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30.06.2017

12:07 Uhr

Sonnenstrom direkt vom Hausdach

Mieterstrom – grün, günstig, unsolidarisch?

VonFranz Hubik

Wer ein Haus besitzt, kann sich mit einer Solaranlage billig mit Ökostrom versorgen. Mieter können das nicht. Das soll sich nun ändern. Doch Kritiker warnen: Nur eine Minderheit profitiert – die Mehrheit zahlt drauf.

Künftig sollen auch Mieter Solarstrom direkt vom Hausdach beziehen können. Doch maximal 18 Prozent aller Mieter würden von diesem Konzept profitieren, alle anderen müssen mit Mehrbelastungen rechnen. dpa

Montage einer Solaranlage

Künftig sollen auch Mieter Solarstrom direkt vom Hausdach beziehen können. Doch maximal 18 Prozent aller Mieter würden von diesem Konzept profitieren, alle anderen müssen mit Mehrbelastungen rechnen.

DüsseldorfMan musste kein Ökofantast sein, um Anfang des Jahrhunderts plötzlich zum Sonnenanbeter zu werden. Denn der Kauf einer Photovoltaikanlage ist in Deutschland seit dem Jahr 2000 nicht nur gut fürs Klima, sondern auch für die eigene Geldbörse. Solaranlagen fungieren seitdem als so etwas wie Sparkassen auf dem Dach. Sie sind eine solide und nachhaltige Kapitalanlage. Gerade die Solarkapitalisten der ersten Stunde werden für ihren Pioniergeist reich beschenkt.

Für jede Kilowattstunde Sonnenstrom, die sie mit ihren Solaranlagen ins Stromnetz einspeisen, erhalten sie mehr als 50 Cent aufs Konto überwiesen – garantiert über 20 Jahre hinweg. So regelt es das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), das die damalige rot-grüne Bundesregierung beschloss. Wer rechtzeitig investierte, verdient mit dem EEG bis heute prächtig – vorausgesetzt, man wohnte im Eigenheim. Mieter kamen nämlich weder in den Genuss der Fördermillionen für Solarenergie, noch konnten sie sich günstig mit Ökostrom selbst versorgen. Und auch von den rasant fallenden Preisen für Photovoltaikmodule profitieren sie kaum. Bis jetzt.

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Am Donnerstag verabschiedete der Bundestag ein Gesetz, das es künftig auch Mietern ermöglicht, Sonnenstrom direkt vom Hausdach zu beziehen. Konkret vorgesehen ist eine direkte Förderung für lokal erzeugten Solarstrom in der Höhe von bis zu 3,8 Cent pro Kilowattstunde, wenn der Strom im Hausnetz an Mieter geliefert wird – zu einem Preis, der mindestens zehn Prozent günstiger sein muss als der örtliche Grundversorgertarif.

Mieter sind aber nicht dazu verpflichtet, den Strom vom Dach des Wohnhauseigentümers zu beziehen. Überschüssiger Strom kann genauso gut ins Netz eingespeist und vergütet werden.

Die Grünstromlobby jubelt über den Beschluss. Die Energiewende erreiche nun endlich auch die Innenstädte. Viele Politiker und der Bundesverband Solarwirtschaft (BSW) sehen das Mieterstromgesetz gar als „Gebot der sozialen Gerechtigkeit“. Doch was wie eine überfällige Gleichberechtigungsmaßnahme daherkommt, könnte in Wahrheit die ohnehin ungleich verteilte Kostenlast im Zuge der Energiewende weiter verschärfen. Profitiert wieder nur eine Minderheit, während für die Mehrheit der Verbraucher die Kosten steigen?

Tim Meyer will davon nichts wissen. Der Leiter für den Geschäftsbereich Dezentrale Energieversorgung beim Düsseldorfer Ökostromanbieter Naturstrom sieht nur Profiteure des neuen Gesetzes. Mieter könnten durch dieses Modell Stromkosten von „30 bis 100 Euro pro Jahr einsparen im Vergleich zum örtlichen Grundversorgungstarif“, sagte Meyer dem Handelsblatt. Wohnhauseigentümer würden ihre Immobilie mit dem Mieterstromkonzept „aufwerten“ und ihre Nebenkosten „reduzieren“. Und am Ende mache sich das Konzept ohnehin für alle bezahlt. Warum?

„Weil die Energiewende gewünscht ist und Mieterstrom das wahrscheinlich effizienteste und eleganteste Mittel ist, um die Ausbauziele für Photovoltaik zu erreichen“, erklärt Meyer. Zudem sei es sinnvoll, den Strom da zu produzieren, wo er verbraucht wird, also direkt in den städtischen Ballungsräumen. Dadurch würde der teure Netzausbau teilweise obsolet – ein Kostenvorteil, von dem „breite Bevölkerungsschichten“ profitieren, nicht nur Eigenheimbesitzer.

Meyer hat sich von Anfang an für das neue Gesetz stark gemacht. Sein Unternehmen ist aktuell in mehr als 20 Mieterstrom-Projekten involviert. Naturstrom hofft, dass dieses noch recht kleine Geschäftssegment durch die angedachten Zuschüsse in Zukunft kräftig wächst. Auch die Photovoltaikindustrie verspricht sich durch das neue Gesetz eine Belebung des über die vergangenen Jahre daniederliegenden heimischen Solarmarktes.  

Kommentare (6)

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Herr Werner r

30.06.2017, 12:31 Uhr

Von den Befürwortern des Grünstroms wird immer wieder verleugnet, dass wir in Deutschland Perioden haben, wo der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint oder der Wind nur auf der Nordsee weht. Der Netzausbau wird damit durch den Ausbau der Solaranlagen in den Städten nicht verhindert und es können auch keine konventionellen Kraftwerke stillgelegt werden.

Frau Lana Ebsel

30.06.2017, 12:57 Uhr

Letztendlich wäre es die Wiedereinführung der Feudalherrschaft, wenn jeder Hauseigentümer zukünftig selbst bestimmen könnte, wer, wann wie oft und zu welchem Preis seinen selbsterzeugten Ökostrom bekommen darf. Aber bei weltrettenden Gutmenschen schaltet sich das Gehirn aus, wenn es zur Befriedigung der eigenen Ideologie dient.

Herr Uwe Baden

30.06.2017, 12:59 Uhr

Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Nach erstem Nachdenken werde ich meinem innerstädtischen Mietshaus wohl keine Solarkappe aufsetzen. Denn:

"...auch noch immer mehr kaufkräftige Mieter vom öffentlichen Stromnetz abkoppeln..."
Zumindest dies wird eher nicht der Fall sein. Dem "kaufkräftigen Mieter" steht es frei, sich auch heute schon am Markt zu versorgen wo er sehr oft Grünstromtarife finden kann, die deutlich mehr als die im Artikel genannten 10% unter den Grundversorgungstarifen liegen.

Nachdem die Mieter nicht zur Abnahme verpflichet werden ist daher eher die Frage, ob sich überhaupt "kaufkräftige Mieter" als Abnehmer für den relativ teuren Dachstrom finden, oder ob es eher die auf die Grundversorgung angewiesene "wenig kaufkräftige Sozialklientel" ist, die sich für den Dachstorm interessieren sollte.

Und ob die weitere Erhöhung der Abhängigkeit des Eigentümers von wenig solventen Abnehmern im Interesse des Eigentümers ist, das wird dieser sich sicher zweimal überlegen. Im Ernstfall darf er dann neben den Kosten der Räumung nicht nur Mietausfall samt Betriebskostenschulden und Kosten der vom Mieter nicht durchgeführten Schönheitsreparatur sondern auch noch die Stromschulden des Mieters abschreiben. Welecher Eigentümer braucht das wohl?

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