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11.04.2016

10:17 Uhr

Stahlbranche macht mobil

Großdemos von Mitarbeitern – und Chefs

In Duisburg, Berlin und dem Saarland geht am Montag die Stahlbranche auf die Straße. Die Produktion wurde komplett gestoppt. Die Chefs demonstrieren mit ihren Angestellten – und schlagen Alarm.

„Zigtausende Arbeitsplätze in Europa massiv gefährdet.“ dpa

Stahlwerker von Salzgitter

„Zigtausende Arbeitsplätze in Europa massiv gefährdet.“

DuisburgDie Stahlkocher machen ernst: Am Montag haben sie die Produktion beim größten deutschen Hersteller Thyssen-Krupp gestoppt. Was nach einem neuerlichen Arbeitskampf in der streikerprobten Branche aussieht, findet aber die volle Unterstützung der Stahlchefs, die sogar selbst mit auf die Straße gehen wollen. Grund für den nicht alltäglichen Schulterschluss ist eine tiefe Krise: Gemeinsam wollen sie um Hilfe der Politik werben.

„Es geht um unsere Arbeitsplätze“, sagt der Vorsitzende des Thyssen-Krupp-Stahl-Gesamtbetriebsrats, Günter Back. 2016 könne zum Schicksalsjahr der Branche werden. „Wenn seitens der Politik nicht rasch Initiativen zur Sicherung der industriellen Zukunft gesetzt werden, sind weitere Zigtausende Arbeitsplätze in Europa massiv gefährdet“, mahnt auch der Chef des Weltstahlverbands, Wolfgang Eder.

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Die europäische Stahlindustrie kämpft ums Überleben. Arcelor-Mittal entscheidet über Investitionen in Deutschland daher nur noch von Fall zu Fall. Der weltgrößte Stahlkonzern ermahnt die Politik, endlich zu handeln.

Die Branche fürchtet mal wieder um ihre Existenz. Auf der einen Seite machen ihr massenhafte Einfuhren von billigem Stahl aus China zu schaffen, auf der anderen Seite drohen noch höhere Kosten durch verschärfte Klima- und Energieauflagen in Europa. Jeder zweite Job könne verloren gehen, warnt der Thyssen-Krupp-Betriebsrat.

Allein in Duisburg beschäftigt der Industriekonzern rund 13.000 Mitarbeiter. Für den größten deutschen Stahlstandort wäre das nach Einschätzung von Back eine Katastrophe. „An jedem Stahl-Arbeitsplatz hängen vier bis fünf andere Stellen“, erklärt er.

Bereits am frühen Montagmorgen wurden die Anlagen bei Thyssen-Krupp heruntergefahren, bevor sich dann am Nachmittag Prominenz aus Politik und Gewerkschaften zu einer Kundgebung vor den Toren des größten deutschen Stahlstandorts angesagt hatte. Salzgitter-Chef Heinz Jörg Fuhrmann hatte bereits am vorigen Donnerstag vor rund 4000 Beschäftigten vor einem „Tsunami“ gewarnt.

Neben IG-Metall-Chef Jörg Hofmann werden Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD), NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) und der Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, Hans Jürgen Kerkhoff, im Ruhrgebiet erwartet. Weitere Kundgebungen sind im Saarland und in Berlin geplant. Im Februar hatten Tausende Stahlarbeiter und Manager in Brüssel bei der EU protestiert.

Die größten Stahlhersteller der Welt

Platz 1: Arcelor-Mittal

Der mit Abstand größte Stahlproduzent der Welt ist Arcelor-Mittal. Der Konzern mit europäischen und indischen Wurzeln stellte 2015 gut 97 Millionen Tonnen Stahl her.

Quelle: World Steel Association

Platz 2: Hesteel Group

Der zweitgrößte Hersteller kommt aus China: Die Hebei Iron and Steel Group stellte 2015 rund 47,8 Millionen Tonnen Stahl her. Auch dieser Konzern ging aus einer Fusion hervor, die Unternehmen Tangsteel und Hansteel schlossen sich 2008 zusammen.

Platz 3: Nippon Steel & Sumitomo Metal

Auf Platz drei abgerutscht ist der japanische Konzern Nippon Steel & Sumitomo Metal. Die beiden japanischen Hersteller hatten sich im Oktober 2012 zusammengeschlossen und kamen 2015 zusammen auf ein Produktionsvolumen von 46,3 Millionen Tonnen Stahl, knapp 3 Millionen weniger als im Vorjahr.

Platz 4: Posco

Mit einer Produktion von rund 42 Millionen Tonnen Stahl ist Posco der viertgrößte Hersteller. Das Unternehmen ist der größte südkoreanische Anbieter und macht viele Geschäfte mit China.

Platz 5: Baosteel Group

Auf Platz fünf folgt ein weiterer chinesischer Konzern: Baosteel Group. Das Unternehmen mit Sitz in Shanghai produzierte knapp 35 Millionen Tonnen Stahl. Schlagzeilen machte der Hersteller im Jahr 2000 mit seinem Börsengang, der damals in China Rekorde brach.

Platz 16: Thyssen-Krupp

Im Vergleich zu Arcelor-Mittal, Hesteel & Co. ist Thyssen-Krupp ein Leichtgewicht. 2015 ging es für den größten deutschen Stahlproduzent mit einer Produktion von 17,3 Millionen Tonnen aber immerhin drei Plätze hinauf auf Rang 16. Ähnlich viel produziert der Konkurrent Gerdau aus Brasilien (17 Millionen Tonnen).

Sie hatten auch schon teilweise Erfolg. Erste Strafzölle für einzelne Stahlsorten aus China sind eingeführt, bei anderen prüft die EU noch. Allerdings reicht das der Branche nicht. Es könne nicht sein, dass die wettbewerbsstarke deutsche Stahlindustrie untergraben werde von Dumping-Stahl und einer Verschärfung des Emissionsrechte-Handels, wettert Kerkhoff. Jetzt müssten die Entscheidungen in Brüssel und Berlin fallen.

Wirtschaftsminister Gabriel hatte erst vor wenigen Tagen Unterstützung für die Branche signalisiert. Konkrete Hilfen stellte er zunächst jedoch nicht in Aussicht. Am Montag legte Gabriel verbal nach. „Das Ruhrgebiet ist die Herzkammer der deutschen Industrie. Dazu gehört unverzichtbar die Stahlindustrie“, sagte Gabriel der „Passauer Neuen Presse“. „Ohne Stahl geht es weder in der Automobilwirtschaft noch im Maschinen- und Anlagenbau. Und ohne Stahl auch keine Energiewende - denn er ist ein zentraler Werkstoff für Windräder an Land und auch beim Bau von extrem belastbaren Windkraftanlagen auf See“, sagte Gabriel der Zeitung.

Experten wie Nils Naujok von der Unternehmensberatung „Strategy&“ sehen langfristig in Innovationen die größte Überlebenschance für die Branche in Europa. Schutzmaßnahmen wie eine Erhöhung der Importzölle könnten ihr nur vorübergehend Luft verschaffen. Die deutschsprachigen Hersteller seien im europäischen Vergleich gut positioniert, doch die Konkurrenz aus China sei ihnen auch in Sachen Innovationen bereits auf den Fersen. „Europa ist fünf Jahre voraus“, sagt Naujok.

Kritiker halten Einschnitte in Europa schon seit langem für unvermeidlich. Viele Werke gerade in Südeuropa sind kaum noch ausgelastet, Stahlverbandschef Eder sprach sich erst jüngst für weitere Stilllegungen aus. Neben Anti-Dumping-Maßnahmen sei auch Unterstützung bei Schließungen und Kapazitätsabbau notwendig.

Die Branche ist in Bewegung. Auch Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger macht sich für eine weitere Konsolidierung stark. Aktuell gibt es Gerüchte, dass der Ruhrkonzern seine europäischen Stahlgeschäfte mit den niederländischen Werken des indischen Konkurrenten Tata zusammenschließen könnte. Das könnte Kosten auch auf Kosten der Arbeiter sparen. Damit könnte die ungewöhnliche Allianz wieder aufbrechen.

Von

dpa

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