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14.08.2013

12:31 Uhr

Sparkurs und Stellenabbau

Das Leiden der Stahlkocher

VonSebastian Ertinger

Die Stahlkonzerne Thyssen-Krupp und Salzgitter sparen radikal und streichen Arbeitsplätze. Weltweit ringt die Branche mit Überkapazitäten und schwacher Nachfrage. Nur ein Konzern aus Europa stemmt sich gegen den Trend.

Stahlkocher in China: Die Produzenten aus Fernost setzen europäische Hersteller zusätzlich unter Druck. Reuters

Stahlkocher in China: Die Produzenten aus Fernost setzen europäische Hersteller zusätzlich unter Druck.

DüsseldorfAls ob der angeschlagene Stahlkonzern Thyssen-Krupp nicht schon genug Probleme hätte: Ein tonnenschwerer Eisenbrocken blockiert offenbar den Hochofen 2 des pannengeplagten Werks in Brasilien. Die Arbeiter können die Anlage seit Mai nicht mehr komplett hochfahren. Der Konzern spricht von „Prozessinstabilitäten“. Das Brisante daran: Die Essener wollen die brasilianische Hütte losschlagen und mit dem Verkaufserlös die Bilanz aufpolieren. Doch solange der Hochofen kalt bleibt, zögern die Interessenten.

Dabei wird der angestrebte Verkauf immer dringender. Die Flaute in der Stahlbranche belastet den Konzern, der in der tiefsten Krise seit der Fusion von Thyssen und Krupp im Jahr 1999 steckt. „Auch wir würden gerne schneller einen Abschluss erzielen“, sagte Konzernchef Heinrich Hiesinger. „Für uns stehen aber Unternehmensinteresse und Sorgfalt an erster Stelle.“ Ein zeitnaher Abschluss wird weiterhin anvisiert. Die Formulierung „zeitnah“ benutzt Thyssen-Krupp bereits seit Mai dieses Jahres.

Nach Milliardenverlusten, Kartellverstößen und Korruptionsvorwürfen musste im Winter der halbe Vorstand gehen, später auch Aufsichtsratschef Gerhard Cromme. Das Unternehmen streicht in seiner europäischen Stahlsparte 2000 Jobs. Weitere 1800 könnten durch Beteiligungsverkäufe wegfallen. Ein geringer Trost für Thyssen-Krupp: Auch die Konkurrenten ringen mit der Stahlkrise.

Die größten Baustellen von Thyssen-Krupp

Einleitung

Im Geschäftsjahr 2012/13 fuhr Thyssen-Krupp das dritte Mal in Folge einen Nettoverlust ein. Mit einem Fehlbetrag von 1,5 Milliarden Euro fiel dieser zwar niedriger aus als die fünf Milliarden Euro Miese im Jahr zuvor. Die Aktionäre müssen jedoch erneut auf eine Dividende verzichten. Das könnte auch im neuen Geschäftsjahr 2013/14 der Fall sein. Thyssen-Krupp will zwar operativ zulegen, für einen Nettogewinn könnte es aber erneut nicht reichen. Zudem schwächelt nicht nur die amerikanische Stahlsparte, sondern auch das Geschäft mit dem Werkstoff in Europa und mit Teilen für die Automobilindustrie.

Ertragsschwäche

Thyssen-Krupp fuhr im Geschäftsjahr 2011/12 einen Nettoverlust von fast fünf Milliarden Euro ein. In den ersten neun Monaten des Ende September abgelaufenen Geschäftsjahres 2012/13 waren es rund 1,2 Milliarden Euro. Analysten zufolge schwächelt nicht nur die amerikanische Stahlsparte. Auch das europäische Stahlgeschäft, der Großanlagenbau, der Verkauf von Autoteilen und die Aufzugssparte hätten im Geschäftsjahr weniger verdient. Der Handel mit Werkstoffen und das Dienstleistungsgeschäft habe hingegen zugelegt.

Stellenabbau

Für Unruhe im Konzern sorgen auch die Pläne zum Abbau tausender Arbeitsplätze. In der Verwaltung sollen 3000 Jobs wegfallen. In der Stahlsparte will Thyssen-Krupp 2000 Arbeitsplätze abbauen. Weitere 1800 Stellen könnten durch Beteiligungsverkäufe aus dem Konzern fallen. „Wir bügeln damit auch die Managementfehler der Vergangenheit aus“, hatte Konzernbetriebsratschef Wilhelm Segerath in einem Reuters-Interview gesagt. Thyssen-Krupp will damit die Kosten um 500 Millionen Euro senken. Die Summe ist Teil der insgesamt geplanten Einsparungen des Konzerns bis 2014/15 von nun 2,3 Milliarden Euro. Das Unternehmen beschäftigt rund 156.000 Mitarbeiter, davon etwa 58.000 in Deutschland. Ein weiterer Stellenabbau ist nach den Worten von Personalvorstand Oliver Burkhard derzeit nicht geplant.

Fehlinvestitionen in Übersee

Nach einer langen Hängepartie konnte Thyssen-Krupp das Weiterverarbeitungswerk in den USA verkaufen. Das verlustreiche Rohstahlwerk in Brasilien hängt dem Konzern immer noch wie ein Klotz am Bein. Thyssen-Krupp muss neue Abnehmer für den Werkstoff in Nord- und Südamerika finden, da das US-Werk künftig weniger abnimmt. Die Kosten für beide Werke waren auf fast 13 Milliarden Euro explodiert, mehr als acht Milliarden entfielen auf Brasilien. Das US-Werk bleibt bis zu der erhofften Freigabe des Deals durch die Regulierungsbehörden noch für Monate in den Büchern. Thyssen-Krupp erwartet in der Sparte weitere Verluste - wenn auch niedrigere als bislang.

Schulden

Dem Konzern sitzen die Ratingagenturen im Nacken. Thyssen-Krupp drücken Schulden von fünf Milliarden Euro. Das Eigenkapital schmolz zwischenzeitlich von 4,5 Milliarden auf 2,5 Milliarden Euro zusammen, durch eine im Dezember 2013 durchgezogene Kapitalerhöhung konnte es inzwischen auf 3,3 Milliarden Euro aufgebessert werden. Die Eigenkapitalquote ist einer der niedrigsten Werte eines Dax-Konzerns. Gespräche mit Banken sorgten Ende September für Erleichterung, nachdem dieser Wert über die Marke von 150 Prozent gestiegen war.

Kartellverstöße und Korruptionsvorwürfe

Der Mischkonzern wird immer wieder von Kartellverstößen und Korruptionsvorwürfen erschüttert. Vorstandschef Heinrich Hiesinger will eine neue Unternehmenskultur, in der für krumme Geschäfte kein Platz ist. Bei illegalen Preisabsprachen war Thyssen-Krupp ein Wiederholungstäter. Einem Aufzugskartell folgten Kungeleien mit Schienenherstellern. Hier einigte sich Thyssen-Krupp nun mit der Deutschen Bahn auf Schadensersatz. Wie ein Damoklesschwert hängt zudem der Verdacht über dem Konzern, sich auch an einem möglichen Kartell von Herstellern von Blechen für die Automobilindustrie beteiligt zu haben. Ob sich dieser Verdacht bestätigt, ist offen. Sollte dies aber der Fall sein, wären die Konsequenzen nicht abzuschätzen - die Autoindustrie gehört zu den größten Kunden von Thyssen-Krupp. Welchen Stellenwert die Aufarbeitung der Verstöße hat, zeigte sich auch auf der Hauptversammlung im Januar 2014: Dort schuf Thyssen-Krupp für den ehemaligen Metro-Manager Donatus Kaufmann einen neuen Vorstandsposten für Compliance.

Ramponierter Ruf

Der Ruf des einst stolzen Unternehmens ist durch Pleiten, Pech und Pannen und die Korruptionsvorwürfe ramponiert. „Es herrschte offenbar bei einigen die Ansicht vor, dass Regeln, Vorschriften und Gesetze nicht für alle gelten“, hat Konzernchef Hiesinger beklagt. Er will aufräumen und eine neue Unternehmenskultur einführen, in der Seilschaften und blinde Loyalität nicht wichtiger sind als unternehmerischer Erfolg. Dafür braucht er die volle Rückendeckung vom Aufsichtsrat.

So fallen bei Deutschlands zweitgrößtem Stahlkonzern Salzgitter mindestens 1500 Stellen weg. Details zu den Einsparplänen nannte das Unternehmen jedoch nicht. Der Konzern verwies auf noch laufende Verhandlungen mit der Arbeitnehmerseite. Zum Stichtag Ende Juni beschäftigte Salzgitter noch 25.272 Mitarbeiter. Unterm Strich musste der MDax-Konzern aus Niedersachsen in den ersten sechs Monaten einen Verlust von 315,2 Millionen Euro hinnehmen.

Auch der Stahlhändler Klöckner & Co hat sich mit einem forcierten Stellenabbau und Kosteneinsparungen gegen die schwache Nachfrage und den Preisdruck in Europa gestemmt. Der Konzern hat fast 2000 Jobs gestrichen und Dutzende Standorte geschlossen. Die Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) senkte angesichts der schwachen Ergebnisse den Ausblick für die Bonitätsnote auf „negativ“. Das Urteil von Ratingagenturen entscheidet mit darüber, zu welchen Konditionen sich Unternehmen Geld leihen können.

Der gesamte Stahlsektor ist in einer Flaute gefangen. Der Branchenverband schraubte jüngst die Produktionsprognose für 2013 zurück. Statt der bislang erwarten 43 Millionen Tonnen laufe es in diesem Jahr auf 42,2 Millionen Tonnen hinaus, teilte die Wirtschaftsvereinigung Stahl mit. Im Juli produzierten die Hersteller mit 3,4 Millionen Tonnen 5,4 Prozent weniger von dem Werkstoff als noch im Vorjahreszeitraum.

Kommentare (3)

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14.08.2013, 12:46 Uhr

Das ist nun wirklich ein Artikel, den ich nicht verstehe, weil ich extrem medien- und systemgläubig bin. Der Stahlindustrie muß es doch blendend gehen!

Lest Ihr Eure eigenen Artikel nicht, liebe Redaktion? Die "historische Rezession" in Europa ist vorbei, wir haben einen Aufschwung!!!! Hurrah!!!

Das geht nun aber mal nicht ohne Stahlnachfrage, schon gar nicht im Auto-/Maschinenbauland Deutschland. ALSO: Salzgitter, Thyssen und Co geht es folgerichtig blendend! (mal von dem verheerenden Mißmanagment bei Thyssen abgesehen).

Also: Schön weiter Blockparteien wählen!
Die haben alles im Griff! (jedenfalls uns)

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14.08.2013, 13:49 Uhr

Wieso, die historische Rezession ist doch vorüber. ich verstehe deswegen nicht die Probleme im Stahlabsatz!! :D

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14.08.2013, 14:32 Uhr

Der deutschen Stahlbranche geht es schon lange schlecht, weil sie aufgrund der hohen Löhn nicht international wettbewerbsfähig ist.

Also: Löhne um 2/3 auf ein vernünftiges Maß senken, und der Branche geht es wieder gut. Und auch auf diesem Lohnniveau haben die Stahlkocher noch ein gutes Auskommen.

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