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10.12.2012

07:16 Uhr

Schienenkartell

Bahn und Thyssen-Krupp wussten von Absprachen

ExklusivWegen künstlich überhöhter Einkaufspreise für Schienen entstand der Deutschen Bahn ein Milliardenschaden. Der Staatskonzern wusste schon deutlich länger vom Kartell als bislang bekannt.

Überteuerte Preise: Die Deutsche Bahn und der Stahlhersteller Thyssen-Krupp wussten offenbar schon seit Jahren von den Preisabsprachen bei Schienen. dapd

Überteuerte Preise: Die Deutsche Bahn und der Stahlhersteller Thyssen-Krupp wussten offenbar schon seit Jahren von den Preisabsprachen bei Schienen.

DüsseldorfDie Deutsche Bahn und Thyssen-Krupp sind erheblich früher über die Absprachen auf dem Schienenmarkt informiert worden als bislang bekannt. Bereits im Jahr 2000 war die Bahn bei der Aufarbeitung eines Schmiergeldfalls auf das Kartell gestoßen und hatte dieses bei der Staatsanwaltschaft Frankfurt gemeldet, wie das Handelsblatt (Montagausgabe) unter Berufung auf interne Unterlagen des Staatskonzern berichtet.

Bislang hatten Bahn und Thyssen-Krupp beteuert, erst durch die Razzien des Kartellamts im letzten Jahr habe man Kenntnis von den Absprachen erhalten. Durch die späte Aufklärung wurde der Bund, der für Investitionen in das Schienennetz aufkommt, um rund eine Milliarde Euro geschädigt, wie sich aus internen Unterlagen der Firmen berechnen lässt. Die Bahn muss nun um Schadensersatzansprüche bangen.

Die Schattenseiten von Thyssen-Krupp

Umgang mit Geschäftspartnern

Thyssen-Krupp soll den Wettbewerber Salzgitter bei einer Gemeinschaftsfirma betrogen haben. Im Zentrum der Vorwürfe steht GfT Bautechnik, an der Salzgitter bis vor einem Jahr beteiligt war und die exklusiv die Spundwände der Niedersachsen vertrieben hatte. Bei einer Prüfung im Sommer 2011 sei Salzgitter aufgefallen, dass der Ruhrkonzern zu wenig Geld an die Niedersachsen für die Lieferung dieser Stahlprodukte überwiesen habe.

Umgang mit Geschäftspartnern (2)

Thyssen-Krupp muss sich wegen illegaler Preisabsprachen im Schienengeschäft auf eine Klage der Deutschen Bahn gefasst machen, allerdings wird auch weiter über eine außergerichtliche Einigung verhandelt. Thyssen-Krupp war Teil eines Karrtells, zu dem auch die österreichische Voestalpine und das Bahntechnikunternehmen Vossloh gehörten. Die Firmen sollen von 2001 bis 2008 und teilweise bis 2011 Preise – unter anderem zum Schaden der Bahn – abgesprochen haben.

Umgang mit Gewerkschaftern

Der Industriekonzern Thyssen-Krupp hat Gewerkschafter zu kostspieligen Reisen in der ersten Klasse eingeladen. Mehrfach flogen Vertreter des Arbeitnehmerflügels im Aufsichtsrat nach Asien und Amerika, aber auch zu exotischen Zielen. Die Reisen hatten zum Teil touristischen Charakter

Querelen im Vorstand

ThyssenKrupp-Vorstand Jürgen Claassen ließ im Zuge von Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Essen im Zusammenhang mit Luxusreisen Anfang Dezember 2012 sein Amt ruhen. Er wolle durch den Schritt „angesichts der derzeitigen öffentlichen Berichterstattung Schaden vom Unternehmen fernhalten“. Claassen war wegen luxuriöser Reisen in die USA unter Druck geraten, die er von seinem Arbeitgeber finanzieren ließ, obwohl sie nicht vornehmlich dienstlich veranlasst schienen.

Wenige Tage später griff Aufsichtsratschef Gerhard Cromme durch und setzte nicht nur Claassen vor die Tür. Auch zwei weitere Vorstände mussten gehen – insgesamt die Hälfte der Mitglieder des Top-Führungsgremiums.

Korruptionsvorwürfe

Die Staatsanwaltschaft Essen ermittelt gegen 14 Beschuldigte wegen des Verdachts auf Untreue. Im Zusammenhang mit einem Bauprojekt in Kasachstan soll es Schmiergeldzahlungen an eine Briefkasten-Firma im US-Bundesstaat Georgia gegeben haben. Die Ermittlungen gingen auf interne Ermittlungen von Thyssen-Krupp zurück.

Das Werk in Brasilien (1)

Als Thyssen-Krupp 2005 seine Pläne für die Expansion auf den Stahlmarkt in Südamerika und den USA präsentierte, klang alles sehr einfach. Mit günstig in Brasilien produziertem Qualitätsstahl wollte der Ruhrkonzern den US-Hüttenbetreibern Marktanteile abjagen. Dass deutsche und asiatische Autokonzerne zeitgleich im Süden der USA Produktionsstätten errichteten, machte die Strategie plausibel.

Problematisch war allerdings die Umsetzung. Die Stahlhütte vor den Toren der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro kostete nicht 1,3 Milliarden Euro, wie zunächst angekündigt. Die Investitionen summierten sich letztendlich auf mehr als fünf Milliarden Euro. Das Werk wurde weitaus teurer. Wegen Fehlplanungen muss die Kokerei umfangreich nachgebessert werden, auch bei anderen Teilen des Hüttenwerks gibt es Probleme.

Das Werk in Brasilien (2)

Im Werk der lokalen Thyssen-Krupp-Tochter CSA wurde mehrfach Graphitstaub in die Luft gewirbelt. Der sogenannte „Silberregen“ setzte sich in etwa zwei Kilometern Entfernung vom Stahlwerk im Nachbarort Santa Cruz auf Straßen und Häusern ab. Die Anwohner klagten über Atembeschwerden und Hautausschläge. Seit der Eröffnung des Werks im Jahr 2010 hat Thyssen-Krupp-CSA wegen der Pannen mehrfach Strafen zahlen müssen: umgerechnet 700.000 Euro beim ersten, 1,1 Millionen Euro beim zweiten Mal und zuletzt vier Millionen Euro.

Das Werk in den USA

Auch beim Bau eines Stahlwerks im US-Bundesstaat Alabama hatte sich der Stahlkonzern verkalkuliert. Wegen Planungsfehlern und veränderten Rahmenbedingungen entwickelte sich auch diese Projekt zu einem Milliardengrab. Gemeinsam belasten die beiden Hütten die Bilanz mit mehreren Milliarden Euro. Insgesamt hat Thyssen-Krupp zwölf Milliarden Euro für die Werke ausgegeben.

In einem Brief vom 17. August 2000 an die Staatsanwaltschaft berichtet ein Anwalt der Bahn, dass Unterlagen sichergestellt wurden, „die eindeutig auf Preisabsprachen zu dem Einkauf von Schienen hinweisen“. In dem Schreiben nennt der Jurist die später überführten Kartellsünder Thyssen-Krupp und Voestalpine. Betroffen von den Absprachen war unter anderem die Hochgeschwindigkeitsstrecke Frankfurt-Köln, die insgesamt sechs Milliarden Euro gekostet hatte.

Die Bahn bestätigte die frühen Hinweise an die Staatsanwaltschaft. Diese hätten aber offensichtlich keine Notwendigkeit für Ermittlungen gesehen, erklärte ein Sprecher.

Die fehlende Aufklärungswille bei den Konzernen soll einen Grund gehabt haben: Nach Angaben eines Ex-Bahnmanagers einigten sich die Unternehmen auf ein Koppelgeschäft: Die Bahn akzeptierte überhöhte Preise – was ihr nicht schadete, denn Investitionen in die Schienen trägt der Bund. Im Gegenzug soll Thyssen-Krupp Kunde der Bahn-Frachttochter DB Cargo geblieben sein. Die Bahn wies dies zurück. Thyssen-Krupp äußerte sich nicht dazu.

Von

mur

Kommentare (10)

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milo

10.12.2012, 09:06 Uhr

Wenn sich der Artikel bewahrheitet, dann waere dies wohl der groesste Skandal ueberhaupt. Die Bahn akzeptiert wissentlich ueberhoehte Preise, die Staatsanwaltschaft sieht keinen Anfangsverdacht, mit anderen Worten, Wirtschaft und Justiz arbeiten Hand in Hand, denn der depperte Steuerzahler bezahlt ja. Da ist jede Bananenrepublik ein besserer Rechtsstaat. Wer war eigentlich Chef der Bahn um 2000 herum, Mehdorn? Hat der nicht auch Stuttgart 21 ausgekungelt? So langsam kommt Licht in so manches.

juppphirsenkotzer

10.12.2012, 09:08 Uhr

Weichen, Weichen, ja da sollen noch mehr Preisabsprachen bestehen , insbesondere bei der Veredelung!

Realist

10.12.2012, 09:24 Uhr

Wird irgendwer dafür in den Knast wandern? Aber nein. Ein paar Millionen Schadenersatz und schon ist der Milliardenbetrug abgebüßt...

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