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13.06.2013

15:17 Uhr

Stahlwerk

Neue Probleme für Thyssen-Krupp in Brasilien

Das verlustreiche Stahlwerk in Brasilien macht neue Probleme: Ein Hochofen wurde ausgeschaltet, wodurch die Produktion immens gesunken ist. Damit wird der geplante Verkauf der Anlage für Thyssen-Krupp vermutlich schwerer.

Das ThyssenKrupp-Stahlwerk in Rio de Janeiro: Wegen "Prozessinstabilität" musste einer von zwei Hochöfen vor rund einem Monat außer Betrieb genommen werden. dpa

Das ThyssenKrupp-Stahlwerk in Rio de Janeiro: Wegen "Prozessinstabilität" musste einer von zwei Hochöfen vor rund einem Monat außer Betrieb genommen werden.

Rio de Janeiro/EssenFür Thyssen-Krupp nehmen die Hiobsbotschaften aus Übersee kein Ende: Mitten in der heißen Verhandlungsphase über den Verkauf der Werke in Nord- und Südamerika legt eine Panne große Teile des verlustreichen Stahlwerks in Brasilien lahm.

Die Werksleitung räumte am Mittwochabend ein, einer von zwei Hochöfen sei bereits vor rund einem Monat außer Betrieb genommen worden. Als Grund nannte Thyssen-Krupp „Prozessinstabilität“, ohne dies näher zu erläutern - dabei wirbt das Werk auf seiner Internetseite damit, Transparenz sei einer der Stützpfeiler seines Handelns.

Aber auch zur Dauer der Reparaturarbeiten, deren Kosten und mögliche Auswirkungen auf den Verkaufsprozess hielt sich der krisengeschüttelte Industriekonzern bedeckt. Die Anleger vergrätzte Thyssen-Krupp damit. Die Aktie büßte zeitweise rund fünf Prozent ein und gehörte damit zu den größten Verlierern im Dax.

Die größten Baustellen von Thyssen-Krupp

Einleitung

Im Geschäftsjahr 2012/13 fuhr Thyssen-Krupp das dritte Mal in Folge einen Nettoverlust ein. Mit einem Fehlbetrag von 1,5 Milliarden Euro fiel dieser zwar niedriger aus als die fünf Milliarden Euro Miese im Jahr zuvor. Die Aktionäre müssen jedoch erneut auf eine Dividende verzichten. Das könnte auch im neuen Geschäftsjahr 2013/14 der Fall sein. Thyssen-Krupp will zwar operativ zulegen, für einen Nettogewinn könnte es aber erneut nicht reichen. Zudem schwächelt nicht nur die amerikanische Stahlsparte, sondern auch das Geschäft mit dem Werkstoff in Europa und mit Teilen für die Automobilindustrie.

Ertragsschwäche

Thyssen-Krupp fuhr im Geschäftsjahr 2011/12 einen Nettoverlust von fast fünf Milliarden Euro ein. In den ersten neun Monaten des Ende September abgelaufenen Geschäftsjahres 2012/13 waren es rund 1,2 Milliarden Euro. Analysten zufolge schwächelt nicht nur die amerikanische Stahlsparte. Auch das europäische Stahlgeschäft, der Großanlagenbau, der Verkauf von Autoteilen und die Aufzugssparte hätten im Geschäftsjahr weniger verdient. Der Handel mit Werkstoffen und das Dienstleistungsgeschäft habe hingegen zugelegt.

Stellenabbau

Für Unruhe im Konzern sorgen auch die Pläne zum Abbau tausender Arbeitsplätze. In der Verwaltung sollen 3000 Jobs wegfallen. In der Stahlsparte will Thyssen-Krupp 2000 Arbeitsplätze abbauen. Weitere 1800 Stellen könnten durch Beteiligungsverkäufe aus dem Konzern fallen. „Wir bügeln damit auch die Managementfehler der Vergangenheit aus“, hatte Konzernbetriebsratschef Wilhelm Segerath in einem Reuters-Interview gesagt. Thyssen-Krupp will damit die Kosten um 500 Millionen Euro senken. Die Summe ist Teil der insgesamt geplanten Einsparungen des Konzerns bis 2014/15 von nun 2,3 Milliarden Euro. Das Unternehmen beschäftigt rund 156.000 Mitarbeiter, davon etwa 58.000 in Deutschland. Ein weiterer Stellenabbau ist nach den Worten von Personalvorstand Oliver Burkhard derzeit nicht geplant.

Fehlinvestitionen in Übersee

Nach einer langen Hängepartie konnte Thyssen-Krupp das Weiterverarbeitungswerk in den USA verkaufen. Das verlustreiche Rohstahlwerk in Brasilien hängt dem Konzern immer noch wie ein Klotz am Bein. Thyssen-Krupp muss neue Abnehmer für den Werkstoff in Nord- und Südamerika finden, da das US-Werk künftig weniger abnimmt. Die Kosten für beide Werke waren auf fast 13 Milliarden Euro explodiert, mehr als acht Milliarden entfielen auf Brasilien. Das US-Werk bleibt bis zu der erhofften Freigabe des Deals durch die Regulierungsbehörden noch für Monate in den Büchern. Thyssen-Krupp erwartet in der Sparte weitere Verluste - wenn auch niedrigere als bislang.

Schulden

Dem Konzern sitzen die Ratingagenturen im Nacken. Thyssen-Krupp drücken Schulden von fünf Milliarden Euro. Das Eigenkapital schmolz zwischenzeitlich von 4,5 Milliarden auf 2,5 Milliarden Euro zusammen, durch eine im Dezember 2013 durchgezogene Kapitalerhöhung konnte es inzwischen auf 3,3 Milliarden Euro aufgebessert werden. Die Eigenkapitalquote ist einer der niedrigsten Werte eines Dax-Konzerns. Gespräche mit Banken sorgten Ende September für Erleichterung, nachdem dieser Wert über die Marke von 150 Prozent gestiegen war.

Kartellverstöße und Korruptionsvorwürfe

Der Mischkonzern wird immer wieder von Kartellverstößen und Korruptionsvorwürfen erschüttert. Vorstandschef Heinrich Hiesinger will eine neue Unternehmenskultur, in der für krumme Geschäfte kein Platz ist. Bei illegalen Preisabsprachen war Thyssen-Krupp ein Wiederholungstäter. Einem Aufzugskartell folgten Kungeleien mit Schienenherstellern. Hier einigte sich Thyssen-Krupp nun mit der Deutschen Bahn auf Schadensersatz. Wie ein Damoklesschwert hängt zudem der Verdacht über dem Konzern, sich auch an einem möglichen Kartell von Herstellern von Blechen für die Automobilindustrie beteiligt zu haben. Ob sich dieser Verdacht bestätigt, ist offen. Sollte dies aber der Fall sein, wären die Konsequenzen nicht abzuschätzen - die Autoindustrie gehört zu den größten Kunden von Thyssen-Krupp. Welchen Stellenwert die Aufarbeitung der Verstöße hat, zeigte sich auch auf der Hauptversammlung im Januar 2014: Dort schuf Thyssen-Krupp für den ehemaligen Metro-Manager Donatus Kaufmann einen neuen Vorstandsposten für Compliance.

Ramponierter Ruf

Der Ruf des einst stolzen Unternehmens ist durch Pleiten, Pech und Pannen und die Korruptionsvorwürfe ramponiert. „Es herrschte offenbar bei einigen die Ansicht vor, dass Regeln, Vorschriften und Gesetze nicht für alle gelten“, hat Konzernchef Hiesinger beklagt. Er will aufräumen und eine neue Unternehmenskultur einführen, in der Seilschaften und blinde Loyalität nicht wichtiger sind als unternehmerischer Erfolg. Dafür braucht er die volle Rückendeckung vom Aufsichtsrat.

Ein Insider erklärte, die Produktion sei wegen der Außerbetriebnahme des Hochofens auf weniger als die Hälfte der normalen Kapazität gesunken. Der Konzern versuche fieberhaft, wieder zum Normalbetrieb zurückzukehren. Die Kosten, um die verschiedenen Mängel zu beheben, beliefen sich inzwischen auf mindestens 500 Millionen Dollar, sagte der Insider. Dies habe auch Auswirkungen auf die Verhandlungen über einen Verkauf des Werks. Der brasilianische Stahlkonzern CSN überdenke den Betrag, den er für das Werk in Brasilien und die Thyssen-Krupp-Anlage in den USA zu zahlen bereit sei, hieß es in den Kreisen.

Das Stahlwerk in Brasilien sorgte in der Vergangenheit bereits mehrfach für Schlagzeilen. Nicht nur, dass der Bau der Anlage länger dauerte und mehr als das Doppelte kostete als geplant. Die Werksführung lag auch mit den brasilianischen Behörden wegen Vorwürfen der Umweltverschmutzung im Clinch.

Sorgen bereitete auch die aus Kostengründen zunächst bei einer chinesischen Billigfirma in Auftrag gegebene Kokerei. Die mit Fehlern behaftete Anlage musste schließlich von der Thyssen-Krupp-Tochter Uhde fertiggestellt werden. Beim Anfahren der Hochöfen war es zudem zu Luftverschmutzungen gekommen. Thyssen-Krupp musste deshalb hohe Strafen zahlen.

Thyssen-Krupp hatte seine Sparte Steel Americas - neben dem Werk in Brasilien gehört dazu auch eine Anlage im US-Bundesstaat Alabama - zum Verkauf gestellt. In den Kreisen hieß es nun, CSN sei weiter interessiert, habe aber noch kein offizielles Angebot vorgelegt. Die Sparte hat Thyssen-Krupp Milliardenverluste eingebrockt. Die Kosten waren auf zwölf Milliarden Euro explodiert. Nach mehreren Abschreibungen hat der Konzern die Werke noch mit 3,4 Milliarden Euro in den Büchern. Die Anleger hoffen, dass es dem Konzern gelingt, endlich einen Schlussstrich unter die Geschichte der Werke in Übersee zu setzen

Kommentare (3)

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Kanzleramt

13.06.2013, 11:16 Uhr

Das kommt dabei raus, wenn man Chinesen die Kokerei bauen lässt. CITIC ( aus China ) hat den Zuschlag für die Kokerei erhalten. CITIC war um ca. 60 Millionen Euro günstiger als das Unternehmen Uhde aus Dortmund, welches wirklich auf Kokereien spezialisiert ist. CITIC dagegen hat nur die Pläne von Uhde kopiert, und glaubte nur mit den Blaupausen in der Lage zu sein eine Kokerei bauen zu können. Die Chinesen müssen lernen, dass zum kopieren auch das Verstehen gehört. Da dieses in deren Studium nicht vermittelt wird,das Kopieren dagegen schon, soll man mit den Chinesen einfach keine Geschäfte mehr machen!!!

Johannsmann

13.06.2013, 13:08 Uhr

Es dürfte für ThyssenKrupp inzwischen billiger sein, daß Stahlwerk Rio schlicht zu schließen. Lieber ein Ende mit Schrecken, als die Fortsetzung des 'Schreckens ohne Ende' der letzten Jahre.

ANONYMOUS

14.07.2013, 16:44 Uhr

http://www.youtube.com/watch?v=d7ep_8SLQh0

ich denke das sagt alles

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