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23.07.2013

14:50 Uhr

Stahlwerk-Elektroden

SGL Carbon wehrt sich gegen Preisdumping

Der hohe Wettbewerbsdruck im Geschäft mit Graphitelektroden verhagelte SGL Carbon zuletzt die Bilanz. Nun will das Unternehmen von BMW-Aktionärin Klatten reagieren - und die Preise erhöhen.

Heißes Eisen: Graphitelektroden sind für die Stahlherstellung wichtig. obs

Heißes Eisen: Graphitelektroden sind für die Stahlherstellung wichtig.

SGL Carbon will das Preisdumping im Stahlwerk-Ausrüstergeschäft nicht länger mitmachen. Stattdessen verlangt das Wiesbadener Unternehmen für sein wichtigstes Produkt, Graphitelektroden für die Stahlherstellung, künftig deutlich mehr Geld, wie Klaus Unterharnscheidt, Chef der entsprechenden Sparte, in einem am Dienstag veröffentlichten Reuters-Interview sagte. „In einigen Märkten, insbesondere Europa und Asien, also dort, wo der Preiskampf besonders ausgeprägt war, würde die Erhöhung bis zu 30 Prozent ausmachen.“ Vergangene Woche habe die Firma all ihre Kunden über die neuen Verkaufspreise informiert. „Die neuen Preise gelten per sofort, aber die Effekte daraus werden wir erst im kommenden Jahr realisieren können, da die meisten Kontrakte für dieses Jahr bereits gebucht sind.“

Graphitelektroden werden in Hochöfen eingesetzt, die aus Altmetall Stahl zu produzieren. SGL Carbon, nach eigenen Angaben weltgrößter Hersteller dieser Elektroden, kämpft in dem Geschäft aber zunehmend mit der Billigkonkurrenz aus China. Unterharnscheidt verwies zudem auf die Schwäche des Yen, der in den vergangenen Monaten 30 Prozent seines Wertes eingebüßt habe. „Wichtige Wettbewerber von uns in Japan haben damit kurzfristig einen massiven Vorteil.“ Die Folge: Der Konkurrenzkampf wurde zuletzt härter. „Wir erleben gerade einen Preiskampf, der in dieser Form lange nicht mehr stattgefunden hat.“ Der Preisverfall habe im April in kleineren Märkten eingesetzt und sich dann im Mai und Juni verschärft. Mit den geplanten Erhöhungen komme SGL Carbon "in Bereiche von vor April dieses Jahres“. Bei den Preisen sei der Boden erreicht. „Wir werden keine unprofitablen Geschäfte annehmen“, sagte der Spartenchef. Der Zulieferer wolle seinen Marktanteil mittelfristig verteidigen. Gewisse Schwankungen müsse man „sicherlich in Kauf nehmen“.

Krise bei SGL Carbon: Der Stoff aus dem die Träume waren

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Jahrelang wurde Carbon als Werkstoff der Zukunft gefeiert. Doch der wirtschaftliche Erfolg mit dem „schwarzen Gold“ ist bisher ausgeblieben. Marktführer SGL Carbon steckt tief in der Krise.

Unterharnscheidt sagte weiter, der Konzern habe die Produktion gedrosselt und Wartungs- und Modernisierungsarbeiten vorgezogen. „Wir überprüfen natürlich auch unsere weltweit zwölf Standorte, an denen wir Elektroden fertigen.“ Dies sei ein laufender Prozess, „für den wir uns aber kein Enddatum gesetzt haben“. Der Zulieferer für die Stahl- und Automobilindustrie, an dem Volkswagen und BMW nennenswert beteiligt sind, hatte im Juni seine Prognose erneut gesenkt und erwartet jetzt einen Einbruch des Betriebsgewinns um 50 bis 60 Prozent. Deshalb hatte SGL bereits angekündigt, Restrukturierungen zu prüfen, und auch einen Personalabbau nicht ausgeschlossen.

Karbon, schwarze Magie im Autobau?

Was ist Karbon?

Mit Karbon bezeichnet man in der Automobilherstellung Bauteile, die aus industriell hergestellten Fasern kohlenstoffhaltiger Ausgangsmaterialien stammen. Dabei ist die einzelne Faser zehnmal dünner als ein menschliches Haar. Karbonfasern haben dennoch eine hohe Zugfestigkeit. Um sie für den Einsatz im Fahrzeugbau zu veredeln, müssen die Stränge erst oxidiert und dann bei 1.500 Grad Celsius karbonisiert werden. Für den automobilen Einsatz werden sie anschließend mit Siliciumcarbid kombiniert. Aus den Fasern werden maschinell Gewebe geflochten, rund 500.000 Fasern können dabei pro Quadratzoll ineinander verflochten sein. Diese Gewebematten werden in mehreren Lagen übereinander zu Bauteilen z.B. im Autoklav-Verfahren bei ca. 150 Grad gebacken. Zur Anwendung kommt im Autobau auch verstärkt CFK, das ist kohlefaserverstärkter Kunststoff.

Was sind die Vorteile?

Karbon ist hochfest und sehr leicht. Im BMW M3 spart ein Karbondach fünf Kilo Gewicht an einer für den Fahrzeug-Schwerpunkt relevanten Stelle ein. Beim getunten Mini Cooper S bringt eine Karbon-Motohauben-Diät schon 20 Kilo. Karbon absorbiert außerdem z.B. bei einem Auffahrunfall als Bauteil extrem viel Energie, deswegen wird es bevorzugt im Rennsport eingesetzt. Das Material kann in fast jede beliebige Form gepresst bzw. gebacken werden und es rostet nicht. Bei künftigen Elektroautos ist es wichtig, die Karosserien leichter zu machen, da die Batterien sehr schwer sind.

Warum ist die Herstellung so teuer?

Ein Beispiel: McLaren und Mercedes haben extra für die Produktion des Kofferraumdeckels des SLR Roadsters ein Pressverfahren entwickelt, bei dem die Herstellung von Karbonteilen kaum noch länger dauert als die von Stahlelementen. Doch müssen andere Komponenten mit dem Skalpell ausgeschnitten und aus bis zu 20 Schichten modelliert werden, bevor sie im so genannten Autoklaven bei bis zu 150 Grad unter hohem Druck wie im Schnellkochtopf gebacken werden. Bis zu 20 Stunden für ein Bauteil sind dabei keine Seltenheit. Daher würde eine A-Klasse aus Karbon mindestens doppelt so viel kosten wie eine herkömmliche - und hätte trotzdem keine Chance auf eine Serienfertigung: Die erforderlichen Stückzahlen sind bislang in der Karbon-Fertigung einfach nicht möglich.

Nachteile im Fahrzeugbau

Karbon ist durch die aufwendige Herstellung sehr teuer. Ein Nachteil für den Einsatz im Straßenverkehr ist die Eigenschaft des Materials, bei einem Unfall unkontrolliert zu zersplittern. Die teils sehr scharfen Kanten können zu schweren Verletzungen bzw. Beschädigungen führen. Außerdem kann Karbon nicht einfach repariert werden, - etwa durch schweißen, spachteln, schrauben -, was in jedem Fall einen (teuren) Austausch eines beschädigten Bauteils nötig macht. Dazu kommt die noch ungelöste Frage des Recyclings.

Von

rtr

Kommentare (1)

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Das_des_Lichtbogenofens_im_HB

24.07.2013, 11:36 Uhr

"Graphitelektroden werden in Hochöfen eingesetzt, die aus Altmetall Stahl zu produzieren"

Grammatikalisch "hochwertig" und technisch so nicht zutreffend!

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