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22.05.2014

15:25 Uhr

Stahlhersteller

Salzgitter muss weiter kämpfen

Auf dem Geschäftsbericht des Stahlherstellers Salzgitter prangt ein Bild von einem kletternden Reinhold Messner. Das Motiv passe zu den Aufgaben des Konzerns, sagt Chef Fuhrmann. Und der Gipfel sei noch weit entfernt.

Der Stahlhersteller Salzgitter wird auch in Zukunft noch mit schwierigen Marktbedingungen zu kämpfen dpa

Der Stahlhersteller Salzgitter wird auch in Zukunft noch mit schwierigen Marktbedingungen zu kämpfen

BraunschweigDeutschlands zweitgrößter Stahlhersteller Salzgitter sieht seine Branche nach hohen Verlusten an einer Talsohle angelangt. Diverse Unsicherheiten deuteten aber weiter daraufhin, dass eine spürbare Belebung mit wieder anziehenden Preisen noch lange auf sich warten lassen dürfte. „So weit ist es noch nicht. Das wird günstigstenfalls noch drei Jahre dauern“, sagte Salzgitter-Chef Heinz Jörg Fuhrmann am Donnerstag bei der Hauptversammlung in Braunschweig.

„Mit anziehender Konjunktur - und danach sieht es ja derzeit aus - sollten sich die Rahmenbedingungen für den Stahlmarkt peu à peu verbessern und damit auch die Möglichkeiten zur Preisgestaltung“, sagte der Vorstandsvorsitzende. Zudem hätten schon einige Hersteller begonnen, darunter Weltmarktführer ArcelorMittal, Kapazitäten aus dem Markt zu nehmen. „Das alles reicht aber auf kurze Sicht noch nicht aus, um die Balance im Markt wieder ins Gleichgewicht zu befördern.“

Absehbar sei jedoch, dass es perspektivisch wenigstens nicht weiter nach unten gehe. Die Trendwende stehe an. „Wenn man optimistisch ist, könnte man konstatieren, dass zumindest die Preiserosion inzwischen weitgehend gestoppt zu sein scheint“, sagte Fuhrmann den Aktionären.

Sorgen bereitet ihm der schwelende Konflikt in der Ukraine. Er könnte unter ungünstigen Umständen den Preiskampf erneut anheizen. Das Land gehöre zu den Top-Ten der weltgrößten Stahlproduzenten, verbrauche aber selber nur 6 seiner 33 Millionen Jahrestonnen. Der Rest gehe zu einem Großteil bisher nach Russland. „Ob sich das so fortsetzt, ist zumindest zweifelhaft“, sagte der Konzernchef. „Hinzu kommt, dass die EU ab Mai 95 Prozent der Zölle auf ukrainische Produkte einseitig abgeschafft hat. Das gilt auch für Stahlerzeugnisse.“ Es sei also zu befürchten, dass große Volumina günstiger Stahl aus der Ukraine in der EU als neue Konkurrenz hinzukommen - mit entsprechenden Folgen.

Folgen der Ukraine-Krise für die deutsche Wirtschaft

Wie wichtig ist Russland für die deutsche Wirtschaft?

6000 deutsche Unternehmen sind vor Ort tätig. Jahrelang war Russland der am schnellsten wachsende Markt für die hiesigen Exporteure. Damit war es aber schon vor dem Krim-Streit vorbei: Exporte und Importe zusammen brachen 2013 um gut fünf Prozent auf 76,5 Milliarden Euro ein. Damit verlor Russland seinen Status als wichtigster Handelspartner der deutschen Wirtschaft in Osteuropa an Polen. Der Handel mit dem Nachbarn zog um 4,3 Prozent auf 78 Milliarden Euro an. „Die realwirtschaftlichen Folgen für uns halten sich in Grenzen“, sagt deshalb Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. „Für uns ist die Entwicklung in China ungleich wichtiger als das, was in Russland passiert.“ Nach Angaben aus deutschen Regierungskreisen liegt der Anteil der Exporte nach Russland am gesamten Ausfuhrvolumen bei 3,3 Prozent.

Allerdings: Deutschland bezieht knapp 40 Prozent seiner Gasimporte aus Russland. Kommt es zu Lieferausfällen, bekommt dies die deutsche Wirtschaft zu spüren. Auch bei Ölimporten verlässt sich Deutschland zu mehr als einem Drittel auf Russland. Die Gasspeicher im Land seien gut gefüllt, versucht das Bundeswirtschaftsministerium zu beruhigen. Sie seien so groß wie nur in wenigen anderen Ländern. Es gebe zudem keine Anzeichen für irgendwelche Lieferbeschränkungen.

Bezogen auf einzelne Branchen spielt der russische Markt vor allem für den hiesigen Maschinen- und Anlagenbau eine wichtige Rolle. Auch deutsche Autos und Chemie-Produkte stehen bei russischen Kunden ganz oben auf der Hitliste. Rund 300.000 deutsche Arbeitsplätze sind vom Handel mit Russland abhängig, rechnet der Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft vor. Russland wiederum exportiert nach Deutschland vor allem Rohstoffe und petrochemische Produkte.

Und für Europa?

Russland gehört zu den größten Erdgas- und Erdölproduzenten der Welt. „Wirtschaftliche Sanktionen gegen Russland träfen damit auch die EU sowie über höhere Energiepreise die gesamte Weltwirtschaft“, sagt Analyst Daniel Lenz von der DZ Bank. „Für die sich gerade erholende Weltwirtschaft und vor allem die EU-Wirtschaft wären steigende Energiepreise oder sogar eine Versorgungsknappheit ein Risikofaktor.“ Commerzbank-Chefökonom Krämer glaubt aber nicht, dass die Erholung in der Euro-Zone in Gefahr ist. „Da muss schon einiges passieren, um die doch recht robuste Erholung in der Euro-Zone ins Wanken zu bringen“, sagt er. „Ich glaube nicht, dass der Konflikt in der Ukraine ausreicht. Hinzu kommt: Russland hat zwar schön häufiger das Völkerrecht gebrochen, hält sich aber an privatwirtschaftliche Verträge.“

Macht sich die deutsche Wirtschaft trotzdem Sorgen?

Ja. Allein in der Ukraine sind mehr als 2000 deutsche Unternehmen tätig. „Die deutsche Wirtschaft arbeitet bisher zwar ohne große Unterbrechungen, macht sich aber große Sorgen um die Stabilität des Landes“, sagt der Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Volker Treier. Sollte sich die Lage indes zuspitzen, seien Produktionsausfälle unvermeidlich. „Ganze Wertschöpfungsketten wären betroffen, die Wirtschaften der Nachbarländer Polen, Ungarn und Rumänien würden es als erste spüren“, warnt Treier. Die Bundesregierung gibt sich dagegen noch relativ gelassen. „Es besteht kein Anlass zur Sorge“, sagt eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums.

Kann sich die russische Wirtschaft einen Streit mit dem Westen wirtschaftlich leisten?

Nein, sagt der Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft. „80 Prozent der russischen Exporte sind Rohstoff-basiert“, betont dessen Geschäftsführer Rainer Lindner. „Damit kann man noch keine moderne Gesellschaft entwickeln.“ Russland müsse seine Wirtschaft modernisieren, um weniger abhängig von Rohstoffen zu werden. „Ohne Technologiepartner wie Deutschland wird es dass nicht schaffen“, sagt Lindner. Und auch an der Energiefront bezweifeln viele Experten, dass es sich Russland leisten kann, den Gashahn zuzudrehen – zumal der Gaspreis an den Weltmärkten wegen Überangebots seit längerem sinkt.

Fuhrmann betonte, dass Deutschland eine positive Ausnahme bilde. „Isoliert betrachtet haben wir kein Problem.“ Doch Deutschland mit seinen 42 Prozent Anteil am Konzernumsatz sei eben kein Maß, „weil die übrigen EU-Stahlmärkte um uns herum auf unter 70 Prozent des Volumens vor Beginn der Krise gesunken sind“, sagte der Manager.

Der Salzgitter-Konzern schrieb 2013 unter dem Strich fast eine halbe Milliarde Euro Verlust. Vor Steuern soll das Unternehmen dieses Jahr an die Gewinnschwelle stoßen. Das erste Jahresviertel brachte unterm Strich mit 13,3 Millionen Euro Verlust bereits Verbesserungen im Vergleich mit dem Vorjahr. Auch bei Branchenprimus ArcelorMittal geht es nach jahrelanger Talfahrt langsam aufwärts und ThyssenKrupp, hierzulande vor Salzgitter Nummer eins, schloss zuletzt erstmals seit rund zwei Jahren sogar wieder ein Quartal mit schwarzen Zahlen ab.

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