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09.09.2015

23:45 Uhr

Strategiewechsel

Eon behält die Atomkraftwerke

VonJürgen Flauger

Die Politik zwingt Eon-Chef Johannes Teyssen zu einer entscheidenden Änderung seines Aufspaltungsplanes. Der Konzern wird doch nicht die Kernkraftwerke abgeben, sondern sich selbst um Rückbau und Entsorgung kümmern.

Aufgrund einer politischen Entscheidung sieht sich Eon gezwungen, den Rückbau der Kernenergie selbst in die Hand zu nehmen. AFP

Eon

Aufgrund einer politischen Entscheidung sieht sich Eon gezwungen, den Rückbau der Kernenergie selbst in die Hand zu nehmen.

DüsseldorfEnde 2014 hatte Eon-Chef Johannes Teyssen die Öffentlichkeit mit einem radikalen Strategiewechsel überrascht. Der Energiekonzern wollte sich komplett auf das Geschäft mit der Energiewende konzentrieren - und das alte Geschäft mit den Kraftwerken für immer abspalten.

Jetzt überrascht Teyssen die Öffentlichkeit mit einem neuerlichen Strategieschwenk: Die Eon SE wird die Kernkraftwerke doch behalten und sich selber um die Abwicklung des Atomausstiegs kümmern. „Der verbleibende Betrieb und Rückbau der konzerneigenen deutschen Erzeugungskapazität aus Kernenergie gehen nicht auf Uniper über, sondern bleiben in der Verantwortung von Eon“, teilte das Unternehmen am Mittwochabend nach einer Sitzung des Aufsichtsrates mit.

Kohle- und Gaskraftwerke werden dagegen wie geplant in das neue Unternehmen Uniper ausgelagert. „Die Aufspaltung in zwei Unternehmen erfolgt aus heutiger Sicht im Zeitrahmen“, erklärte Deutschlands größter Energiekonzern.

Atomkraftwerke bleiben bei Eon: Nicht schön, aber vernünftig

Atomkraftwerke bleiben bei Eon

Nicht schön, aber vernünftig

Schon wieder muss Eon-Chef Johannes Teyssen seine Strategie anpassen – dieses mal aber nicht freiwillig. Die Atomkraftwerke bleiben im Konzern. Die Politik lässt ihm keine andere Wahl. Ein Kommentar.

Dieses Mal ist der Strategieschwenk allerdings unmittelbar von der Politik erzwungen. Nachdem die Bundesregierung ihre Pläne präsentierte, die Haftungsregeln für Atomkonzerne zu ändern, sah Teyssen keine Chance mehr, die Vorhaben wie geplant durchzuziehen. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel hatte in der vergangenen Woche seinen Gesetzentwurf vorgestellt, demzufolge die Atomkonzerne unbegrenzt für die Folgen der Kernenergie haften müssen - auch wenn sie die Sparten veräußern. Bisher war die Nachhaftung auf fünf Jahre begrenzt.

Für die Eon SE würde das in der Praxis bedeuten, dass der Konzern zwar die Atomkraftwerke samt Rückstellungen an Uniper abspalten könnte, trotzdem aber keinen klaren Schnitt hätte ziehen können. Zwar hält Eon den Gesetzentwurf für rechtlich bedenklich und hat schon eine Klage angekündigt, die Abspaltung müsste aber in wenigen Wochen schon vollzogen werden.

„Mit dieser Entscheidung beugen wir Risiken für die Umsetzung unserer Konzernstrategie vor. Denn wir können und wollen nicht auf etwaige politische Entscheidungen warten, die die Abspaltung von Uniper verzögern könnten“, sagte Teyssen. Deshalb sei aktives Handeln geboten.

Insbesondere das Risiko einer gesetzlich verankerten Entkopplung zwischen Haftung und unternehmerischem Einfluss sei nicht tragbar, erklärte Eon. Ein verantwortungsvoller Vorstand könne seinen Eigentümern nicht vorschlagen, unbegrenzt für völlig unabhängiges Handeln einer anderen Gesellschaft zu haften. „In der globalen Wirtschaftswelt gibt es bei der Auftrennung von Eigentum kein vergleichbares Vorgehen für eine Haftungsregelung ohne Beschränkung von Dauer und Umfang. Dennoch will Deutschland diesen Sonderweg offenbar einschlagen“, betonte Teyssen.

Energiekonzerne im Umbruch

Zwei Wege, ein Ziel

Der Strom- und Gasversorger Eon, der einst seine Stärke aus Kohle, Gas und Atomkraft bezog, mutiert nach seinem eigenen Bestreben zu einem lupenreinen „grünen Versorger“. Und verheißen die Pläne zur Abspaltung des konventionellen Kraftwerksgeschäfts in den Eon-Mutanten Uniper einen Ausweg aus der Krise? Oder führt am Ende doch der Weg, den die Essener Konkurrenten RWE einschlagen wollen, indem sie den Konzern radikal vereinfachen und mehr Macht in der Zentrale konzentrieren, am schnellsten raus aus der Krise?

Was ist der Grund für die Zerschlagung von Eon?

Der Branchenprimus auf dem deutschen Strom- und Gasmarkt war wie alle großen Mitspieler durch die Energiewende in die Bredouille geraten. Zuvor waren Eon & Co durch die Ausweitung des Wettbewerbs auf den Märkten bereits Macht genommen worden. Unter anderem trennten sie sich von den Höchstspannungsnetzen. Mit der Entscheidung zum Ausstieg aus der Atomenergie aber erfolgte der entscheidende Schnitt – das Ende für die herkömmlichen Kohle- und Atomriesen war eingeläutet. Strom aus Wind und Sonne erhielt Vorfahrt.

Was erhofft sich Eon von der Abspaltung?

Jahrelang hatte der Konzern enorme Gewinne aus dem Strom- und Gasgeschäft gescheffelt und Aktionäre mit steigenden Dividenden verwöhnt. Das ist seit ein paar Jahren vorbei. Dabei steht der Konzern unter einem hohen Druck durch die Kapitalmärkte. Durch die Abtrennung erhofft sich die neue Eon, die sich künftig ganz auf Ökostrom, Energienetze und Kundenlösungen konzentriert, Rückenwind: Das Unternehmen ist frei von Altlasten - nur noch der Name erinnert an seine Herkunft.

Warum entschied sich RWE gegen die Aufspaltung?

Bei dem Konkurrenten aus Essen sind die Eigentümerverhältnisse anders gelagert. Während Eon eine börsennotierte Publikumsgesellschaft mit zahlreichen Anlegern ist, haben bei RWE die Kommunen noch ein entscheidendes Wörtchen mitzureden. Auch die waren jahrelang durch üppige Dividenden verwöhnt worden. Eine Zerschlagung des Konzerns in zwei Teile wäre vor dem Hintergrund kaum durchsetzbar gewesen. RWE-Chef Peter Terium bezeichnete einen solchen Schritt auch als nicht „wünschenswert“. Hinzu kommt, dass bei RWE das Geschäft mit regenerativen Energien noch nicht so weit entwickelt ist wie bei Eon.

Was bedeutet die Abspaltung bei Eon für die Atomrückstellungen?

Darüber ist in den vergangenen Monaten viel berichtet und spekuliert worden. Eon-Chef Johannes Teyssen nannte diese Rückstellungen, die für den Rückbau der Atomanlagen vorgesehen sind und in der Eon-Bilanz 2014 eine Summe von mehr als 16 Milliarden Euro ausmachten, bei der Vorlage der Halbjahreszahlen als „sicher“. Die Summe wird vollständig Uniper zugeschlagen. Und Teyssen beteuert, dass das Unternehmen seinen Verpflichtungen voll und ganz nachkommen werde. Kritik kommt von Tobias Riedl von der Umweltschutzorganisation Greenpeace: „Die geplante Aufspaltung von Eon in eine „Good“ und eine „Bad Bank“ ist der dreiste Versuch des Konzerns, sich der Haftung für den selbst produzierten Atommüll zu entziehen.“ Eon strebe an, dass künftige Milliardenkosten für die Entsorgung des verstrahlten Abfalls möglichst die Bürger tragen sollten, sagt Riedl.

Welche Perspektiven hat Uniper?

Auf dem deutschen Strom- und Gasmarkt wird es Uniper schwer haben. Auch wenn Eon den Bereich heute als einen für Jahrzehnte wichtigen Baustein beim Umbau des Energiesystems sieht - nämlich durch seine absichernde Funktion für die erneuerbaren Energien - wird das Unternehmen nach Ansicht von Branchenbeobachtern noch lange an seinem Image als Auslaufmodell zu tragen haben.

Welche Lichtblicke sind beim Umbau der Konzerne zu erkennen?

Mit dem massiven Ausbau der Erzeugung von Windkraft und Solarenergien und dem Anschluss der Parks an die Stromnetze ernten die Unternehmen allmählich die ersten Früchte ihrer Investitionen. Mittlerweile ist Eon an 10 Windparks auf See in Europa beteiligt und kommt weltweit auf eine Kapazität von 4000 Megawatt. Der Anteil der erneuerbaren Energien an der gesamten Stromerzeugung liegt derzeit bei rund 14 Prozent, bei RWE sind es mit 5 Prozent deutlich weniger.

Quelle: dpa

Für Teyssen ist das zweifellos ein schwerer Rückschlag. Seine neue Strategie fußte bewusst auf der klaren Trennung zwischen alter und neuer Energiewelt. Jetzt muss sich die Eon SE neben Vertrieb, Netz und erneuerbaren Energien auch noch um Rückbau und Entsorgung der Atomkraftwerke kümmern.

„Unsere Entscheidung ermöglicht den nötigen Freiraum, die Konzernstrategie und den laufenden Abspaltungsprozess im vorgesehenen Zeitrahmen umzusetzen. Damit schaffen wir gute Perspektiven für unsere Mitarbeiter und eine wertorientierte Neuaufstellung für unsere Eigentümer“, sagte Teyssen.

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