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20.08.2013

15:42 Uhr

Stellenabbau

Thyssen-Krupp schließt Blechwerk Neuwied

Bis zum Jahr 2015 will Thyssen-Krupp die Produktion im Feinblechwerk Neuwied einstellen. Damit setzt der Konzern seinen Stellenabbau in der Stahlsparte fort, will aber auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten.

Thyssen-Krupp streicht Stellen in der Sparsparte: Im zwei Jahren soll das Werk in Neuwied schließen. Reuters

Thyssen-Krupp streicht Stellen in der Sparsparte: Im zwei Jahren soll das Werk in Neuwied schließen.

DüsseldorfDer angeschlagene Thyssen-Krupp-Konzern treibt seinen Stellenabbau voran. Bis September 2015 werde schrittweise die Produktion im Feinblechwerk im rheinland-pfälzischen Neuwied eingestellt, teilte das Unternehmen am Dienstag mit. An dem Standort sind 320 Mitarbeiter beschäftigt. Möglichst vielen solle eine Wechsel in das wenige Kilometer entfernte Werk in Andernach angeboten werden, wo bislang rund 2000 Stahlarbeiter beschäftigt sind.

An beiden Standorten würden aber in den kommenden Jahren insgesamt 420 Jobs gestrichen. Betriebsbedingte Kündigungen soll es nicht geben. Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger will in der europäischen Stahlsparte mehr als 2000 der knapp 27.600 Stellen streichen.

Die Beschäftigten in Neuwied und Andernach seien am Dienstag auf einer gemeinsamen Belegschaftsversammlung informiert worden. Im Rahmen eines mit dem Betriebsrat vereinbarten Interessenausgleichs soll es Abfindungen und die Möglichkeit zur Altersteilzeit geben. In Neuwied werden Weißblechdosen hergestellt, die etwa für Lacke oder Lebensmittel verwendet werden. Andernach und Neuwied gehören zur Thyssen-Krupp-Tochter Rasselstein.

Die größten Baustellen von Thyssen-Krupp

Einleitung

Im Geschäftsjahr 2012/13 fuhr Thyssen-Krupp das dritte Mal in Folge einen Nettoverlust ein. Mit einem Fehlbetrag von 1,5 Milliarden Euro fiel dieser zwar niedriger aus als die fünf Milliarden Euro Miese im Jahr zuvor. Die Aktionäre müssen jedoch erneut auf eine Dividende verzichten. Das könnte auch im neuen Geschäftsjahr 2013/14 der Fall sein. Thyssen-Krupp will zwar operativ zulegen, für einen Nettogewinn könnte es aber erneut nicht reichen. Zudem schwächelt nicht nur die amerikanische Stahlsparte, sondern auch das Geschäft mit dem Werkstoff in Europa und mit Teilen für die Automobilindustrie.

Ertragsschwäche

Thyssen-Krupp fuhr im Geschäftsjahr 2011/12 einen Nettoverlust von fast fünf Milliarden Euro ein. In den ersten neun Monaten des Ende September abgelaufenen Geschäftsjahres 2012/13 waren es rund 1,2 Milliarden Euro. Analysten zufolge schwächelt nicht nur die amerikanische Stahlsparte. Auch das europäische Stahlgeschäft, der Großanlagenbau, der Verkauf von Autoteilen und die Aufzugssparte hätten im Geschäftsjahr weniger verdient. Der Handel mit Werkstoffen und das Dienstleistungsgeschäft habe hingegen zugelegt.

Stellenabbau

Für Unruhe im Konzern sorgen auch die Pläne zum Abbau tausender Arbeitsplätze. In der Verwaltung sollen 3000 Jobs wegfallen. In der Stahlsparte will Thyssen-Krupp 2000 Arbeitsplätze abbauen. Weitere 1800 Stellen könnten durch Beteiligungsverkäufe aus dem Konzern fallen. „Wir bügeln damit auch die Managementfehler der Vergangenheit aus“, hatte Konzernbetriebsratschef Wilhelm Segerath in einem Reuters-Interview gesagt. Thyssen-Krupp will damit die Kosten um 500 Millionen Euro senken. Die Summe ist Teil der insgesamt geplanten Einsparungen des Konzerns bis 2014/15 von nun 2,3 Milliarden Euro. Das Unternehmen beschäftigt rund 156.000 Mitarbeiter, davon etwa 58.000 in Deutschland. Ein weiterer Stellenabbau ist nach den Worten von Personalvorstand Oliver Burkhard derzeit nicht geplant.

Fehlinvestitionen in Übersee

Nach einer langen Hängepartie konnte Thyssen-Krupp das Weiterverarbeitungswerk in den USA verkaufen. Das verlustreiche Rohstahlwerk in Brasilien hängt dem Konzern immer noch wie ein Klotz am Bein. Thyssen-Krupp muss neue Abnehmer für den Werkstoff in Nord- und Südamerika finden, da das US-Werk künftig weniger abnimmt. Die Kosten für beide Werke waren auf fast 13 Milliarden Euro explodiert, mehr als acht Milliarden entfielen auf Brasilien. Das US-Werk bleibt bis zu der erhofften Freigabe des Deals durch die Regulierungsbehörden noch für Monate in den Büchern. Thyssen-Krupp erwartet in der Sparte weitere Verluste - wenn auch niedrigere als bislang.

Schulden

Dem Konzern sitzen die Ratingagenturen im Nacken. Thyssen-Krupp drücken Schulden von fünf Milliarden Euro. Das Eigenkapital schmolz zwischenzeitlich von 4,5 Milliarden auf 2,5 Milliarden Euro zusammen, durch eine im Dezember 2013 durchgezogene Kapitalerhöhung konnte es inzwischen auf 3,3 Milliarden Euro aufgebessert werden. Die Eigenkapitalquote ist einer der niedrigsten Werte eines Dax-Konzerns. Gespräche mit Banken sorgten Ende September für Erleichterung, nachdem dieser Wert über die Marke von 150 Prozent gestiegen war.

Kartellverstöße und Korruptionsvorwürfe

Der Mischkonzern wird immer wieder von Kartellverstößen und Korruptionsvorwürfen erschüttert. Vorstandschef Heinrich Hiesinger will eine neue Unternehmenskultur, in der für krumme Geschäfte kein Platz ist. Bei illegalen Preisabsprachen war Thyssen-Krupp ein Wiederholungstäter. Einem Aufzugskartell folgten Kungeleien mit Schienenherstellern. Hier einigte sich Thyssen-Krupp nun mit der Deutschen Bahn auf Schadensersatz. Wie ein Damoklesschwert hängt zudem der Verdacht über dem Konzern, sich auch an einem möglichen Kartell von Herstellern von Blechen für die Automobilindustrie beteiligt zu haben. Ob sich dieser Verdacht bestätigt, ist offen. Sollte dies aber der Fall sein, wären die Konsequenzen nicht abzuschätzen - die Autoindustrie gehört zu den größten Kunden von Thyssen-Krupp. Welchen Stellenwert die Aufarbeitung der Verstöße hat, zeigte sich auch auf der Hauptversammlung im Januar 2014: Dort schuf Thyssen-Krupp für den ehemaligen Metro-Manager Donatus Kaufmann einen neuen Vorstandsposten für Compliance.

Ramponierter Ruf

Der Ruf des einst stolzen Unternehmens ist durch Pleiten, Pech und Pannen und die Korruptionsvorwürfe ramponiert. „Es herrschte offenbar bei einigen die Ansicht vor, dass Regeln, Vorschriften und Gesetze nicht für alle gelten“, hat Konzernchef Hiesinger beklagt. Er will aufräumen und eine neue Unternehmenskultur einführen, in der Seilschaften und blinde Loyalität nicht wichtiger sind als unternehmerischer Erfolg. Dafür braucht er die volle Rückendeckung vom Aufsichtsrat.

Die Weißblechproduktion in Andernach bleibe ein Kerngeschäft von Thyssen-Krupp Steel Europe, erklärte der Konzern. Das Werk in Neuwied sei aber nicht mehr ausgelastet. Bis Ende September soll nach der bereits geschlossenen Bandverzinkung eine weitere Anlage stillgelegt werden. Das Kaltwalzwerk laufe noch bis Ende 2013. Die Beize werde noch bis September 2015 fortgeführt.

Thyssen-Krupp Steel Europe kämpft wie die Konkurrenten Arcelor-Mittal und Salzgitter mit einer schwachen Nachfrage und Überkapazitäten. Neben dem geplanten Abbau von 2000 Stellen könnten 1800 weitere Jobs durch den Verkauf kleinerer Stahlwerke aus dem Konzern fallen. Den Prozess hat das Unternehmen bereits eingeleitet.

Zur Disposition stehen Werke des Bereichs Electrical Steel in Gelsenkirchen mit 620 Mitarbeitern, im französischen Isbergues mit 590 und im indischen Nashik mit 610 Mitarbeitern. Bis zum Geschäftsjahr 2014/15 sollen in der Stahlsparte die Kosten um 500 Millionen Euro gedrückt werden. Im gesamten Konzern will Hiesinger zwei Milliarden Euro einsparen.

Von

rtr

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