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28.09.2014

17:34 Uhr

RWE -Tochter

Briten wollen Dea-Verkauf nach Russland verhindern

RWE muss sich auf Gegenwind einstellen: Großbritannien könnte sich gegen eine Verkauf der Ölbohrtochter Dea an einen russischen Oligarchen aussprechen. Dabei hat die Bundesregierung dem Deal schon zugestimmt.

Dea betreibt mehrere Ölbohr-Plattformen - unter anderem vor der Küste von England. dpa

Dea betreibt mehrere Ölbohr-Plattformen - unter anderem vor der Küste von England.

FrankfurtDer milliardenschwere Verkauf der RWE -Tochter Dea steht vor einer neuen Hürde. Für einen Abschluss der Veräußerung der Öl- und Gasfördertochter an eine Investorengruppe um den russischen Oligarchen Michail Fridman stünden noch verschiedene Zustimmungen aus, teilte RWE am Sonntag mit. So sei vereinbart worden, dass für einen Vollzug ein sogenannter "Comfort Letter" des britischen Energieministeriums vorliegen müsse. Derzeit sei aber unsicher, ob dieser erteilt werde und der Deal damit grünes Licht aus dem Vereinigtem Königreich erhalte. RWE gehe nicht davon aus, dass der Verkauf damit auf der Kippe stehe, "da beide Partner weiterhin gewillt sind, die Transaktion abzuschließen", erklärte eine Konzernsprecherin. Für den hoch verschuldeten Versorger ist die rund fünf Milliarden Euro schwere Transaktion von großer Bedeutung.

Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" hatte ohne Angaben von Quellen berichtet, dass Großbritannien, vor dessen Küste Dea diverse Gasquellen ausbeutet, Vorbehalte gegen die Veräußerung an die Investorengruppe um den russischen Oligarchen habe. Es könnte zu einem Entzug der Lizenzen kommen. Die britische Regierung habe sich dazu nicht äußern wollen. Bei RWE werden dem Bericht zufolge bereits Krisenszenarien besprochen, auch der Aufsichtsrat sei über drohende Verzögerungen informiert worden. Beim britischen Energieministerium war zunächst keine Stellungnahme erhältlich.

Wen die Russland-Sanktionen treffen

Ukraine

Das politisch wie wirtschaftlich größte Problem bei Russland-Sanktionen ist, dass auch die Ukraine unter den Folgen leiden wird. In einer Umfragen des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft nannten im Juni 21 Prozent der befragten Unternehmen die Ukraine als das Land, das nach Russland (37 Prozent) und Deutschland (33 Prozent) am stärksten unter Sanktionen zu leiden haben wird. Der Grund ist zum einen die enge wirtschaftliche Verflechtung der ehemaligen Sowjetrepublik mit Russland, die jeden Konjunktureinbruch dort auch für das Nachbarland zum Problem macht. Zum anderen bestraft Russland den Westkurs der Ukraine wie auch den Moldawiens mit Gegensanktionen wie einem Embargo gegen Milch und Fleisch. Bei einer Eskalation könnte auch der Gashahn zugedreht werden.

Balkan

„Auch die ganze Balkan-Region wird unter einem neuen Wirtschaftskrieg leiden“, meint der Balkan-Experte Duan Reljic von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Verantwortlich macht er hierfür die traditionell engen Beziehungen von Ländern wie Serbien mit Russland, vor allem aber das starke Interesse der ganzen Region an russischem Gas. Interessiert ist man auch am Bau der von Russland vorangetriebenen South-Stream-Pipeline durch die Region, die die EU-Kommission nun im Zuge der Abkühlung der EU-Russland-Beziehungen rechtlich überprüfen lässt. „Fast jedes Land der Region hat sich Hoffnung auf einen dreistelligen Millionenbetrag an Durchleitungsgebühren pro Jahr gemacht - die drohen nun wegzufallen“, meint Reljic. Finanzexperten weisen zudem darauf hin, dass öffentliche EU-Banken auch mit Töchtern russischer Institute in der Region keine Geschäfte mehr machen können, wenn deren Chefs auf einer Sanktionsliste der USA und der EU stehen - die ständig ausgeweitet werden.

EU-Mitglieder Bulgarien und Zypern

Innerhalb der EU gelten die Länder als anfällig, die teilweise zu 100 Prozent von russischem Gas abhängig sind und einen Lieferboykott befürchten müssen. Besonders betroffen sind zudem die stark nach Russland ausgerichteten EU-Staaten Zypern und Bulgarien. Am Finanzplatz Zypern etwa ist so viel russisches Geld angelegt, dass der Inselstaat von einem Abzug des Kapitals in Folge von EU-Finanzsanktionen stark getroffen werden könnte.

Zentralasien

Mit sehr gemischten Gefühlen schauen die Länder in Zentralasien auf die Entwicklung in der Ukraine. „Die kasachischen Banken würden wegen der engen Beziehungen sofort in Schieflage geraten, wenn ihre russischen Partner wackeln“, meint Beate Eschment, Redakteurin bei den Zentralasien-Analysen in Berlin. „In der Hauptstadt Astana ist man derzeit zudem ausgesprochen nervös, weil die Ukraine zeigt, was passieren kann, wenn man sich russischen Wünschen widersetzt.“ Eschment verweist darauf, dass auch im Norden der öl- und gasreichen ehemaligen sowjetischen Republik viele Russen leben und Russland nach wie vor Militärbasen in dem Land unterhält. Seit 2010 ist Kasachstan Mitglied in der Zollunion mit Russland. Anfang 2015 soll das bereits unterzeichnete Abkommen für eine eurasische Union in Kraft treten, das beide Länder noch enger aneinander schweißt - für gute wie schlechte Zeiten.

Allerdings hält man in der deutschen Wirtschaft durchaus auch einen umgekehrten Effekt für möglich: Als Mitglied der Zollunion könnte das Land sogar von harten Sanktionen gegen Russland profitieren - weil dann Geschäfte für den russischen Markt über Kasachstan abgewickelt werden müssten.

Afghanistan

Russlands Präsident Wladimir Putin sagte am Wochenende drohend, die EU demonstriere mit Sanktionen, dass sie offenbar kein Interesse mehr an einer Sicherheitspartnerschaft mit Russland habe. Diese beinhaltet aber etwa die Versorgung der Nato-Soldaten in Afghanistan über den russischen Luftraum und die russische Eisenbahn. Auch der geplante schrittweise Abzug der Truppen läuft über Russland und nicht das wesentlich gefährlichere Pakistan. Das könnte sich ändern - mit unklaren Auswirkungen auf das ohnehin instabile Krisenland Afghanistan.

China

China, darin sind sich alle Experten einig, gehört dagegen zu den Gewinnern einer Eskalation zwischen dem Westen und Russland. Die deutsche Industrie warnt, dass ihnen nun chinesische Konkurrenten in Russland die Aufträge wegschnappen. Und Russlands mühsame Suche nach neuen Partnern beschert China günstige Preise für die kommenden Gaslieferungen vom Nachbarn. „China profitiert von der Isolation Russlands und kann gegen ein geschwächtes Russland die eigenen Interessen besser durchsetzen“, meint der China-Experte des Mercators Institutes for China Studies (Merics), Moritz Rudolph.

Die Bundesregierung hatte RWE trotz der Ukraine-Krise bereits im August grünes Licht für den umstrittenen Verkauf gegeben. Vorstandschef Peter Terium will den Deal bis Ende des Jahres über die Bühne bringen. Dea ist in über einem Dutzend Länder aktiv, darunter neben Deutschland in Großbritannien, Norwegen, Dänemark und Ägypten. Dea produzierte 2013 in Großbritannien 505 Millionen Kubikmeter Gas von insgesamt 2625 Millionen Kubikmetern. Beim Erdöl waren es 43 Millionen von 2316 Millionen Kubikmetern.

Die Prüfung durch die Bundesregierung galt als größte politische Hürde. Die EU-Kommission hatte den Verkauf von Dea im Juli aus wettbewerbsrechtlicher Sicht genehmigt. Die im Frühjahr bekanntgewordenen Pläne sind wegen der Rolle Russlands in der Ukraine-Krise politisch umstritten. So hatte Grünen-Chef Cem Özdemir kritisiert, Fridman bekomme damit Zugriff auf strategische Erdgas- und Ölvorräte. Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Norbert Röttgen (CDU), hatte moniert, das Geschäft passe "jetzt nicht in die Landschaft".

Von

rtr

Kommentare (4)

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Herr Teito Klein

29.09.2014, 08:43 Uhr

Dea soll an russischen Oligarchen verkauft werden
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RWE muss sich auf Gegenwind einstellen: Großbritannien könnte sich gegen eine Verkauf der Ölbohrtochter Dea an einen russischen Oligarchen aussprechen. Dabei hat die Bundesregierung dem Deal schon zugestimmt.

Und damit an Warlord Putin.
Putin hatte auch schon den Ölkonzern Yukos zerschlagen und dann an Rosneft "verkauft.
Jetzt will er auch den Ölkonzern Bashneft wieder verstaatlichen. Auch hier ist der Strippenzieher Rosneft.

G. Nampf

29.09.2014, 11:27 Uhr

@ Teito Klein:

"Dabei hat die Bundesregierung dem Deal schon zugestimmt."

Nachdem 20% der Gasspeicher (=strategische Reserve) in russicher Oligarhenhand ist - mit Zustimmung der Politik - folgt jetzt die Öl-Sparte. Man muß sich langsam fragen, ob in der Politik überhaupt noch so etwas wie Verstand vorhanden ist. Oder ob man die Bundesregierung wegen Hochverrats anklagt [...].

Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr Martin Ivers

29.09.2014, 17:21 Uhr

Gut, dass das Grundgesetz die Möglichkeit der Enteignung vorsieht. Also dem Verkauf des fraglichen Teils zustimmen, und sollten die Russen auf die Idee kommen, Gas in den Grenzen Deutschlands zur politischen Erpressung zu nutzen, verstaatlichen, und zwar ohne Entschädigung.
Die Investoren aus der freien Welt werden Verständnis haben, dass dies eine außergewöhnliche Situation ist.

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