökosparte Innogy soll nach vielen Rückschlägen 2015 ihren Gewinn erhöhen.

Der Jobabbau geht weiter

Entlassungen von Beschäftigten dürften weitergehen. RWE hat derzeit knapp 59.000 Mitarbeiter nach früher über 70.000. In der Kraftwerkssparte droht der Wegfall von rund 1000 Jobs – betriebsbedingte Kündigungen sind nicht mehr ausgeschlossen.

Schon bei der Personalie des künftigen Aufsichtsratschefs hatten die Kommunalvertreter 2015 ihren Kandidaten, Ex-Bundeswirtschaftsminister Werner Müller, nicht durchsetzen können. Dass Ende Januar dann der hoch geachtete RWE-Deutschland-Chef Arndt Neuhaus das Unternehmen verlassen musste, sorgte für weiteren Ärger.

Neuhaus galt als Vertrauter der Kommunen. Und aktuell erregt sie Teriums Plan, im Aufsichtsrat der „neuen“ RWE, die im April gegründet werden soll, gar keine kommunalen Vertreter zuzulassen.

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